Die gemeinsamen Unterschiede der Religionen

Die gemeinsamen Unterschiede der Religionen

Carsten Sander hat 14 Gotteshäuser und Gebetsräume in Düsseldorf fotografiert. „In Ewigkeit“ heißt seine Ausstellung, die heute eröffnet wird.

Es war 4 Uhr morgens, als Dalinc Dereköy in Düsseldorf eine unwirkliche Szene beobachtete, die jetzt zu einer besonderen Ausstellung für das Festival „Duesseldorf Photo“ führte. Dereköy kam damals von der Arbeit und blickte durch das Fenster eines thailändischen Restaurants. Dort sah er einen Mönch in einem orangefarbenen Gewand, der offenbar ein paar Gläubige segnete. „Ich dachte: Wenn ich das fotografiere, glaubt mir niemand, dass das in Düsseldorf aufgenommen wurde“, sagt Dereköy heute.

Von diesem besonderen Moment erzählte der Beobachter im vergangenen Sommer dem Fotografen Carsten Sander, als er ihn auf einer Hochzeit traf. Je länger die beiden Männer sprachen, desto klarer wurde die Idee, die verschiedenen Religionsgemeinschaften und ihre wichtigsten Räume in Düsseldorf zu besuchen, zu fotografieren, zu vergleichen. 14 Kirchen, Moscheen und andere religiös genutzte Orte wurden es am Ende. „Das war nicht immer leicht“, sagt Carsten Sander. „Ohne die Kontakte Dalinc Dereköys zu islamischen, christlichen, jüdischen, orthodoxen, buddhistischen und anderen Religionsgemeinschaften wäre das wohl nicht gelungen.“ Dereköy ist Deutscher mit türkischen Wurzeln, Vorsteher der muslimischen Moschee an der Münsterstraße und die treibende Kraft des Gemeinschaftsprojekts. „Ihm ist es nicht nur zu verdanken, dass wir an den Gebeten und Ritualen teilhaben konnten, sondern auch, dass wir Fotos machen durften — eine sensible Situation, da wurde Intimes plötzlich öffentlich.“

Unter den verschiedenen Erlebnissen hat Sander die spirituelle Zeremonie im Japanischen Tempel (Eko-Haus in Niederkassel) besonders beeindruckt: „Da waren gerade einmal zwei Japaner und sonst nur Deutsche“. Vertrautes, Erwartetes und dann wieder Brüche erlebte er auch an anderen Stellen: beim Aufmarsch von Jägern am St. Hubertustag in der Andreaskirche in der Altstadt (Dominikaner), beim vietnamesischen Gottesdienst in einer evangelischen Kirche in Eller oder beim Gospel in der New Life Church, einer Freikirche. „Eines meiner Lieblingsfotos ist das in der griechisch-orthodoxen Kirche ‚Heiliger Andreas’ — das sieht aus wie eine einzige Ikone“, sagt Sander. „Was jetzt noch fehlt, ist ein Foto von zwölf verschiedenen Glaubensbrüdern, die beim Abendmahl zusammen an einem Tisch sitzen“, plant er sein nächstes Motiv. Integration pur.

Beim Fotografieren der Gläubigen habe Sander „versucht, neutral zu bleiben“. Aus der Ähnlichkeit der Rituale, die er bei allen Religionsgemeinschaften beobachten konnte — singen, predigen, vorlesen — schließt der Künstler: „Die Idee des Glaubens ist bei allen gleich. Buddha oder der Heilige Geist — wo ist da der Unterschied?“ Hauptsache, das Reden und das Verhalten der Menschen seien gescheit.

Vielfalt und Toleranz — das ist es, was für Carsten Sander zählt. Der Sohn einer polnischen Jüdin ist schon vor mehr als 20 Jahren aus der evangelischen Kirche ausgetreten. „Ich glaube aber auch an etwas“, sagt er. „An gute Energie, die ich wieder zurück bekomme.“

Der 52-Jährige ist in den vergangenen Jahren vor allem durch seine Porträts bekanntgeworden. Wer auf seine Internetseite geht, stößt auf Mario Adorf, dessen Gesicht sich zwischen Licht und Schatten befindet, eine extrem dichte Aufnahme des Schauspielers Armin Rohde, den Fußballer Christoph Metzelder als Figur eines Tischkickers.

Für das Projekt „Heimat — Deutschland Deine Gesichter“ war Sander sechs Jahre in der Republik unterwegs und hat hunderte Porträts gemacht: Einfache Menschen, Obdachlose, Jung und Alt, aber auch Prominente und Politiker, wie Bundespräsident Frank Walter Steinmeier, Fußballer Sebastian Schweinsteiger oder Schauspielerin Iris Berben, alle gleichberechtigt nebeneinander, alle ohne Fassade. Das Ergebnis: ein buntes und modernes Land.

Echte Toleranz sei wichtig — nicht eine heuchlerische Willkommenskultur, die nach dem Begrüßungsritual endet, weil keiner Fremde aufnehmen will. „Ich weiß, wovon ich rede, ich habe in Berlin Kreuzberg gelebt.“ Inmitten von Muslimen habe er täglich erlebt, was Weggucken, Toleranz und Vielfalt wirklich bedeuten.

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