Die Mär vom bösen Juden in Venedig

Die Mär vom bösen Juden in Venedig

Roger Vontobel inszeniert Shakespeares „Kaufmann von Venedig“ als etwas aus der Zeit gefallene bitterböse Komödie.

Rache! Rache! Nichts als blutige Rache treibt Shylock an. Der jüdische Geldverleiher kennt keine Gnade, besteht auf strenger Einhaltung des Kreditvertrags, den er mit Antonio, dem „Kaufmann von Venedig“ geschlossen hatte. Die Geschäfte des einst wohlhabenden Kaufmanns laufen schlecht, er verfügt über kein Bargeld — gerade, als er seinem Geliebten Bassanio Geld leihen will. Nach Fristablauf darf, laut Vertrag, Shylock ein Pfund Fleisch aus Antonios Herz schneiden.

Der rachsüchtige, böse Jude auf der Bühne — zu Shakespeares Zeiten, als er das gleichnamige Stück verfasste, waren Rufe wie „Judenschwein“ vielleicht nichts Außergewöhnliches. Über 400 Jahre später aber und nach Holocaust und Zivilisationsbruch stellt sich indes die Frage, ob manche Passagen dieser bitterernsten Komödie nicht antisemitisch wirken können. Dennoch wagen bundesweit derzeit manche Regisseure (wie auch Karin Beier in Hamburg) eine Neu-Inszenierung, zumal wenn sie eine politische oder kulturelle Botschaft transportieren wollen.

Worum es Roger Vontobel beim um 1600 uraufgeführten „Kaufmann von Venedig“ geht, warum er die Tatorte Venedig und das fiktive Eldorado „Belmont“ auf einer gülden glitzernden Revuebühne mit Lametta-Vorhang verlegt und flott spielen lässt — all’ das ist nach der Premiere im voll besetzten Central des Schauspielhauses nicht zu sagen. Team und Schauspieler wurden zwar nicht bejubelt (bis auf Hauptdarsteller Burghart Klaußner), aber angemessen gefeiert. Immerhin bescheren sie in knapp drei Stunden einen unterhaltsamen Abend, der auch dank einer Musikmischung aus Renaissance-Liedern und Rock (Keith O’Brien) kaum in Langeweile abgleitet. Besonders Matthias Luckey als Shylocks Diener Lanzelot Gobbo, der sich wie eine dürre Schlingpflanze windet und schließlich in die Dienste des Christen Antonio schleicht, führt mit Countertenor-Gesängen in eine ferne Shakespeare-Zeit — damals, als die Ablehnung von jüdischen Ritualen zum guten Ton der besseren Gesellschaft gehörte. Und schafft eine Atmosphäre, die zwischen Heiterkeit und Beklemmung pendelt.

Ansonsten inszeniert Hausregisseur Vontobel vom Blatt, zeigt Mut zur deftigen, stilsicheren Shakespeare-Komödie und führt die Schauspieler sicher durch manchmal fliegende Wechsel zwischen Venedig und dem „Belmont“. Dort wartet die reiche Erbin Portia auf Erlösung durch einen Freier, der die Drei-Kästchen-Rätsel lösen soll. Um sie (Minna Wündrich als coole, schnoddrig moderne und ziemlich starke Portia in Anzug) zu gewinnen, wird die von Antonios Freund Bassanio besucht. Er will durch Portias Liebe und Geld seine Schulden begleichen.

Sebastian Tessenow überzeugt als verführerisch geschmeidiger Bassanio, der seine Reize zielsicher einsetzt und zwischen Homo- und Heterosexualität schwankt. Er knutscht mit Antonio, kurz später schwört er Portia die große, wahre Liebe. Dass seine Neigung zu Antonio größer ist, lässt das Finale vermuten. Andreas Grothgar gibt den Antonio als Melancholiker, bleibt aber sonst fad.

Zur Hauptfigur, dem reichen Jude Shylock, ist dem Regieteam nicht viel mehr eingefallen als im gekürzten Text (in der lebendigen, aber nicht aufdringlich aktualisierten Übersetzung von Elisabeth Plessen) steht. Sein Pfund ist der auch in Hollywood erprobte Burghart Klaußner. In schwarzem Anzug und traditionellem Hut hat er zwar nur wenige Auftritte, bleibt aber die ganze Zeit sichtbar und verharrt wie eine düstere Statue auf einer Bank.

Eine starke Szene macht Klaußner aus dem Monolog: Der sonst so lakonisch und schnörkellos knorrige Shylock besteht darin auf das vertraglich festgeschriebene Recht, aus Antonios Körper ein Stück Fleisch herauszuschneiden. Rutscht auf den Knien und scheint taub für das hässlich lautstarke Gebrüll „Jude“, mit denen Bassanios schmierlappige Entourage auf Shylock einhämmert. Stark und spannend ist die Gerichtsszene: Portia, verkleidet als abwägender, Gerechtigkeit suchender Richter (Wündrich hütet sich vor einer Maskerade) ermahnt ihn zur Gnade und fordert ihn auf, stattdessen das Geld zu nehmen. Ohne Erfolg. Erst durch eine Spitzfindigkeit überwindet sie ihn. Geschlagen geht er davon, bleibt, wie ein Gerichteter mit erhobenen Armen an der Mauer lehnend, zurück.

Offen lässt die Regie, was aus Shylock wird. Fazit: Eine unterhaltsame, musikalisch ansprechende und solide Stadttheater-Inszenierung. Nicht mehr, nicht weniger. Sie vermittelt zwar keine neuen Erkenntnisse, überzeugt indes durch die Schauspieler, allen voran Burghart Klaußner, Sebastian Tessenow, Matthias Luckey und Minna Wündrich.

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