Demis Volpi: „Tanz ist die Muttersprache aller Menschen“

Interview : „Tanz ist die Muttersprache aller Menschen“

Interview Demis Volpi übernimmt im neuen Jahr das Ballett am Rhein – mit nur 33 Jahren. Im Interview spricht er über persönlichen Stil, sein Verständnis von Autorität – und was das Publikum erwartet.

Von einer eigenen Ballettkompanie hat Demis Volpi immer schon geträumt. Ein Traum, der dem in Argentinien aufgewachsenen Tänzer bereits mit 33 Jahren erfüllt wurde. Und dann noch mit dem mehrfach von Kritikern ausgezeichneten Ballett am Rhein. Volpi, der mit vier Jahren in Buenos Aires seine ersten Tanzschritte machte, hängte mit Ende 20 seine Tanzschuhe an den Nagel und setzt seitdem Tanzstücke und Opern in Szene – bis 2017 auch als Hauschoreograph des weltberühmten Stuttgarter Balletts. Selbstbewusst übernimmt er im nächsten Jahr die Düsseldorf/Duisburger Kompanie mit fast 40 Tänzerpersönlichkeiten. Bereits jetzt plant er für die erste Saison als Ballettchef der Deutschen Oper am Rhein, verhandelt mit Ensembles und muss neue Tänzer engagieren. Denn anders als sein Vorgänger Martin Schläpfer (ab 2020/21 in Wien), möchte Demis Volpi verstärkt Handlungsballette herausbringen. In der Szene ist bekannt, dass er mit starken, manchmal erotisch aufgeladenen Bildern Geschichten erzählen kann, in denen sich Fragen unserer Gesellschaft spiegeln. Auf einem Zwischenstopp nach Berlin stellt sich der argentinische Jung-Choreograph dem Interview.

Herr Volpi, seit wann wohnen Sie in Berlin?

Demis Volpi: Ich bin vor knapp einem Jahr von Stuttgart nach Berlin gezogen. (Er lacht): Ich packte gerade meine Bücherkisten aus, als Düsseldorfs Kulturdezernent Hans Georg Lohe anrief und mich zu einem Gespräch einlud. Jetzt steht bald der Umzug nach Düsseldorf an. Ich inszeniere in den nächsten Monaten zwar noch Tanz und Opern in Genf, Lyon und Saarbrücken. Aber es ist wichtig für mich, vor Ort präsent zu sein, vor allem ab Beginn meiner ersten Spielzeit.

Wie empfanden Sie es, als Stuttgarts damaliger Ballettchef Reid Anderson 2017 Ihren Vertrag als Hauschoreograph nicht verlängert hat?

Volpi: Es hat mich nicht überrascht, da ich bereits zehn Jahre in Stuttgart neue Stücke herausbringen durfte und ein Intendantenwechsel anstand. Er hat mir immer die Freiheit gelassen, mich auch an anderen Häusern auszuprobieren. Aus heutiger Sicht war es gut so, zumal ich in Stuttgart nicht zum Teil des Inventars werden wollte. (Red. Volpi war vorher dort als Tänzer engagiert).

Anders als Ihre Vorgänger verfügen Sie über keine Erfahrungen als Leiter einer kleinen Kompanie. Und jetzt ist’s gleich die größte in NRW mit Bühnen in zwei Städten mit jeweils anderem Publikum. Haben Sie nicht Angst vor dem eigenen Mut?

Volpi: Nein. Ich sehe darin eine Chance. Ich will Stücke für Zuschauer in beiden Städten kreieren. Die Region kenne ich ein wenig, da ich bereits für die Tanz-Kompanien in Dortmund und Gelsenkirchen gearbeitet habe. Durch meine Arbeit in Oper und Ballett konnte ich zudem viele Theater weltweit genau kennenlernen. Diese Erfahrungen nehme ich natürlich mit.

Benötigt ein Ballettdirektor nicht sehr viel Autorität?

Volpi: Ich musste mich als Choreograph sehr früh mit dem Umgang mit Autorität auseinandersetzen. Ich bin überzeugt, dass man Menschen auf Augenhöhe begegnen muss, immer einen Dialog suchend und ohne Angst zu akzeptieren, dass der Dialogpartner auch Dinge wissen wird, die man selber noch nicht kennt. Sonst wäre ein Dialog ja überflüssig! Autorität muss nicht einer autoritären Verhaltensweise gleichen. Wie man menschlich, respektvoll, mit Bescheidenheit und trotzdem mit der notwendigen Kraft um eine künstlerische Vision umzusetzen, ein Ensemble leiten kann, hat Jossi Wieler als Intendant der Oper Stuttgart vorgemacht. Diese Erfahrung ist eine große Inspiration, wenn ich über meine neuen Aufgaben nachdenke.

Sind John Cranko, in den 1960ern Begründer des Stuttgarter Nimbus, und John Neumeier, seit Jahrzehnten in Hamburg, Vorbilder für Ihre Arbeit?

Volpi: Sicherlich haben mich ihre Arbeiten geprägt. Cranko hat mit seinen Literaturballetten (nach Shakespeare und Puschkin) bewiesen, dass Tanz sehr gut konkrete Handlung ohne Worte erzählen kann. Tänzer mutierten bei ihm zu literarischen Figuren. Neumeier führt diesen Gedanken weiter und hat dazu berühmte Klassiker des Ballett-Repertoires mit dem Blick aus heutiger Zeit erzählt und wird dafür weltweit gefeiert.

Und Sie?

Volpi: In meiner ersten Saison werde ich eine neue Version eines Repertoire-Klassikers herausbringen.

Welchen Klassiker meinen Sie?

Volpi: Das verrate ich Ihnen noch nicht. Ziel ist aber: das Publikum muss verstehen, warum ich den Stoff neu erzähle. Denn die szenischen Künste sind, anders als die Bildenden Künste, lebendige Kunstformen. Pro Saison werde ich selber zwei neue Produktionen choreografieren, für die anderen Stücke engagiere ich Gastchoreographen.

Ihr bevorzugter Tanzstil: klassisch, neoklassisch oder Modern Dance?

Volpi: Das hängt vom Stoff ab. Wie man die Stile virtuos vermischen kann, hat Schläpfer zuletzt mit Bartóks „44 Duos“ gezeigt.

Bringen Sie eine neue Kompanie mit an den Rhein?

Volpi: Nein. Die Tänzer hier haben viel Potenzial. Insgesamt übernehme ich eine exzellente Kompanie. Für meine Arbeit ist es ein Glücksfall, weil es hier keine hierarchische Struktur gibt, von Gruppentänzern bis zu Solisten. Das hatte ich mir immer gewünscht. Allerdings werde ich auch Menschen mit bringen, die meine Arbeitsweise schon kennen.

Was ist der Reiz für Sie am Tanz?

Volpi: Tanz ist die Muttersprache aller Menschen. Ein schönes Beispiel: Wir haben mit dem Stuttgarter Ballett mit Crankos „Der Widerspenstigen Zähmung“ in China gastiert. Und haben das chinesische Publikum, die den Shakespeare-Stoff nicht kennen, zum Lachen gebracht.

Mit „Mord im Orient-Express“ haben Sie für das Dortmunder NRW-Juniorballett einen Tanzkrimi kreiert. Wird das Genre auch in der Rheinoper zu sehen sein?

Volpi: Jeder Vorhang, der aufgeht um eine Bühne zu enthüllen, ist für mich so aufregend! Vielleicht nicht gleich ein „Krimi“, aber sicherlich ein „Thriller“.

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