Pilotprojekt in Düsseldorf: Bürger-Dinner: Als Hauptgericht die freie Meinung

Pilotprojekt in Düsseldorf: Bürger-Dinner: Als Hauptgericht die freie Meinung

Beim 1. Düsseldorfer Bürger-Dinner im Jungen Schauspielhaus ging es um den Umgang mit einem Grundrecht.

Düsseldorf. An festlich gedeckten Tafeln nehmen Düsseldorfer und Flüchtlinge nebeneinander Platz. Aufgetischt wird ihnen auf der Bühne im Jungen Schauspiel ein Dreigänge-Menü und ein ungewöhnlicher geistiger Austausch mit Reden, inszenierter Lesung, einer Debatte in großer Runde und intimen Gesprächen mit bis gerade noch unbekannten Tischnachbarn. Die Bürgerbühne und WZ haben an die Münsterstraße geladen, um beim ersten Bürger-Dinner öffentlich über die Meinungsfreiheit zu diskutieren. Das Interesse ist so groß, dass man auf der Bühne spontan anbaut und eng zusammenrückt.

Der Anlass ist ja aktuell: In sozialen Netzwerken nutzen manche Menschen das gesetzlich garantierte Grundrecht auf freie Meinungsäußerung, um ihrem Hass auf Fremdes ungebremst Ausdruck zu verleihen. Gastrednerin Gülsen Celebi, eine Düsseldorfer Rechtsanwältin, die sich den Zorn der islamfeindlichen Dügida-Bewegung auf sich zog, berichtet: „Man hat sogar damit gedroht, mich umzubringen.“

Während des Essens sitzen Dolmetscher an den Tischen, die jenen Besuchern, die kein Deutsch verstehen, das Gesprochene übersetzen. Daher liegt ein angeregtes Gemurmel im schön beleuchteten Theaterraum. Und theatralisch wird es auch jetzt: Ensemblemitglieder lesen Hasskommentare aus Facebook vor — witzig verfremdet, in dem sie zum Beispiel bei jedem gesetzten Komma, das Wort „Komma“ laut skandieren und die vielen Fehler der Verfasser hörbar machen. Ein gelungen provozierender Kontrapunkt zum höflichen Umgang an der Tafel.

Im Netz landen die Medien häufig in der Schusslinie, das wird deutlich. Da ist etwa die Rede von „drecksdurchwanderten deutschen System-Medien“. Zu vernehmen ist auch der Appell: „Hören Sie auf, die Bürger zu belügen!“ Zudem wird mit Fäkalsprache nicht gespart. René Schleucher, Redaktionsleiter der WZ in Düsseldorf, sieht sich immer wieder mit der Behauptung konfrontiert, die Zeitung würde Lesern wichtige Informationen vorenthalten, vor allem die Nationalität von mutmaßlichen Straftätern. Nach der Silvesternacht in Köln habe man in der Redaktion intensiv über Nationalitätsnennung diskutiert, sagt René Schleucher. „Ist der Presse-Codex noch zeitgemäß?“ — so die Frage auch an diesem Abend. René Schleucher erläuterte die von Verleger- und Journalisten-Verbänden festgelegten Richtlinien, die besagen, dass die Nationalität nur dann genannt werden soll, wenn sie für das Wesen einer Straftat wichtig ist. Am Tisch sehen das nicht alle so, auch nicht unter den Flüchtlingen.

Über Artikel 5 des Grundgesetzes informiert Ingrid Burghardt-Richter, Anwältin der Düsseldorfer Kanzlei FPS. Sie hebt vor allem den Satz hervor: „Eine Zensur findet nicht statt.“ Doch Meinungsfreiheit stoße oft an rechtliche Grenzen und Gesetze, die vor Missbrauch des Grundrechts schützen sollen. „Aufruf zur Gewalt ist nicht erlaubt“, stellt die Juristin klar. Ertragen müsse man hingegen populistische Äußerungen etwa von rechtskonservativen Parteien. Das Recht auf freie Meinungsäußerung gelte auch für die AfD.

Wenn an diesem von Stefan Fischer-Fels und Christof Seeger-Zurmühlen vom Schauspielhaus sowie von WZ-Redakteurin Marion Troja locker moderierten Abend auch keine Extreme aufeinandertreffen, wird doch eifrig diskutiert: Medien sollten beim Kampf gegen Hetze im Netz stärker an einem Strang ziehen, heißt es, wogegen jemand anderes einwendet, genau damit bediene man das Vorurteil, die Presse sei „gleichgeschaltet“. Ein junger Syrer sagt, in Deutschland könne man seine Meinung frei sagen und das gefalle ihm, denn in Syrien gebe es ein solches Recht nicht. Ein Kurde beklagt, wie Facebook die Welt durcheinanderbringe und nichts dagegen unternimmt, dass sich Menschen gegeneinander aufhetzen. Eine Besucherin will wissen, ob jemand am Tisch sitze, der persönlich Leute kenne, die solche Hasstiraden verbreiten. Man solle diese Menschen ernst nehmen und schauen, unter welchen Bedingungen sie leben, erklärt sie. Das Bürger-Dinner hat den Gästen gefallen und soll schon im Dezember mit einem neuen Thema wiederholt werden.