Düsseldorf: Dalinc Dereköy: „Viele finden hier eine neue Heimat“

Düsseldorf: Dalinc Dereköy: „Viele finden hier eine neue Heimat“

Dalinc Dereköy vom Kreis der Düsseldorfer Muslime über die Rolle der Moscheen bei der Integration von Flüchtlingen.

Düsseldorf. Viele der tausenden Flüchtlinge in Düsseldorf sind Muslime. Sie strömen in die Moscheen der Stadt — was diese vor Herausforderungen stellt. Sie müssen plötzlich für viel mehr Menschen da sein, Menschen von überall her, mit unterschiedlichen Sprachen. Sie sind aber auch gefragt bei der Integration dieser Menschen.

Herr Dereköy, macht sich der Zuzug von vor allem muslimischen Flüchtlingen nach Düsseldorf in den Moscheegemeinden bemerkbar?

Dalinc Dereköy: Ja, vor allem die arabischen und marokkanischen Gemeinden haben extremen Zulauf. Das Freitagsgebet ist inzwischen fast immer überfüllt. Die Moscheegemeinde an der Adersstraße hat sich schon an die Flüchtlingsbeauftragte Miriam Koch gewandt, um gemeinsam darüber nachzudenken, wie man weitere Kapazitäten schaffen kann, damit jeder beten kann. Beim Fastenbrechen sind die Gemeinden endgültig an ihre Grenzen gestoßen. Man darf nicht vergessen: Dort läuft alles ehrenamtlich. Mittlerweile fällt es schwer, den Bedarf zu decken.

Sie haben Frau Koch angesprochen — wie läuft die Kooperation mit dem Kreis der Düsseldorfer Muslime (KDDM)?

Dereköy: Wir haben einen direkten Draht zu Frau Koch, aber auch zu Oberbürgermeister Thomas Geisel, Bürgermeister Friedrich Conzen und den Wohlfahrtsverbänden. Man ist in engem Austausch, besonders was den Stand bei Sachspenden angeht — wobei der Bedarf da zurückgeht, da ja ein Großteil der Düsseldorfer sehr freigiebig war. Wir haben jetzt auch einen Anruf vom Sozialdienst katholischer Frauen und Männer (SKFM) bekommen, weil muslimische Familien gesucht werden, die minderjährige Flüchtlinge aufnehmen können. Das geben wir sofort weiter. Der Diakonie konnten wir in einem ähnlichen Fall sehr schnell helfen. Ein Vertreter des KDDM sitzt jetzt erstmals auch im Arbeitskreis „Flüchtlinge“ der Wohlfahrtsliga. Und die Jüdische Gemeinde hat Deutsch-Angebote für Flüchtlinge mit uns besprochen und sodann erarbeitet.

Wie engagieren sich die Moscheegemeinden speziell in der Flüchtlingsfrage?

Dereköy: Die Muslimische Hochschulgemeinde hat zum Beispiel 120 Übersetzer in 40 Sprachen zur Verfügung gestellt. Vor allem aber engagieren sich die Moscheen in ihrem Stadtteil — so hat etwa die Ditib-Moschee wie alle anderen im Ramadan für Flüchtlinge gekocht. Wir haben zwar einen eigenen Arbeitskreis innerhalb des KDDM für das Thema Flüchtlinge — aber da in den Gemeinden eben alles ehrenamtlich passiert, ist vieles auch organisch einfach gewachsen. Wir selbst haben eine Flüchtlingsmannschaft zu unserem bekannten Fußballturnier KDDM-Cup zugelassen und dort auch Spenden für ein Flüchtlingsprojekt der Organisation „Islamic Relief“ gesammelt.

Ist die Spendenbereitschaft und das Engagement in muslimischen Gemeinschaften höher als in christlichen?

Dereköy: Das würde ich nicht so sehen. Ich denke, tief religiöse Menschen generell sind angehalten, sich für Andere einzusetzen, zu helfen. Da spielt es keine Rolle, welche Religion er oder sie hat — sondern die gute Beziehung zu Gott. Aber wenn man die Struktur der muslimischen Gemeinden anschaut, die viel stärker von „Arbeitern“, finanziell Schwächeren geprägt sind, ist es schon bemerkenswert, was sie stemmen.

Welche Rollen spielen die Moscheegemeinden für die Integration der Flüchtlinge?

Dereköy: Es gibt viele Einzelbeispiele wie eine Gemeinde in Reisholz, die Rechts- und Sozialberatung anbietet — bei der es auch viel um Werte geht. Sie alle haben sich der freiheitlich-demokratischen Grundordnung verpflichtet. Aber auch der KDDM zeigt ja schon klar auf, welche Werte wir in Düsseldorf vertreten — eine Arbeitsgemeinschaft mit Sunniten und Schiiten, in guter Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde. Die stellt sich hier auch mit Politikern mal vor eine Moschee, wenn Dügida vorbeizieht. Manchmal ist es besser, so Wertevorstellungen vorzuleben, statt mit dem erhobenen Zeigefinger zu predigen. Wenn Frauen ohne Kopftuch einem freitags ganz selbstverständlich in der Moschee entgegenkommen.

Wie gehen die Moscheen mit den vielen verschiedenen Sprachen und Ethnien um, die jetzt hinzukommen?

Dereköy: Mit viel Empathie. Und es geht nur im persönlichen Kontakt. Man lächelt, gibt mal einen Tee aus. Aber die Moscheegemeinden können das Sprachen- und Kulturenproblem nicht lösen. Sie machen allerdings klar: Eine Moschee ist ein religiöser Ort, der jedem offen steht — da gibt es keine auf das Herkunftsland bezogene Innenpolitik. Die sollte es auch nicht geben. Man muss die Konflikte da lassen wo sie sind. Wir leben hier in Düsseldorf zusammen. Punkt.

Wie kommen denn die muslimischen Flüchtlinge mit dieser für viele fremden Art des muslimischen Lebens klar?

Dereköy: Erst mal gibt es natürlich große Dankbarkeit. Und zudem muss man sich vergegenwärtigen: Diese Menschen sind zum Großteil vor dem IS geflohen, der alle Pluralität — und die gab es in Syrien ja in Ansätzen — im Keim erstickt. Sie flüchten gezielt nach Deutschland. Da gibt es schon eine große Offenheit und Bereitschaft zu lernen.

Also sagen Sie: Wir schaffen das?

Dereköy: Nun ja, die Welt ist eben ein globales Dorf geworden — und wenn die Menschen in Syrien jetzt Hilfe brauchen, sollten wir in Mitteleuropa uns doch davor nicht verschließen. Die Türkei hat nur ein Drittel der Wirtschaftskraft von Deutschland und drei Millionen Flüchtlinge aufgenommen. Ganz zu schweigen vom Libanon und Jordanien.

Was glauben Sie, was sich durch die Zuwanderung für Muslime in Düsseldorf verändern wird?

Dereköy: Ich kann mir vorstellen, dass viele der Flüchtlinge hier wirklich eine neue Heimat finden und produktive Mitglieder der Gesellschaft werden. Aber ich denke auch, dass dies das ganze muslimische Leben in Düsseldorf verändern wird. Bislang war es stark türkisch geprägt — das ändert sich jetzt. Es führt zu einer Umgewichtung der muslimischen Identität. Ich hoffe persönlich, dass wir es durch diese Vielfalt schaffen, weniger als türkische oder marokkanische Muslime wahrgenommen zu werden. Sondern als Düsseldorfer Muslime.

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