Bulgakows "Hundeherz" als Groteske im Düsseldorfer Schauspielhaus.

Theater: „Hundeherz“: Wenn ein Hund zum Menschen wird

Bulgakows „Hundeherz“ als Groteske im Central. Eine Warnung vor Menschen-Experimenten.

Operation gelungen – Lumpi lebt. Genauer: der Straßenköter wird – unter dem Messer von Professor Filipp Filippowitsch Preobraschenksi - zum Menschen. Verliert seine Haare, geht aufrecht, gibt sich den Namen Polygraph Polygraphowitsch und macht dem Hausmädchen Sina Avancen. Der gelehrte Chirurg, der nach einem neuen Menschen forscht, ist zufrieden. Zunächst. Nur kurz währt die Freude über das scheinbar gelungene Experiment einer Mensch-Tier-Organ-Verpflanzung: Der Hundemensch, dem der Professor und sein Assistent Bormenthal Hypophyse Hoden eines plötzlich gestorbenen Kleinkriminellen eingepflanzt haben, entwickelt sich zum Brutalo und Charakter-Monster mit fletschenden Zähnen. So anders geplant und erhofft, dass der Professor in der Erzählung „Hundeherz“, mit der Michail Bulgakow 1925 die Auswüchse des neuen Sowjetkommunismus kritisierte, den ursprünglichen Zustand wiederherstellt. Er und Bormenthal greifen erneut zum Messer.

Evgeny Titov bringt diese Satire, die wegen der offenen Systemkritik erst 1987 in Russland erscheinen durfte, jetzt auf die Bühne des Central am Hauptbahnhof. Mit Saft und Kraft einer überbordenden Groteske, mit überspitzten Typen, reichlich Theater-Blut, heftigem Naturalismus und in historisierendem Dekor (Bühne: Falko Herold). Geschickt verbindet der russische Regisseur altmodische Atmosphäre und Psycho-Spannung mit einer humanitären Botschaft über die Beziehung zwischen Wissenschaft und Moral.

Man muss den Hundemenschen
so akzeptieren, wie er ist

Denn wenn man ein Menschen-Experiment zulässt, muss man das ‚Endprodukt’, hier: den Hundmenschen, so akzeptieren, wie er ist. Mit all’ seinen abscheulichen Eigenschaften. Dieses Fazit drängt sich zumindest im Schlussbild auf: Das erneut operierte Wesen, dem wieder Hundehaare wachsen, kauert mit krummen Beinen verzweifelt in blutbeschmierter Toilette und beteuert, er wollte doch nur „Teil der Gesellschaft“ sein.

Schwere, alte Tempelteppiche zeugen vom großbürgerlichen Milieu der Nach-Revolutionsjahre, in denen das sowjetische Gleichheits-Diktat absurde und üble Blüten trieb. Zu sehen an aufgeblasenen Hausverwaltern, die zu Denunzianten werden, wie Schwonder (Danzeisen). Hier residiert und arbeitet auf sieben Zimmern, inklusive OP-Raum, der selbstherrliche Star-Chirurg (auf den Punkt: Andreas Grothgar), der auf der Suche nach einem Ideal-Menschen und „rassischer Veredelung“ Gott spielt, bzw. dem Schöpfer mit ins Handwerk pfuschen will. Als Mischung aus Faust und Frankenstein kommt Grothgar über die Rampe, wird immer ungehaltener, als Polygraph sein anderes ‚Ich’ offenbart: Er agiert, grob, anzüglich, frisst wie ein Schwein, beißt seine Mitmenschen, schließt sich einem Revolutionskomitee an und treibt ein übles Machtspiel. Erstaunlich facettenreich spielt Torben Kessler diese Rolle. Trotz aller Gewalt-Ausbrüche bleibt er stets panisch ängstlich, leidet an sich und der Welt.

Fazit: Trotz des irritierenden Hyper-Naturalismus ein atmosphärisch dichter Abend, der indirekt aber vernehmbar vor Menschenexperimenten warnt.

Termine: 8., 21., 28. März, 10., 21. April, 5. Mai.

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