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Der Ausnahmezustand als Alltag

Der Ausnahmezustand als Alltag

Jürgen Retzlaff ist durch seine Arbeit vielen Staatsoberhäuptern und Prominenten begegnet. Für ihn war dies dennoch ein Job wie jeder andere.

Es gibt ein Bild, auf dem sieht es so aus, als würde Theodor Heuss Jürgen Retzlaff bei einem offiziellen Besuch die Hand geben. Der Fotograf war dem damaligen Bundespräsidenten offensichtlich so nah, dass dieser Eindruck entstand. Wenn man Retzlaff heute fragt, wie ihm das gelungen ist, sagt er: „Waren ja nicht viele da.“ Die Zeiten, in denen Fotografen mit Ellbogen und Objektiven um die besten Plätze für Promibilder kämpfen, waren noch nicht angebrochen. Deshalb hat Retzlaff eine Menge ungewöhnlicher Fotos ziemlich berühmter Menschen gemacht, die in einem Teil der Ausstellung „Durch Schau Rück Blick“ im Stadtarchiv zu sehen sind.

Der Ausnahmezustand als Alltag

Eine noch einmal herausgehobene Stellung unter den besonderen Motiven nimmt eine Aufnahme vom 29. Juli 1956 ein: Winston Churchill besucht die Landeshauptstadt von Nordrhein-Westfalen. Es gibt aber keinen Roten Teppich und kein Goldenes Buch. Churchill ist zu diesem Zeitpunkt schon mehr als ein Jahr nicht mehr britischer Premierminister. Der Grund seines Besuchs ist folglich auch kein staatstragender, sondern ein profaner. Churchill gehört das Pferd „Le Pretendent“, das unter einem englischen Jockey namens Smith auf der Düsseldorfer Galopprennbahn antritt. Retzlaffs Bild zeigt viele Schirme und Regenjacken, doch das Wetter war noch nicht das Schlechteste an diesem Tag für den berühmten Gast. „Le Pretendent“ geht als Vorletzter über die Ziellinie.

Der Ausnahmezustand als Alltag
Foto: Stadtarchiv/Jürgen Retzlaff

Die politische Reihe lässt sich fortsetzen. Konrad Adenauer ist aus einem für Retzlaff typischen Blickwinkel fotografiert. Der Bundeskanzler ist von hinten zu sehen, eine wichtige Rolle spielen die Düsseldorfer, die verfolgen, wie er aus dem Auto steigt. Vom Besuch der englischen Königin Elisabeth II. im Jahr 1965 gibt es ein Bild, das eine anscheinend endlose Fahrzeugkolonne zeigt — mitten in der Altstadt, auf der Bolkerstraße.

Viele der Prominenten hat Jürgen Retzlaff auf dem Rollfeld getroffen. Da steht der Sänger Cliff Richard kurz vor dem Ein- oder kurz nach dem Aussteigen am Flughafen, da ist Marlene Dietrich, die nach einer Unicef-Gala am 6. Oktober 1962 mit einem großen Blumenstrauß zu kämpfen hat.

Box-Weltmeister Max Schmeling, Gunter Sachs, Andy Warhol, sie alle waren in Düsseldorf, sie alle trafen Jürgen Retzlaff. Filmregisseur Alfred Hitchcock war im September 1972 in Europa unterwegs, um seinen Film „Frenzy“ zu bewerben. Erste Station dieser Reise war Düsseldorf. Hitchcock sitzt in einem Sessel im Kino, diskutiert offensichtlich leidenschaftlich mit jemandem — und hat seine Anzughose bis zur Mitte des Bauchs hochgezogen. Wie bei Heuss, wie bei Churchill: ein Bild, das typisch erscheint und sehr einmalig ist.