Die Mumie an der Kö und ein Witwer im Clinch mit der Stadt

1930 tat ein Anwalt aus Mailand alles, um seine tote Frau im Haus aufzubewahren. Dann brachte die Polizei sie zum Nordfriedhof.

Düsseldorf. Es ist eine skurrile, aber auch bewegende und etwas makabre Geschichte, die zu Beginn der 30er-Jahre an der Königsallee spielte und die Stadtarchivar Benedikt Mauer in Form der „Akte Mancini“ ausgegraben hat.

Mauer erzählt sie im neuen Düsseldorfer Jahrbuch (siehe Kasten) unter der Überschrift: „Eine Mumie in Düsseldorf, oder: Der untröstliche Witwer von der Königsallee“.

Die Hauptrolle in dem drei Jahre währenden Stück spielt Luigi Mancini, ein Rechtsanwalt aus Mailand, der an der Königsallee 12 wohnte. Er schrieb im Mai 1930 einen Brief an den Düsseldorfer Stadtoberarzt Albrecht und äußerte einen bizarren Wunsch: Seine bereits im Februar 1928 in Genua verstorbene Frau Wilhelmine (Mädchenname: Faccenda), geboren 1873 in Düsseldorf, solle zu ihm ins Haus an der Kö zurückkehren.

hr Leichnam sei ordnungsgemäß einbalsamiert worden, er wolle ihn zumindest acht Tage im Haus behalten und dann in einem Mausoleum beisetzen lassen.

Der Amtsarzt staunte, fragte bei der Gesundheitspolizei in der Zollstraße nach und gestattete dann nach einigem Hin und Her die Aufbewahrung der Leiche in der Wohnung für fünf Tage — man wollte dem trauernden Witwer entgegenkommen. Doch von nun an ging Mancini zum Angriff über, tatsächlich hatte er seine tote Frau längst aus Italien an den Rhein geholt.

Und der Stadt machte er klar, dass sie in der Wohnung an der Kö auch bleiben solle: „Vorläufig stelle ich keinen Begräbnisantrag“, schrieb er an das Begräbnisbüro. Und kehrte fortan den Juristen heraus. Er sei der „Universalerbe der Hülle der Entschlafenen“ und er könne mit ihr machen, was er wolle, zumal sie in Köln neu einbalsamiert worden sei.

Doch nun hatte die Stadt genug von Luigi Mancini. Gesundheitsamt und Polizei stellten klar, dass ein Mausoleum den Mitbewohnern an der Kö nicht zumutbar sei und auch nicht den Gästen der „Weinstube Faccenda“, die sich im Erdgeschoss des Hauses befand. Es gelte der Friedhofszwang, eine Geldstrafe von 300 Reichsmark oder 15 Tage Haft wurden angedroht.

Mancini beeindruckte das nicht, er blieb stur. Gepfefferte Briefe wurden hin- und hergeschickt, einmal schrieb der Witwer: „Meine Gattin ist für mich eine Heilige.“ Und tatsächlich gingen Monate ins Land und die Leiche blieb, wo sie war. Mitte August 1930 aber schaltete sich die angeheiratete Familie der Faccendas ein und wandte sich an den Polizeipräsidenten wegen der „unhaltbaren Zustände“.

Und dann bekam auch die Presse Wind von der „Mumienaffäre“ und nahm rasch die Stadt wegen ihres Nichtstuns unter Feuer, auch mit nationalistischen Tönen: „Wie konnte man einem solch lästigen Ausländer gegenüber (...) eine solche Lammesgeduld an den Tag legen“, hieß es etwa im Stadtanzeiger.

Oberbürgermeister Robert Lehr fühlte sich zum Handeln verpflichtet, am 2. September holte die Polizei den Sarg aus dem Haus an der Kö und brachte ihn zum Nordfriedhof, die Geschwister der Toten identifizierten die Leiche, und dann wurde Wilhelmine Mancini im Familiengrab der Faccendas beigesetzt.

Doch damit war die Geschichte noch nicht beendet. Die Stadt versuchte Luigi Mancini auszuweisen und erhob immer neue Vorwürfe gegen ihn, unter anderem den der Steuerhinterziehung. Doch der Anwalt wehrte sich verbissen und mit allen Tricks — und er spielte geschickt verschiedene Behörden gegeneinander aus.

Erst im April 1933 wurde er aus Deutschland abgeschoben, was laut Mauer jedoch nichts mit der Machtergreifung der Nazis zu tun gehabt habe. Der Historiker bilanziert: „Was bleibt? Allein ein Mann, der seine Frau offenbar abgöttisch liebte? Sicher war er von einem manischen Erinnerungskult getrieben. Doch Mancini hatte den Bogen schlichtweg überspannt. Vordergründig war er der untröstliche Witwer von der Königsallee.“

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