1. NRW
  2. Düsseldorf

Bregenz hat in diesem Jahr keine Seebühne, Düsseldorf schon

Kultur : Bregenz hat in diesem Jahr keine Seebühne – Düsseldorf schon

Das Asphalt-Festival präsentiert seine Künstler auf dem Wasser – eine Stelle, bei der man sich fragt, warum er erst jetzt als Spielstätte entdeckt wurde.

Sie ist nicht besonders groß. Es passt auch keine große Anzahl von Zuschauern davor. Aber ihre Bedeutung ist groß. Die Bühne, die im See am Schwanenspiegel schwimmt, ist die erste, auf der wieder gespielt, getanzt, gelesen wird, die erste, auf der ein Festival stattfinden kann, und diejenige, auf der bis zum 19. Juli 40 Vorstellungen zu erleben sein sollen. Deshalb mag der Vergleich in der Überschrift dieses Textes etwas vermessen sein, aber die Euphorie bleibt berechtigt: Die Macher von „Asphalt auf See“ ermöglichen Düsseldorf wieder eine amtliche Dosis Kultur.

Die Bühne und ihre Kulisse sind an sich schon ein Erlebnis. Da fliegen Gänse, da donnern Straßenbahnen, da rauschen Bäume, und da stehen zwei der größten Hochhäuser der Stadt links und rechts. Die Zuschauer haben eine Menge zu gucken, die Künstler auf der Bühne müssen noch ein bisschen intensiver spielen, um sich die Aufmerksamkeit von den Bänken, Klapp- und Liegestühlen zu sichern. Ihre Herausforderung ist ausnahmsweise weniger die vierte Wand, sondern die zweite.

Die Auftritte am ersten Abend haben gezeigt, dass „Asphalt auf See“ noch mit einem zweiten Phänomen verbunden ist. Die Künstler müssen den Abstand zum Publikum, das einen Steg weit entfernt sitzt, überwinden. Dies schaffen sie, weil der Ton auf Kopfhörer übertragen wird. Die Zuschauer sind den Künstlern dadurch auf einmal ganz nahe, die Auftritte werden intimer. Das hilft dann auch, wenn Texte gleichermaßen poetisch wie komplex sind wie bei der deutsch-ungarisch-melancholische Theatergruppe So_Mermaids, die als erstes auf der Bühne spielte und am Samstag dort noch einmal zu Gast ist. Und das ist bei Konzerten trotzdem etwas anderes, als zu Hause Musik zu hören.

Das schwimmende Festival ist eine Art Sonderedition des Asphalt-Festivals. Die Macher Christof Seeger-Zurmühlen und Bojan Vuletić hatten zwei Jahre in die Vorbereitung der 2020er-Ausgabe gesteckt und erlebten dann, dass es im Juli 2020 defintiv nicht stattfinden können wird. Das Programm konnte größtenteils ins nächste Jahr gerettet werden. Aber dabei beließen es Seeger-Zurmühlen und Vuletić nicht, sondern dachten sich ein neues Konzept aus und luden neue Künstler ein, die ohne viel Technik oder Ausrüstung auf der Seebühne spielen – darunter auch die Uraufführung einer Dystopie namens „Der Volkskanzler“, die der Jurist Maximilian Steinbeis geschrieben hat. Da maximal 96 Gäste am Seeufer sitzen können, gibt es jeden Tag mehrere Festivalteile, so dass am Ende 3500 oder sogar knapp 4000 Zuschauer dabei gewesen sein können. Und sich wie die Macher die Frage stellen, warum nicht schon längst jemand auf die Idee gekommen ist, aufs Wasser zu gehen.

Die Premiere am ehemaligen Bootsanleger hat auch organisatorisch sehr gut funktioniert. Das Festival-Team bringt die Gäste einzeln oder als Doppel sicher an ihre Plätze (und nachher wieder raus), verteilt Stoff-Überzieher für die Kopfhörer, geht mit Getränken rum und desinfiziert zwischen den Vorstellungen alle Kopfhörer und Kugelschreiber an den Plätzen. Selbst Regen schadet dem Festival nicht, der kleine Schauer am ersten Abend hat gezeigt, dass die Abstandsregeln auch etwas Gutes haben: Alle können sich ihre Schirme über den Kopf halten und nehmen trotzdem niemandem die Sicht.