Die ESC-Show kann gar nicht so gut sein wie das Vorglühen in Düsseldorf

Die ESC-Show kann gar nicht so gut sein wie das Vorglühen in Düsseldorf

Der Düsseldorfer Chansonnier Mayo Velvo nimmt sich in der Jazzschmiede 62 Jahre Song-Contest-Geschichte vor. Die fünf wichtigsten Momente eines erstaunlichen Abends.

Ein Quäntchen Bitterkeit schwingt mit: „Lieder“, sagt Mayo Velvo, „hört man beim Eurovision Song Contest nur noch selten.“ Mehr Klang-Collagen seien das, was da mit Pomp, Protz und Millionen Kilowattstunden über die Bühnen gehe. Gefällig, ja. Aber irgendwie seelenloser als zu der Zeit, da es noch Live-Orchester gab. Und Bühnenshows von der Qualität der ZDF-Hitparade.

Für einen Abend nimmt der Düsseldorfer Chansonnier mit seinem Piano-Partner Thomas Möller das Publikum in der Jazzschmiede mit in diese Zeit. Zum Vorglühen für Lissabon. Macht er öfter. 62 Jahre ESC-Geschichte passen in 141 Minuten, Pause inklusive. 30 Songs, die meisten bekannt, viele erfolgreich, andere nicht. Plus Informationen und Text-Übersetzungen, aus denen sich prima „Telekolleg Song Contest, Folge 1 bis 20“ schneidern ließe, so plauderig vorgetragen, dass man sich der sechs Jahrzehnte Popgeschichtsunterricht erst später bewusst wird.

„Polyglotter Kitsch mit Pathos-Schlagern vom Feinsten“, so nennen es die Veranstalter auf ihrer Homepage. Das ist aber die halbe Wahrheit. Allenfalls.

Nur aus Velvos kraftvoller, ungekünstelter, kantiger Stimme, aus Klavier und ein bisschen farbigem Schummerlicht besteht „Mayo Velvo sings Eurovision, Lissabon-Edition“. Und ein paar Länder-Fähnchen in DIN-A6. Muss eben. So weit reduziert wird aus manchem Kitsch plötzlich zarter Chanson. Verborgene Qualitäten strahlender LED-Effektshow-Siegertitel werden hörbar.

Zur Pause ertappt man sich glatt bei dem Gedanken, dass früher vielleicht doch alles besser war. Oder wenigstens manches. Damals, mit den Live-Orchestern. Beim Grand Prix Eurovision de la Chanson.

141 Minuten, das zeigen die Künstler, können im Nu vergehen. Diese fünf Momente bleiben in Erinnerung:

Natürlich geht’s nicht ohne Kitsch. „Ein bisschen mehr Lametta darf schon sein“, sagt Velvo und knüpft einen rosafarbenen Federkragen um seinen Hals. Nicht ganz die Gaultier-Federn von Dana International anno 98. Aber geht klar. Und dann ist Mayo Velvo ganz Diva: Runter von der Bühne, zeitlupiger Auftritt von links, große Geste. „Diva“ als Piano-Nummer. Wer braucht schon Gaultier? Oder Lichteffekte.

Der „Da müssen wir durch“, sagt Velvo, schnappt sich die nicht-elektrische Luftgitarre und klampf-pantomimt los. „Ich höre die Schreie beim Vögeln im Wind“, leiert er. Und überlässt ab da Nicoles Gewinnertitel seinem Pianisten. Gut so. Velvos Selbstgespräch darüber, warum es immer im Leben irgendwie nur für ein bisschen reicht, kommt besser an. Für Nicole ist der Alkoholpegel im Raum eben nicht hoch genug.

Schluss mit Chanson, jetz’ is’ Schlager. Oder Fernsehgarten. Die Malle-Fraktion an der Bar singt mit (nach den Refrains ist die Textsicherheit schlagartig dahin), es wird herzlich gelacht. Fast schon zu laut. Am Rand schunkelt eine grauhaarige Dame. Andere klatschen im Takt. Der Künstler trägt ein lustiges Strohhütchen mit Eurovisions-Herz in Italo-Farben. San Remo Musikfestival, wir kommen!

Gedämpftes Licht, rot. Velvo auf der Bühne. Sitzend. Barhocker. „What’s another year...?“. Man möchte einen Single Malt bestellen, nur um hineinzustarren. So einsamer Wolf. So gefallener Held. So gebrochenes Herz. Halt mich jetzt. Zum letzten Mal.

22.26 Uhr, zwei Minuten nach Show-Ende. Zwischenbilanz auf dem Notizblock. Deutsch. Englisch. Französisch. Portugiesisch. Niederländisch. Serbokroatisch. Hebräisch. Schwedisch. Norwegisch. Spanisch. In diesen Sprachen hat Velvo vorgetragen. Glasklar. Als spräche er sie täglich. Der Mann kann nicht nur Telekolleg, siehe oben. Sondern könnte womöglich auch Babbel erfunden haben.

Das Programm „Mayo Velvo sings Eurovision“ ist nochmal zu sehen am 4. Mai 2018, 20 Uhr, im Theater Takelgarn. Auf der Homepage gibt es Karten und weitere Informationen.

takelgarn.de