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Das Stadtmuseum in Düsseldorf ist eine in Räume gepresste Depression

Stadt-Teilchen : Stadtmuseum in Düsseldorf - Ein Museum wie eine in Räume gepresste Depression

Warum das Stadtmuseum in Düsseldorf wie ein schlecht gepflegter Trödelladen wirkt.

Ich musste mich in der vergangenen Woche bei meinen Freunden aus Berlin entschuldigen. Die hatten kürzlich ein paar Tage Urlaub in Düsseldorf gemacht und sind der Nase nach durch die Stadt gestreift. Abends haben wir dann zusammengesessen, und sie haben mir von ihrem Erlebten eine Scheibe abgeschnitten. Unter anderem erzählten sie mir von einem Besuch im Stadtmuseum. Das sei sehr seltsam gewesen, berichteten sie. Düstere Räume, hingeworfene Ausstellungsstücke, und eine Atmosphäre wie im Kohlenkeller herrsche dort, sagten sie und handelten sich damit meinen vehementen Widerspruch ein. Offenbar seien sie als Berliner ein bisschen zu verwöhnt, entgegnete ich mit der mir manchmal eigenen Arroganz und fügte dann noch selbstbewusst hinzu, dass die Museen in Düsseldorf schon spitze seien. Was man halt so sagt als gebürtiger Düsseldorfer, wenn Auswärtige sich erdreisten, am Bild meiner Stadt zu kratzen.

Wir haben dann um des lieben Friedens willen rasch das Thema gewechselt und verbrachten noch eine schöne Zeit miteinander. Allerdings hatten die Freunde durch ihre Aussagen meinen Ehrgeiz angestachelt. Ich wollte ihnen noch nach ihrer Abreise einen einschenken. Von wegen, mein Düsseldorf beleidigen. Ich beschloss, mir selbst ein Bild vom Stadtmuseum zu machen.

Am Dienstag war es so weit. Ich stapfte zur Berger Allee und erwarb für vier Euro eine Eintrittskarte. Auf der stand „Guten Tag im Stadtmuseum“. Was soll ich sagen: Es wurde kein guter Tag, es wurde ein schlimmer Tag. Ein Tag, an dessen Ende ich meine Berliner Freunde anrief und ihnen beichtete, dass all das, was sie mir über das Stadtmuseum berichtet hatten, keineswegs übertrieben war. Es ist alles noch schlimmer, viel schlimmer.

Ich gebe zu, ich war sehr lange nicht mehr im Stadtmuseum. Es muss Jahrzehnte her sein. Ganz schwach schimmert da eine Erinnerung, dass es mir schon damals nicht gefallen hat, dass ich aber wohl dachte, dass sich das Museum gerade im Umbau befinde und deshalb alles so lieblos dahingestellt und aufgehängt wirkte.

Was mir bei meinem neuerlichen Besuch als erstes auffiel, war die funzelige Beleuchtung. Es war durchgehend so düster, dass ich mich streckenweise wie in einer Geisterbahn wähnte. Hier und da hängen dort leuchtschwache Neonröhren an der Decke, und hier und da hat man sich auch mal den Luxus eines Spots geleistet, der auf irgendetwas gerichtet ist, wobei man in den meisten Fällen nicht weiß warum. Strom sparen in allen Ehren, aber wenn man schon etwas zum Vorzeigen hat, dann zeigt man das auch vor und lässt es nicht im Halbdunkel vor sich hindämmern.

Dazu kommt, dass in diesem Haus keine Struktur zu erkennen ist, dass ich keinerlei Lenkung verspürte. Ich hatte genügend damit zu tun, mich im Räumegewirr nicht zu verirren. Irgendwann bekam ich dann einen Plan des Hauses in die Hand, der mir in etlichen leseunfreundlichen Farben grau die Raumverteilung skizzierte und in eng zusammengepferchtem Buchstabensalat anzuzeigen versuchte, was im jeweiligen Raum zu sehen ist. Das Problem ist nur, dass auf dem Plan Raumnummern stehen, ich aber in und an den meisten Räumen keine Raumnummern fand.

