Das zweite Leben nach dem Herztod

Das zweite Leben nach dem Herztod

Zu Ostern eine kleine Auferstehungsgeschichte: Eine junge Frau verschleppt eine Erkältung und stirbt fast. Ihr Mann und Ärzte retten sie. Auch auf den folgenden Seiten widmen wir uns Menschen an der Grenze von Leben und Tod.

Düsseldorf. Gesa Geissel-Lüde ist 36 Jahre alt, seit vier Jahren verheiratet und seit vier Wochen Mutter des kleinen Konstantin. Sie arbeitet — außerhalb des Mutterschutzes, natürlich — als Marketing-Managerin bei einem großen Düsseldorfer Unternehmen, steht also zweifelsfrei mitten im Leben. Aber mitten in ihrem zweiten Leben. Denn sie war, drastisch gesprochen, schon mal tot. Der Grund: eine verschleppte Erkältung.

Foto: Zanin, Melanie (MZ)

Überlebter plötzlicher Herztod lautete ihre Diagnose im Februar 2009, als sie wieder aus dem Krankenhaus entlassen werden konnte. Bis dahin hing ihr Leben am seidenen Faden. „Ich hatte eine Grippe verschleppt, auf die ich nicht besonders gut Acht gegeben hatte“, erzählt sie gestern beim Gespräch im Augusta Krankenhaus in Rath. Dorthin brachte sie damals auch der Rettungswagen. „Habe einfach weiter Sport gemacht, viel gearbeitet und, ja, auch Karneval gefeiert.“ Sie ist ein fröhlicher, liebenswerter Mensch, spricht offen, ohne erkennbares Trauma über das Erlebte.

Nach einem Karnevalsabend legte sie sich ins Bett und wurde bewusstlos. Von da an erinnert sie sich an nichts mehr. Nicht daran, dass ihr Mann, damals noch ihr Freund, hereinkam und bemerkte, dass sie seltsam und irgendwann gar nicht mehr atmete. Nicht daran, dass er den Rettungsdienst rief und anfing, sie mit einer Herzdruckmassage wiederzubeleben. Auch nicht an die Ankunft im Krankenhaus. Kein berühmtes weißes Licht, einfach keine Erinnerung.

„Frau Geissel-Lüdes Mann hat genau das Richtige getan. Das war überlebenswichtig“, sagt Dr. René Weber, Oberarzt in der Kardiologie des Krankenhauses. Was passiert war: Die damals 27-Jährige hatte durch die Erkältung eine Herzmuskelentzündung bekommen. Die war die Voraussetzung für das, was an jenem Abend passierte: Gesa Geissel-Lüde bekam Kammerflimmern. „Sie müssen sich vorstellen, dass das Herz dann nicht mehr ausreichend Blut durch den Körper pumpt. Es pumpt nicht mehr gleichmäßig, sondern zittert nur noch unkontrolliert“, erklärt Weber. Mit jeder Minute, in der nichts getan werde, sinke die Überlebenschance dramatisch. Die Betroffenen verlieren das Bewusstsein, die Sauerstoffversorgung im Körper kommt zum Erliegen und wenn es keine Hilfe gibt, führt dieser Zustand zum Tod. Zum plötzlichen Herztod.

Nicht in diesem Fall. Der Ehemann hat mit der Herzdruckmassage dafür gesorgt, dass das Blut weiter zirkuliert. Dem Eingreifen ihres Mannes sei es auch zu verdanken, dass die 36-Jährige heute keinen bleibenden Hirnschaden hat. Der Notarzt setzte kurz nach Eintreffen den Defibrillator ein, der Stromstoß unterbrach das Kammerflimmern, das Herz konnte wieder pumpen.

Heute trägt Gesa Geissel-Lüde einen implantierten Defibrillator in der Nähe ihres Herzens. Der überwacht jeden Herzschlag; sollte wieder etwas geschehen, gibt er Stromstöße ab. „Ich glaube, das Gerät ist auch der Grund, warum ich das alles so schnell verarbeitet habe“, sagt sie. „Ich wusste ja, da passt jemand auf.“ Nicht allen ginge es so wie ihr, das wisse sie, viele hätten noch lange mit der Angst zu kämpfen, es könnte wieder passieren.

Im Krankenhaus habe sie noch gar nicht realisiert, was für ein Glück sie hatte. Prof. Dr. Rolf Michael Klein schon. Er ist der Chefarzt der Klinik für Kardiologie und erinnert sich noch daran, wie die junge Patientin eingeliefert wurde. „Unter Beatmung, wir mussten sofort sämtliche Untersuchungen durchführen und kamen dann zu der Erkenntnis, dass es der Herzmuskel ist. Und heute sitzt sie hier, Mutter eines gesunden Kindes, ist das nicht wie ein Wunder?“, sagt er. Die beiden verabschieden sich herzlich, Klein muss weiter, zu seinen Patienten.

„Ich bin dankbar dafür, dass alles so passiert ist, wie es passiert ist. Aber ich muss ehrlich sagen: Ganz anders als vorher ist mein Leben nicht. Ich glaube, für mein Umfeld war es schwieriger, das zu verarbeiten. Vor allem für meinen Mann, der das alles miterlebt hat.“ Der passe gut auf sie auf. Aber das habe er schon immer gemacht, sagt sie und lächelt. Nur wenige Einschränkungen müsse sie hinnehmen. „Am Flughafen kann ich nicht durch die normale Kontrolle gehen und einen Marathon darf ich auch nicht mehr laufen. Aber darüber bin ich überhaupt nicht traurig, so sehr liebe ich Sport nämlich auch nicht.“ Zwei Mal im Jahr muss sie zu René Weber zur Kontrolle, in vielleicht vier Jahren muss der Defibrillator ausgetauscht werden, dann ist die Batterieleistung erschöpft. „Da er aber noch nie etwas ausgleichen musste, ist die Laufleistung noch etwas länger“, sagt Weber. „Zum Glück“, ergänzt seine Patientin und klopft auf die Tischplatte.

Ein ganz normales Leben könne sie führen, abseits von Extremsport eben, sagt sie. Die Schwangerschaft sei völlig komplikationslos verlaufen, zur Sicherheit sei die Geburt aber ein Kaiserschnitt gewesen. „Was ich deutlich merke: Ich gehe definitiv bewusster durchs Leben. Aber nicht ängstlicher, im Gegenteil.“

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