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Depression und Burn-Out: Therapeuten schlagen Alarm

Depression und Burn-Out: Therapeuten schlagen Alarm

Die Wartezeiten in den Praxen betragen Monate, die Zahl der Kranken steigt, aber die Zahl der Therapeuten droht zu sinken.

Düsseldorf. Es ist an der Zeit, Alarm zu schlagen, findet Andreas Soljan. Etwa 1500 Menschen haben sich im vergangenen Jahr bei dem Psychotherapeuten gemeldet, weil sie seelisch in Not waren — 1200 Hilfegesuche musste er abweisen.

„Und ich konnte nur 300 psychisch Kranke in meine Praxis aufnehmen, weil ich mit zwei anderen Psychotherapeuten mit eigenen Zulassungen zusammenarbeite.“

Bis Juli 2011 hatten sich schon wieder 900 Menschen gemeldet, die an Depressionen, einem Burn-Out-Syndrom oder anderen psychischen Erkrankungen leiden und einen Therapieplatz suchen.

„Es ist ein schreckliches Gefühl, all diese Menschen in Not abweisen zu müssen. Das ist ein Desaster“, sagt Soljan, der auch Sprecher der psychologischen Psychotherapeuten in Düsseldorf ist. Seinen Kollegen geht es genauso, aber sie haben keine Wahl.

In Düsseldorf gibt es etwa 250 von der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein zugelassene Psychotherapeuten. Diese dürfen in der Woche aber nicht mehr als 35 bis 36 Therapiestunden mit den Kassen abrechnen.

„Überschreitet ein Psychotherapeut diese Grenze drohen ihm Mittelkürzungen und im schlimmsten Fall gar der Verlust der Zulassung“, sagt Soljan. So werde vielen menschen die Chance auf eine Therapie genommen. Der logische Schluss: Es gibt einfach zu wenige Psychotherapeuten in Düsseldorf.

Das wiederum scheinen die Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigung zu widerlegen, nach denen Düsseldorf zu 139 Prozent überversorgt ist. „Diese Zahlen basieren auf einer bundesweiten Stichtagserhebung vom 31. August 1999“, sagt Soljan. Mit der Realität hätten diese Berechnungen nichts zu tun.

Zumal sie auch nicht die steigende Zahl der psychisch kranken und auf Therapien angewiesenen Menschen miteinbeziehen. Burn Out und Depressionen sind längst zur Volkskrankheit geworden — und Düsseldorf belegt in dieser Entwicklung einen Spitzenplatz.

Laut dem Krankenstandsbericht der DAK ist die Zahl der Krankmeldungen mit psychischen Ursachen von 2009 zu 2010 um über 30 Prozent gestiegen.

Gründe dafür sind steigender Leistungsdruck im Büro, ständige Erreichbarkeit und unausgeglichene Arbeits- und Freizeitverhältnisse. „Da ist Düsseldorf als Dienstleistungsmetropole besonders betroffen“, sagte Jürgen Zielasek von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am LVR-Klinikum.

Vor allem seien auch immer jüngere Arbeitnehmer betroffen. Das Phänomen hat auch oljan beobachtet: „Psychostörungen nehmen zu, und das wird so bleiben.“

Die langen Wartezeiten werden auch bleiben — oder noch länger. Die Bundesregierung plant auf der Basis der Versorgungszahlen der Kassenärztlichen Vereinigung ein Gesetz zur Verschlankung des Geunsdheitssystems.

Dem könnten im angeblich überversorgten Düsseldorf bis zu 45 Psychotherapie-Praxen zum Opfer fallen. Deswegen geht Soljan an die Öffentlichkeit und schlägt Alarm.