So fand ich auch einen Raum, einer Gefängniszelle nicht unähnlich, in dem standen vor vergitterten Fenstern zwei zusammengeschobene Tische mit Sitzgelegenheiten davor. Auf einem Tisch ruhte ein PC und ein Drucker. Ich fragte mich, ob das zu dem gestelzten Satz passen könnte, den ich als Einleitung auf der Webseite des Museums gefunden hatte. „Als partizipatives Museum ist das Stadtmuseum Ihre Plattform für die Gestaltung urbaner Prozesse“, steht dort, und ich meinte, mich erinnern zu können, irgendwo gelesen zu haben, dass im Museum PCs bereit stünden, auf dass die Besucher Kontakt mit diesem Dings, diesem neumodischen Internet aufnehmen könnten.

WZ-Kolumnist Hans Hoff Foto: NN

Ich drückte eine Taste, und der Bildschirm sagte, dass er nicht funktioniere, was ich angesichts der Umgebung stimmig fand. Bevor ich die Taste drückte, sah ich mich übrigens erst einmal um, weil ich generell Scheu verspüre, in einem Museum irgendetwas zu berühren. Aber da war niemand, der mich hätte ermahnen können. Ich war allein. Auf meinem einstündigen Rundgang begegnete ich neben den zwei Menschen am Kartenschalter exakt zwei anderen Menschen, beide identifizierte ich als Museumsmitarbeiter.

Ich hätte also problemlos ganze Räume umgestalten können. Nachher hätte ich mich dann berufen auf das Blähkonzept vom partizipativen Museum oder so. Natürlich habe ich nichts weiter berührt. Ich habe in der Düsternis eingeschüchtert die Schultern zusammengezogen und mich um Orientierung im Museum bemüht.

Man sieht dort einen riesigen stilisierten Radschläger vom Grand Depart, der einfach nur herumsteht und in hellem Gelb das damalige Desaster dokumentiert. Um die Ecke steht wie abgestellt und vergessen ein Klavier, auf dem schon Robert Schumann gespielt hat. Einen Raum weiter finden sich irgendwelche Fundstücke aus grauer Vorzeit, die möglicherweise glücklicher waren, als sie noch in der Erde ruhten und ihr Dasein nicht in miserabel ausgeleuchteten Vitrinen fristen mussten. Ach, ich könnte stundenlang abschreckende Beispiele für unzulängliche Präsentation aufzählen.

Ich fand ausgelegte Zettel, auf denen Besucher handschriftlich einen Kommentar hinterlassen können. Der werde gelesen, steht irgendwo. Zettel! Ausfüllen! Wird gelesen! Ich kann mir gar nicht so oft an den Kopf fassen, wie ich das nicht begreife. Wir haben 2019, und da legt man dort Zettel aus?

 Ich spürte, wie eine gewisse Wut in mir aufstieg. Das, was da versammelt ist, hat so, wie es inszeniert ist, nichts mit dem Düsseldorf zu tun, aus dem ich komme. Düsseldorf ist reich, hell und großzügig. Dieses Museum dagegen ist liederlich, kleinkariert und vernachlässigt. Es wirkt nicht einmal wie ein Museum, es wirkt wie ein schlecht gepflegter Trödelladen, wie eine historische Resterampe, so als habe jemand die vor Jahren vergessene Lagerhalle von „Bares für Rares“ aufgeschlossen.

Ich habe dementsprechend tief geseufzt, als ich das Museum nach einer knappen Stunde wieder verlassen konnte und zurück ans Tageslicht kam. Meine Schultern entspannten sich. Ich fühlte mich wie einer, der einer jahrelangen Gefangenschaft entkommen war. Ich beichtete alles meinen Berliner Freunden. Ich bat sie um Entschuldigung, und ich sagte, wie es ist. Dieses Stadtmuseum ist in meinen Augen kein Museum. Es ist eine in Räume gepresste Depression.