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Chefarzt aus Düsseldorf will wegen Corona nur Risikogruppen isolieren

Pandemie : Streit in der Corona-Krise: Chefarzt will nur Risikogruppen isolieren

Experte aus dem Marienhospital stützt Geisel, während andere harte Kritik üben.

In Düsseldorf ist ein Streit um die Strategie gegen die Corona-Pandemie entbrannt. Im Kern geht es um die Fragen, wie lange das wirtschaftliche und öffentliche Leben herunter gefahren und die Bevölkerung am besten geschützt werden kann. In die Debatte eingeschaltet hat sich jetzt der Chefarzt der Klinik für Onkologie, Hämatologie und Palliativmedizin des Marienhospitals. Aristoteles Giagounidis hat mit den Onkologie-Professoren Martin Grießhammer aus Minden und Uwe Platzbecker aus Leipzig einen offenen Brief geschrieben. Sie plädieren dafür, die besonders durch den Coronavirus Gefährdeten mit Vorerkrankungen oder einem Alter von über 65 Jahren  „zu ihrem Schutz hermetisch“ abzuriegeln, während Personen mit niedrigem Risiko für schwere Krankheitsverläufe wieder mehr Bewegungsfreiraum ermöglicht werden sollte, um den „wirtschaftlichen Betrieb aufrecht“ zu erhalten.

Die Versorgung der Risikogruppe solle etwa über die Bundeswehr und die Vermittlung der Gemeinde erfolgen. Und nur „negativ getestete Kontaktpersonen sollten Zugang zu den Gefährdeten haben“. Giagounidis argumentiert auch mit Hilfe einer Untersuchung von Werner Correll, emeritierter Ordinarius für Psychologie der Universität Gießen, wonach die deutsche Bevölkerung im Verhältnis zu Italien und Spanien ein ausgeprägteres Sicherheitsbedürfnis habe und stärker regeltreu sei, sodass die Anordnungen eher befolgt würden.

Giagounidis fordert zudem Bund und Länder auf, einen „wissenschaftlichen Krisenstab zusammenstellen, der die Sinnhaftigkeit einzelner Maßnahmen hinterfragt“. Zwar sei es so, dass der Krisenstab der Bundesregierung „von exzellenten Virologen beraten“ werde, nun müssten aber Spezialisten der Primärversorgung, Intensivmediziner, Epidemiologen und Psychologen hinzugenommen werden.

In Düsseldorf befeuert hatte die Debatte OB Thomas Geisel mit einem Gastbeitrag in der Rheinischen Post, in dem er fordert, schon „heute eine Strategie zu entwickeln, wann und wie wir das öffentliche Leben wieder hochfahren. Es geht nicht, dass wir auf unabsehbare Zeit das gesamte öffentliche Leben stilllegen. Wir müssen gezielt diejenigen schützen, für die eine Infektion mit dem Virus gefährlich ist.“

Auch wenn Geisel und Giagounidis die aktuellen Anordnungen als richtig beschreiben, sieht Geisel das Problem heraufziehen, dass das „solidarische Miteinander der Generationen in Gefahr“ gerät. Je mehr Arbeits- und Ausbildungsplätze der Pandemie zum Opfer fallen würden, desto mehr könnten junge Menschen dagegen rebellieren, „dass ihre Zukunft aufs Spiel gesetzt wird zur Abwendung einer Gefahr, die sie eigentlich gar nicht betrifft“.

Vor allem für diese Passage wird Geisel hart kritisiert. Die OB-Kandidatin der FDP Marie-Agnes Strack-Zimmermann etwa sagt, dass auch jüngeren und gesunden Menschen schwere Krankheitsverläufe drohen. „Ich halte es für brandgefährlich, dass der Oberbürgermeister in dieser Situation all diese Maßnahmen, die unser aller Gesundheit schützen sollen, infrage stellt.“ Auch Stefan Engstfeld, der für die Grünen bei der OB-Wahl kandidiert, sagt: „Wer in solchen Zeiten versucht, Alt gegen Jung auszuspielen, spielt mit dem Feuer.“ CDU-Fraktionschef Rolf Tups  hält es „für unverantwortlich, dass OB Geisel den Eindruck erweckt, dass die Situation harmlos sei.“

Auch in der Medizin gibt es Widerspruch. So sprach sich der Berliner Virologe Christian Drosten am Mittwoch zwar dafür aus,  die Einschränkungen des öffentlichen Lebens nach wissenschaftlichen Modellvorhersagen zu einem geeigneten Zeitpunkt zurückzufahren. Risikogruppen einfach zu isolieren, funktioniere aber nicht.