Die erste Düsseldorfer „Hörnacht“

Die erste Düsseldorfer „Hörnacht“

Kinder vertragen mehr, als Erwachsene meinen, sagt Autor Martin Baltscheit. Er moderiert einen neuen Konzertabend.

Martin Baltscheit ist 18 Jahre alt, als er Oscar Peterson und Lional Hampton in der Tonhalle erlebt. Damals hört er viel Jazz und vermutlich sind die Konzertbesuche ein wichtiger Grund dafür, dass es dabei geblieben ist. Der Kinderbuchautor spürt mit seinen Geschichten der Bedeutung der Sinne nach, und da er von der erquickenden Verbindung des Hörsinns und des Begreifens der Welt überzeugt ist, gehört für ihn die Musik als Werkzeug unbedingt dazu. Deswegen stehen bei seinen Lesungen gar nicht mal selten Musiker mit ihm auf der Bühne.

Die Tonhalle blieb über all die Jahre sein liebster Konzertsaal. Nicht nur, weil er Düsseldorfer ist. „Der Raum ist auf die Musik konzentriert. Es gibt keinen Schnickschnack“, sagt Baltscheit. Um so schöner findet er es, dass nun auch endlich seine Stunde schlägt: Am 17. Februar sitzt er nicht im Publikum, sondern steht zum ersten Mal auf der Bühne der Tonhalle und moderiert die — wiederum erste — Hörnacht für Kinder bis zehn Jahre. Wobei der Begriff „Nacht“ es nach dem Verständnis von Erwachsenen nicht wirklich trifft, denn die Veranstaltung ist von 17 bis 20 Uhr, was allerdings für Zwei- und Dreijährige, die ebenfalls eingeladen sind, ganz schön spät ist.

„In Kindergärten gibt es solche späten oder sogar Nachtveranstaltungen schon, “, sagt Ariane Stern, Musikpädagogin der Tonhalle. „Der Abend übt auf Kinder, deren Alltag sich ja hauptsächlich am Tag abspielt, eine besondere Faszination aus. Das wollen wir nutzen.“ Drei Stunden Musik, von Klassik über Jazz bis Pop und Beat Boxing werden geboten. „Keine Kinderlieder“, sagt Ariane Stern, um jene zu beruhigen, die nach vielen schlimmen Autoreisen keine Nerven mehr habe für Volker Rosin oder Rolf Zuckowski. „Es gibt Musik für Kinder, die auch Erwachsenen gefällt“, sagt Stern. Etwa 45 Minuten dauert jedes Konzert, es folgt eine kurze Pause, in der langen gibt es etwas zu essen und zu trinken. Im Grünen Gewölbe liegen Kissen bereit, dort dürfen Kinder und Eltern besinnlich verschnaufen, wenn ihnen danach ist.

Martin Baltscheit wird, unterstützt von Jazz-Musikern, die Geschichte „Major Dux oder der Tag, an dem die Musik verboten wurde“ erzählen. Vom sorglosen Pfeifen, das geahndet wird, von kalter Stille und einem Schriftsteller, der beherzt für die Schönheit der Töne eintritt.

Drei Stunden Programm für Kinder — das ist ein Wort. Und trotzdem kein Problem, sagt Martin Baltscheit. „Du kannst und musst von Kindern immer ein bisschen mehr fordern, sonst findet keine Entwicklung statt.“ Deswegen ist ihm auch bisher nicht in den Sinn gekommen, in seinen teils preisgekrönten Werken ein Thema auszuschließen. Die Tiere, über die er schreibt, sterben, trennen sich, leiden an Demenz und haben in einer Diktatur zu kämpfen. „Es gibt kein Thema, das du nicht für Kinder erzählen kannst“, sagt Baltscheit. „Sie sind süchtig nach Zuhören. Das ist genetisches Programm.“

Ihm persönlich gefällt jedoch auch die Vorstellung, die Sinne zur Ruhe kommen zu lassen. Diesen Zustand stellt er aktiv her. „Es ist manchmal schön, nichts zu hören. Kindern hingegen ist Stille nicht geheuer. Sie fehlt ihnen nicht.“ Weswegen ihnen, glaubt Baltscheit, die drei Stunden Programm nichts ausmachen werden. Respekt hat er allerdings vor der Altersempfehlung 0 bis zehn. Zumal er während der Konzerte ein Mindestmaß an Aufmerksamkeit erwartet.

Derweil steht bereits sein nächster Termin in der Tonhalle: Am 24. Juni gibt es von ihm die Geschichte vom einsamsten Wal der Welt zu hören, der höher singt als seine Artgenossen, was ihn zum Außenseiter macht. Was das mit der US-Sicherheitspolitik zu tun hat (kein Scherz), wird erst im Juni verraten.

Einen musikalischen Gefährten hat Baltscheit auch bei diesem Termin für Kinder ab sechs Jahren an seiner Seite: Es ist der Düsseldorfer Komponist Bojan Vuletic, Förderpreisträger der Stadt Düsseldorf und musikalisch-künstlerischer Leiter am Jungen Schauspielhaus.