Der Brücken-Sprung ins rechte Rheingebiet

Der Brücken-Sprung ins rechte Rheingebiet

Linksrheinisch: Die Eingemeindung von Oberkassel, Heerdt, Niederkassel und Lörick wurde wie ein Investoren-Modell entwickelt.

Düsseldorf. Oberkassel, Lörick und Niederkassel waren bis Ende des 19.Jahrhunderts eher unbedeutende Fischer- und Bauerndörfer. Sie gehörten zur Bürgermeisterei Heerdt mit St.Benediktus als religiösem Zentrum und einem Rathaus, das von 1866 bis 1908 als Verwaltungszentrum diente und 1929 abgerissen wurde. 1801 lebten in all den vier Orten der Bürgermeisterei Heerdt nicht mal tausend Menschen, darunter 152 in Oberkassel. Die Landwirtschaft überwog.

Der Aufschwung ging ausschließlich von der Privatwirtschaft aus und war beispielhaft im Tempo und in der Finanzierung des Projekts. 1896 gründeten die vier Investoren Franz Haniel, August Bagel, Heinrich Lueg und Friedrich Vohwinkel die Rheinische Bahngesellschaft, bauten die Oberkasseler Brücke, erschlossen das Rheinknie für den An- und Verkauf von Grundstücken. 1898 wurde die Oberkasseler Brücke für den Verkehr freigegeben.

Nun musste nur noch der Bauboom eingeleitet werden: 1897 setzte die Planung und Realisierung des Straßensystems ein. Ab 1898 wurden die ersten Grundstücke verkauft, mit dem Ziel, aus Oberkassel einen Stadtteil des gehobenen Standards zu schaffen.

Die Pläne nach dem Konzept von Josef Stübben wurden in einer Bauordnung von 1898 zusammengefasst. Sie berücksichtigten den Verlauf der Rheinbiegung in Form von Ring- und Radialstraßen. An den Hauptkreuzungen entstanden Plätze. Die Höhen der Häuser wurden gestaffelt, an der Rheinfront durften sie bis maximal 20 Meter hoch werden, dahinter bis zu 15 Metern. Die ersten Jugendstilhäuser entstanden.

Alfred Wilms, Historiker aus Heerdt, lästert gern: "Stübben wies Oberkassel als Wohn- und Schlafstadt aus, in Lörick und Niederkassel sollten Landwirtschaft betrieben und in Heerdt Industrie und Gewerbe angesiedelt werden. Das war für Heerdt nicht besonders schön, aber für die Stadt Düsseldorf gewinnbringend. So wuchs Oberkassel zu einem prächtigen Vorort, während die anderen Stadtteile ihr Dornröschen-Dasein fristeten."

Aber nicht lange. Ab 1901, drei Jahre nach Eröffnung der Oberkasseler Brücke, verband die neue StraßenbahnlinieB Düsseldorf über Oberkassel und Heerdt mit Neuss. Die Strecke führte vom Graf-Adolf-Platz über die Luegallee und ab Oberkasseler Bahnhof eingleisig über die Belsenstraße nach Heerdt und weiter nach Neuss Hauptbahnhof. Oberbürgermeister Wilhelm Marx erwarb für die Stadt Düsseldorf schon 1907 die Hälfte der Aktien der Rheinischen Bahngesellschaft.

Mit der ersten festen Rheinbrücke veränderten sich Größe und Sozialstruktur im Linksrheinischen rasant. Zahlreiche Industriebetriebe siedelten sich an der heutigen Hansa-Allee an, die Bürgermeisterei Heerdt wuchs zwischen 1880 und 1899 von 3000 auf fast 5500 und bis 1909 auf über 13000 Einwohner. Die handwerklich-agrarisch strukturierte Gemeinde wurde zum Industriestandort.

Nun brauchte nur noch Nikolaus Knopp zu kommen. 1901 wurde er in Heerdt als Bürgermeister eingeführt. Privat lebte er schon 1905 in Oberkassel, zuletzt in Haus Esplanade am Luegplatz. In fünf Minuten Fußweg war er auf Düsseldorfer Gebiet. Auch als Heerdter Bürgermeister schlug sein Herz für Oberkassel, und alle Oberkasseler wollten praktisch seit der ersten Eingemeindungskommission von 1903 nach Düsseldorf kommen.

Der König von Preußen, zu dem Heerdt und Düsseldorf seit 1815 gehörten, sowie das Herren- und das Abgeordnetenhaus stimmten im Mai1909 dafür. Heerdt, Lörick, Niederkassel und Oberkassel wurden rückwirkend zum 1. April 1909 eingemeindet.