Das Für und Wider einer Rheinbahn-Jahreskarte für 365 Euro

Verkehrswende : ÖPNV: Was spricht für, was gegen eine 365-Euro-Jahreskarte?

Debatte um das vergünstigte Ticket als Anreiz, öfter auf Bus und Bahn umzusteigen, nimmt Fahrt auf.

Nach dem Erfolg in Wien und der probeweisen Einführung in mehreren deutschen Städten wie Bonn oder Reutlingen wird ein 365-Euro-Jahresticket für Bus und Bahn auch in Düsseldorf schon seit Monaten diskutiert. Bislang jedoch ohne Ergebnis. Neuen Antrieb bekam das Thema jetzt, weil Oberbürgermeister Thomas Geisel auch formell das Interesse Düsseldorfs an einer Teilnahme am Modellprojekt beim Bund angemeldet hat. Die verbilligte ÖPNV-Karte als Teil des Klimaschutzprogramms der Bundesregierung, soll in zehn Modellregionen ausprobiert werden. Die wichtigsten Fragen und Antworten:


Was soll eine Jahreskarte der Rheinbahn für 365 Euro im Jahr (ein Euro am Tag) bringen?

Die Befürworter glauben, dass sie in Düsseldorf mit seinem dichten Netz an Bahnen und Bussen deutlich mehr Menschen zum Umstieg vom Auto auf den ÖPNV motiviert.


Wie günstig wäre dieser Preis im Vergleich?

Aktuell kostet das Ticket 2000 in der Preisstufe A 3 (gesamtes Stadtgebiet) im Abo monatlich 77,35 Euro, im Jahr 928,20. Beim Ticket 1000 werden im Abo 68,65 Euro pro Monat oder 823,80 Euro per anno fällig. Demgegenüber wären die 365 Euro also eine enorme Ersparnis.


Wer soll das 365-Euro-Ticket beziehen können?

Wirklich Sinn ergibt es schon aus Fairnessgründen nur, wenn es alle Fahrgäste kaufen können, also – anders als zum Beispiel in Bonn – natürlich auch die Bestandskunden, also auch die Inhaber von Ticket 1000 oder 2000.

Welchen Verlust würde die Rheinbahn erleiden, wenn alle ihre derzeit rund 211 000 Abonnenten auf ein 365-Euro-Ticket umsteigen könnten?

Der Verkehrsverbund Rhein-Ruhr (VRR) hat da für Düsseldorf 34 Millionen Euro errechnet, die dann extra erstattet werden müssten. Ganz astrein ist diese Rechnung aber nicht. Denn es ist durchaus möglich, dass die Rheinbahn auch etliche Neukunden anlockt, die bisher entweder gar nicht oder nicht so regelmäßig Bus oder Bahn nutzen. Und von jedem von ihnen würde sie vorab garantiert 365 Euro pro Jahr einstreichen, was keine so schlechte Einnahmebasis darstellt.


Wovon hängt der Erfolg einer solchen Jahreskarte ab?

Letztlich von der Frage, wie ausschlaggebend der Fahrpreis ist. Sprich: Lassen Menschen das Auto öfter stehen, wenn der ÖPNV preiswerter wird? Vor allem bei den Verkehrsbetrieben selbst, auch bei der Rheinbahn, wird das gerne bezweifelt. Der Tenor ist: Autofahren ist, wenn man alle Kosten von der Inspektion bis zur Versicherung einrechnet, ohnehin teurer als der ÖPNV, das juckt die Autofahrer aber nicht. Ergo sind sie mit Preisnachlässen nicht hinter dem Steuer und von ihrem beheizbaren Fahrersitz wegzulocken. Selbst der tägliche Stau störe die notorischen Autofahrer letztlich weniger als die Vorstellung, zu Fuß zu einer Haltestelle gehen zu müssen und dann mit vielen anderen Menschen in der Bahn zusammenzusitzen, wird argumentiert.

Völlig von der Hand zu weisen ist das nicht. Demgegenüber aber steht eine gefühlt überwältigende Stimmung in Düsseldorf, die da sagt: Mit der Rheinbahn zu fahren ist mir viel zu teuer, egal ob es um die 2,90 Euro für eine einfache Fahrt oder die billigste Monatskarten für 68 Euro geht. Vor allem wenn man bedenkt, dass die Parkgebühren in Düsseldorf im Gegensatz zu den alljährlich steigenden VRR-Tarifen so gut wie nie erhöht worden sind.

Könnte die Rheinbahn denn viele neue Fahrgäste mit ihrer Infrastruktur überhaupt „verkraften“?

Kritiker des 365-Euro-Tickets behaupten: Nein. Dies überfordere sie, CDU-Fraktionvize Andreas Hartnigk zum Beispiel sagte jüngst erneut, die Rheinbahn fahre schon jetzt an der Kapazitätsgrenze, benötige dann noch weit mehr zusätzliche Bahnen, Busse und auch Fahrer, was sehr viel Geld koste. In Wahrheit ist die Rede von der Kapazitätsgrenze stark übertrieben. Nur ganz wenige Linien wie die U75, U76 oder die U79 sind wirklich „voll“ – und selbst die sind es praktisch nur in der Rush-Hour. Abgesehen von den Stunden werktags zwischen 7 und 9 und eventuell noch von 16.30 bis 18 Uhr dagegen findet man in den allermeisten Bussen und Bahnen bequem einen Sitzplatz.


Fazit: Es wird höchste Zeit, dass der ÖPNV preiswerter für den Kunden wird. Dann fahren die Düsseldorfer mehr Bus und Bahn, dann geht es voran mit der Verkehrswende. Weil die Senkung aller Fahrpreise aber derzeit utopisch ist, muss so eine Sonder-Jahreskarte für 365 Euro her. Natürlich darf die Rheinbahn auf etwaigen – freilich genau zu ermittelnden – Mindereinnahmen nicht sitzen bleiben, sie müssten von Bund, Land und Stadt ausgeglichen werden. Denn: Die Förderung des ÖPNV ist Umwelt- und Klimaschutz und damit eine zentrale Aufgabe der öffentlichen Daseinsvorsorge.

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