Straßenzeitung Die Corona-Krise von „Fiftyfifty“: Unterstützung nötiger denn je

Düsseldorf · Der Zeitungsverkauf der gemeinnützigen Organisation für Obdachlose im Raum Düsseldorf stockt.

 Ein „fiftyfifty“-Verkäufer in Zeiten der Pandemie.

Ein „fiftyfifty“-Verkäufer in Zeiten der Pandemie.

Foto: Fiftyfifty

Der Verkäufer auf der Düsseldorfer Königsallee gibt alles, preist sein Produkt an, nimmt freundlich jede Absage hin und verkauft, wenn denn jemand kaufen will. Wie es läuft? „Könnte besser, aber es geht. Man kann davon leben“, sagt der junge Mann, der die Zeitung „fiftyfifty“ in Händen hält und sie lieber bei jemandem anderen wüsste, der dafür 2,40 Euro zahlt, mindestens, und danach ginge dann das Ganze seinen ausgeklügelten Weg: 1,20 Euro gibt’s für den Verleger, für die gemeinnützige Organisation für Obdachlose, 1,20 Euro bleiben dem Verkäufer, dem Obdachlosen. Der die Zeitungen selbst angekauft hat und sie jetzt für eigenen Gewinn veräußern muss – Trinkgeld gerne oben drauf. Aber: Zu viele Menschen gehen dieser Tage an den Verkäufern vorbei. Corona und das Papier, das zunehmend digital gelesen wird. Aber digital kann hier niemand der Obdachlosen verkaufen. Es ist: schwierig.

Hubert Ostendorf ist niemand, der jammert, er ist seit 25 Jahren der „fiftyfifty“-Macher und hat qua Amt viel erlebt. Aber einen Monat wie den Mai noch nicht. Corona hat die Auflage gedrückt, 13 000 Hefte haben sie verkauft, das ist die schlechteste dieser 25 Jahre. Im Corona-Monat April hatten sie die die Hefte den Verkäufern geschenkt, damit sie ein Auskommen finden, 18 000 gingen weg, aber das geht nicht dauerhaft, natürlich. „Dann könnten wir zumachen“, sagt Ostendorf, der für sein Projekt wirbt und wandert, hierher und dorthin. Und es mit einem Gelben Sticker auf die Juni-Ausgabe des Hefts hat drucken lassen: „Corona meiden: Ja; Obdachlose meiden: Nein“. Wer Gutes tun will, muss laut rufen.

Ostendorf weiß, dass gerade beides sinkt: Die Motivation der Menschen, im Kontakt zu kaufen. Aber auch die Lust der 2000 registrierten Verkäufer in Düsseldorf, von denen 400 aktiv sind, Hefte anzukaufen und auf die Straße zu gehen, wenn sie kaum jemand will. Früher haben sie 50 000 Hefte verkauft pro Monat, vor Corona noch 25 000, über 20 000 braucht es, damit sich das Heft selbst trägt. Das war immer so und bleibt das Ziel. Die Bilanz soll nicht durch andere Projekte verfälscht werden: Sie verkaufen Straßenhunde-Kalender, 10 000 bereits, zehn Euro, fünf Euro für den Verkäufer, die gehen gut. Sie haben eine Galerie-Aktion, in der Künstler Bilder zur Auktion frei geben. Aber das Geld geht in die Projekte, nicht in die Zeitung. Die muss sich selbst tragen. Der Grat ist schmal. „Wenn ich heute an der Uni die Studierenden nach der „fiftyfifty“ frage, sagen alle, sie lesen nur digital“, sagt Ostendorf. Kalender? „Einen Laptop kannst du dir nicht an die Wand hängen“, sagt Ostendorf. Und jetzt klingt er ein bisschen verbittert. Er sagt eindringlich: „Bitte kaufen sie diese Zeitung.“ Und:  „Werfen sie nicht nur einfach ein paar Münzen in den von uns nicht gewünschten Bettelbecher.“ Ohnehin sind für ihn die Verkäufer keine Bettler. Sie arbeiten. Meist Suchtkranke, die so Zugang zur Gesellschaft finden, der Verkauf als tagesstrukturierende Maßnahme, Anerkennung, Selbstwert. Gerade wird die App „Street News Finder“ entwickelt: In ihr sollen alle Verkäufer registriert und so zu finden sein. Mit Zusatzangeboten können sie sich darstellen. „Sie sind Multidienstleister, Kummerkasten, tragen Taschen zum Auto“, sagt Ostendorf und gibt ein Beispiel: „Der Rudolf, der seit 25 Jahren am Dreieck steht, ist eine Institution.“ Ihr Job sei zugleich Kriminalitätsprävention. Zwar würden viele mit dem erarbeiteten Geld ihre Sucht finanzieren, das aber auf legalem Weg. Die Arbeit „entspricht ihrer Lebenssituation“. Der Druck auf dem Arbeitsmarkt? Zu brutal.

Das Heft wird auch in Duisburg, Mönchengladbach, Krefeld, Essen, Bonn, im Bergischen Land und in Frankfurt verkauft. Düsseldorf ist wichtigster Markt, Ostendorf kämpft, dass er es bleibt. Corona mag Wirkungstreffer gelandet haben, aber die Hilfsbereitschaft war groß, ob durch Bürgerstiftung oder Aktion Mensch. Ostendorf sieht, was zu bleiben droht auch an der von ihm mitorganisierten Essensausgabe am Zakkin in der Fichtenstraße, vier Mal in der Woche. „Da stehen 200 Leute täglich. Und 40 Prozent standen da vor Corona nicht.“ Er wird in drei Monaten 60 Jahre alt. Aber nie wurde sein Kampfgeist so sehr gebraucht wie heute.

Spenden an asphalt e.V./fiftyfifty, Postbank Essen, IBAN: DE 35 3601 0043 0539 6614 31

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