Kolumne: Der auffallend leise Düsseldorfer Oberbürgermeister

Kolumne : Der auffallend leise Düsseldorfer Oberbürgermeister

Seit der Debatte um das Ed-Sheeran-Konzert war Thomas Geisel in keinen politischen Konflikt mehr verstrickt. Das könnte Teil einer Strategie für die Kommunalwahl 2020 sein.

Thomas Geisel ist nicht gerade der meditative Typ. Wenn es Wett-Entspannen in sauerstoff-armen Höhen oder Achtsamkeits-Übungen bei einer durchschnittlichen Laufgeschwindigkeit von zehn km/h gäbe - dann vielleicht. Aber sonst eigentlich nicht.

Das galt zumindest bis vor kurzem. Im Moment scheint es, als sei der Oberbürgermeister in den vergangenen Wochen zufällig in ein Yoga-Studio geraten. Und als habe er das Buch „1000 spontane Ideen, mit denen ich Kooperationspartner und Opposition gleichermaßen auf die Palme bringe“ im Hotel seines Urlaubsortes liegen gelassen.

Thomas Geisel ist in der politischen Diskussion auffällig leise. Wenn man es nicht besser wüsste, könnte man sogar meinen, Spuren von Demut zu erkennen. Beispiel Gauselmann: Die Düsseldorfer Arena schließt einen umstrittenen Sponsoring-Vertrag und heißt nun Merkur Spiel-Arena. Das erste Foto vom offiziell ersten Treffen zwischen Geisel und dem Glücksspielunternehmer Paul Gauselmann gibt es erst, als die Tinte schon ein paar Tage trocken ist. Beispiel Höffner: Das Möbel-Unternehmen hat Düsseldorf abermals versetzt und ein neues Spielchen um den möglichen Bau an der Theodorstraße eröffnet. Geisel beruft eine Pressekonferenz ein und sagt selbstkritisch, es habe genug Warner gegeben, die diese Situation prophezeit hätten. Beispiel Radständer: Der Oberbürgermeister steht grundsätzlich für die Verkehrswende und die Fahrrad-Offensive. Dass die Stadt aber jede Menge neue Radständer kauft und diese auch auf nun ehemaligen Parkplätzen baut, ist Thema der zuständigen Dezernentin Cornelia Zuschke.

Zu dieser Entwicklung passt, dass die CDU schon länger keine Pressemitteilung mehr herausgegeben hat, in der ein Vertreter der Fraktion als das absolute Minimum eine 180-Grad-Wende vom OB und/oder dessen sofortigen Rücktritt fordert. Geisel bietet offenbar gerade keine Angriffsfläche.

Thomas Geisel hat viel erreicht, weil er durchhalten kann

Dieses Phänomen erscheint insofern erstaunlich, als es nicht zu der Persönlichkeit passt, die die Düsseldorfer in den vier Jahren, in denen Geisel nun Chef des Rathauses ist, kennengelernt haben. Der 54-Jährige ist ein Mann, der viele seiner Erfolge erreicht hat, weil er entgegen allen Abratens durchgehalten und durchgezogen hat. Seine Kandidatur für den Posten des Oberbürgermeisters ist das beste Beispiel dafür. Er trat als sehr weitgehend unbekannter Mann gegen den Amtsinhaber an, dessen Partei eine absehbare Mehrheit bei der Kommunalwahl einfahren würde — und gewann trotzdem. Bestätigungen wie diese haben dazu geführt, dass Geisel in aller Regel annimmt, dass sich seine Position durchsetzen wird, egal, was die anderen sagen. Das ging in der Vergangenheit soweit, dass er klare Fehler sogar noch wiederholte: Der Gegenwind bei der Tour de France basierte zu einem wesentlichen Teil darauf, dass er die hiesigen Politiker vorher schlecht bis gar nicht eingebunden hatte. Und trotzdem bahnte Geisel ein Großkonzert auf dem Messeparkplatz an und sprach wieder nicht mit den Fraktionen und traf auf eine noch heftigere Gegenbewegung.

Das Phänomen des plötzlich leisen OB wird noch erstaunlicher, wenn man sich erinnert, dass Geisel immer noch keinen neuen Kommunikator hat. Die frühere Leiterin des Presseamtes, Kerstin Jäckel-Engstfeld, hatte Ende Mai gekündigt, die Ausschreibung für ihre Nachfolge war bis zum 4. Juli befristet. Einen erfolgreichen Bewerber hat die Stadt seitdem noch nicht präsentiert. Man befindet sich dem Vernehmen nach „in Gesprächen“. Deshalb fehlt Geisel ein Öffentlichkeitsarbeiter, der ihn davon überzeugt haben könnte, die Strategie der politischen Ruhe zu fahren - und der ihn auch sehr regelmäßig daran erinnert.

Dass der OB nicht mehr im Mittelpunkt von Auseinandersetzungen steht, bedeutet nicht, dass er sich in die hinteren Gemächer des Rathauses zurückgezogen hat. Geisel ist reichlich unterwegs, eröffnet, begrüßt, schirmherrt. In den ersten fünf Tagen dieser Woche war er unter anderem beim Fest des chinesischen Generalkonsuls, einem Richtfest, einem sportlichen Experten-Talk, einer Museums-Pressekonferenz, beim Parlamentarischen Abend, den Ungarn-Tagen, einem Abend im Aquazoo und zur Sukkoth-Feier.

Die verschiedenen Aspekte ergeben in der Summe eine mögliche Strategie für die OB-Wahl 2020: Geisel setzt nicht mehr darauf, im politischen Zentrum zu punkten. Dort hat er es bei Freund und Feind schwer. Aber das sagt nichts darüber aus, wie die Düsseldorfer von Angermund bis Urdenbach ihn sehen. Seine deutliche Präsenz könnte ihm einen Vorsprung verschaffen, mit dem er ganz entspannt verfolgen kann, wen die CDU irgendwann für die OB-Wahl nominiert.

Mehr von Westdeutsche Zeitung