Düsseldorf: Die Armenküche tischt ein feines Menü auf

Düsseldorf: Die Armenküche tischt ein feines Menü auf

Zu ihrem 25-jährigen Bestehen servierte die Armenküche geladenen Gästen ein Fünf-Gänge-Essen im Innenhof des Rathauses.

Düsseldorf. Im Innenhof des Rathauses sitzen Menschen an festlich gedeckten Tischen. Ober kredenzen aus Karaffen dunkelrot schimmernden Inhalt in stilvolle Weingläser. Vivaldis Vier Jahreszeiten erklingen. Bei den Ehrengästen handelt es sich um Bedürftige, Stammgäste der Armenküche, die Ober sind Ehrenamtler des Armenküchen-Teams. Und der edle Tropfen ist roter Traubensaft. Marion Gather, als Sozialarbeiterin hauptamtliche Mitarbeiterin der Armenküche, erzählt: „Wir servieren heute den Gästen, die zum großen Teil auf der Straße leben und die wir seit Jahren begleiten, ein feines Essen.“

Das Team wird insgesamt 90 geladene Gäste seiner Armenküche in drei Schichten kulinarisch verwöhnen. Eine logistische Meisterleistung. Soeben wird der erste Gang - Melone und Serranoschinken - serviert. In der kleinen Küche brutzelt derweil der Hauptgang, Rouladen nach Hausfrauenart. Dazu gibt es Spätzle, Soße und Salat. Im Raum neben der Küche richten weitere Ehrenamtler Portionen der Vorspeise an: Salat aus weißen Bohnen und Paprika, liebevoll dekoriert mit essbaren Blüten. Der ein oder andere Gast hat sich schick gemacht, manche Herren tragen Krawatte. Überall entspannte Gesichter.

„Das ist unser Glück, hiervon werde ich lange zehren“, schwärmt eine 45-jährige Besucherin, die anonym bleiben möchte. Sie käme fast täglich zur Armenküche, verrät sie. Trotz Wohnung und Grundsicherung, auf die sie seit 20 Jahren angewiesen ist. „Ich habe schon sechs Ein-Euro-Jobs gemacht, aber das brachte mich nicht weiter“, berichtet sie. Gerne würde sie eine Aus- oder Weiterbildung machen, aber: „Sie sagen, jenseits der 40 bin ich zu alt dafür“, bedauert die dunkelhaarige Frau.

„Die Armenküche ist die beste Einrichtung, die ich kenne. Ich komme fast täglich“, freut sich auch eine 55-Jährige, während das Roastbeef serviert wird. Sie habe zwar eine Wohnung, bezöge aber aufgrund von „Rücken und Asthma“ seit acht Jahren Grundsicherung, also Hartz IV. „Von den 409 Euro bleiben mir abzüglich der Kosten für Strom, das Sozialticket und Kontoführungsgebühren etwas über 300 Euro,“ sagt die Frau. „Außerdem esse ich lieber in Gesellschaft. Allein kommen die Probleme immer wieder hoch“, sagt die Düsseldorferin.

Auch ein Enddreißiger sitzt mit relaxtem Gesichtsausdruck an einer der festlich gedeckten Tafeln. „Diese Einladung und das tolle Essen sind eine feine Sache“, schwärmt der Stammgast der Armenküche. „Ich bin seit fünf Jahren ‚ofw’ - ohne festen Wohnsitz - lebe auf der Straße und kenne alle Notunterkünfte,“ erzählt er frei von der Leber weg. Er sei selbständig, Grafiker und Städtebauer. „Ich habe mir das nicht selber zu verdanken, dass ich ‚ofw’ bin“, resümiert er und fährt fort: „Ich bin den Jobcentern hinterher gereist, aber wenn man wie ich nicht verortet ist...“ Gut möglich, dass er eine Doktorarbeit über sein Leben auf der Straße schreiben werde, sinniert er. Und dann wird bereits der nächste Gang aufgefahren.

Übrigens: Wer keine Einladung erhalten hat, darf sich mit Landjägern, Brezeln und Obst eindecken. Johanna Lochner, seit über 20 Jahren beim Armenküchen-Team: „Es ist etwas Besonderes und wir freuen uns, dass wir das so anbieten können. Zum 20-Jährigen vor fünf Jahren saßen viele mit Tränen da, überwältigt davon, dass sie es wert sind, so ein Essen zu bekommen.“

Anfangs seien 40 gekommen. „Aber irgendwann sind wir mit 120 Besuchern an unsere Grenze gestoßen“, so Lochner. Marion Gather sagt: „Die Armenküche entstand als Reaktion darauf, dass das Ordnungsamt seinerzeit Platzverweise gegen Wohnungslose ausstellte.“ Mit einem Buscafé hat sich die Armenküche für eine Tagesstätte stark gemacht. Diese entstand unter Trägerschaft der Diakonie an der Ratinger Straße und zog später zur Liefergasse.

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