Botanischen Garten: Raritäten unter gläserner Kuppel

Botanischen Garten: Raritäten unter gläserner Kuppel

Seltene Pflanzenarten werden im Botanischen Garten kultiviert und so erhalten. Über einige Arten existieren kuriose Geschichten.

Düsseldorf. In NRW ist sie so gut wie ausgestorben, nur auf einer kleinen Wiese in Salzkotten bei Paderborn halten sich einige Exemplare noch unter strengen Schutzbestimmungen. Zarter Gauchheil (Anagallis tenella) heißt die Pflanzenart, die der Botanische Garten der Heine-Universität derzeit im Freigelände kultiviert und so retten möchte. Nur zur Blütezeit fällt das Gewächs, das vielleicht die seltenste Pflanzenart NRWs ist, wirklich auf: Dann streckt es seine zart rosafarbenen Kelche gen Himmel. Ansonsten ist die Pflanze kaum höher als ein Grashalm und wächst vor allem auf extrem feuchten Wiesen, bevorzugt auf matschigen Kuhweiden.

Foto: S. Etges

Im Botanischen Garten haben die Gärtner dafür extra ein Beet in eine kleine Sumpflandschaft verwandelt. Mehrere Exemplare der Art wachsen dort am Boden zwischen allerlei Sumpfgräsern. Zur Sicherheit haben die Düsseldorfer Setzlinge der Pflanze an die Botanischen Gärten in Bochum und Köln abgegeben. „Falls sie hier eingehen sollte, ist die Pflanze noch nicht verloren“, sagt Sabine Etges, Biologin und wissenschaftliche Leiterin des Botanischen Gartens. Koordiniert werden solche Schutzprogramme vom Verbund der Botanischen Gärten; es gibt sie für verschiedene Arten, um jede bemüht sich ein anderer Garten in einer anderen Stadt.

Foto: S. Etges

Weitaus imposantere und nicht weniger seltene Pflanzenarten stehen gut geschützt im mediterranen Klima unter den 640 Fensterscheiben des Kuppelgewächshauses. Aus allen Teilen der Erde stammen die hier gesammelten Arten, ein Rundgang gleicht einer kleinen Weltreise durch die Botanik.

Foto: Nikolas Golsch

Zu einigen Gewächsen kann Sabine Etges famose Geschichten erzählen. Etwa zur Wollemie, die für Laien wie eine Mischung aus Nadel- und Laubbaum wirkt, in Wirklichkeit aber ersteren zugerechnet wird und damit ein so genannter Nacktsamer ist. Das Kuriose: Bis 1994 galt die Art als seit 65 Millionen Jahren ausgestorben. „Bis dahin war die Pflanze immer nur anhand von Fossilien beschrieben worden“, sagt Etges. Bis ein Ranger eines australischen Nationalparks eines Tages 23 Bäume und einige Jungpflanzen entdeckte. Schnell wurde das Erbgut der Pflanze gesichert und werden Setzlinge herangezogen. Vor zehn Jahren kam eine Wollemie so nach Düsseldorf.

Schon 60 Jahre haben die afrikanischen Grasbäume auf dem Buckel. Faszinierende Gewächse, die nicht nur viel Platz in der Breite einnehmen, sondern deren Blütenstand zurzeit auch in die Höhe schießt — bis zu vier Meter hoch. Wie monströse Grasbüschel sehen die Gewächse aus, „in Wirklichkeit verbirgt sich unter ihren stacheligen Halmen aber ein massiver Stamm“, sagt die Biologin. Wer die Blätter zurückschiebt, kann den auch deutlich erkennen.

Noch höher als die Blütenstände der Grasbäume sind unter der gläsernen Kuppel, deren sechseckige Form eines Ikosaeders sich übrigens im ganzen Garten widerspiegelt, die Baumfarne, für die Sabine Etges eine besondere Leidenschaft entwickelt hat. Die teils äußerst seltenen Gewächse aus den Tropen haben mit der Zeit beachtliche Stämme aufgebaut. Besonders rar ist der Schwarze Baumfarn, die wohl am schnellsten wachsende Farnart der Welt. In den tropischen Wäldern Australiens beheimatet, werden alleine seine Blätter fünf bis sechs Meter lang. Im Botanischen Garten sind sie etwas kleiner, kurios sieht der kohlrabenschwarze Stamm der Pflanze aber allemal aus.

Unter den verschiedenen Baumfarn-Arten befinden sich auch Exemplare, die auf Umwegen nach Düsseldorf gefunden haben. Etwa der australische Taschenfarn: „Der wurde am Flughafen vom Zoll beschlagnahmt und uns dann vom Zoll übergeben“, so die Leiterin.

Generell stehen Farne und deren Verwandte im Kuppelgewächshaus und dem benachbarten Südafrika-Haus im Fokus. Imposant sehen vor allem die Samenstände der Palmfarne aus: Derzeit geschlossen gleichen sie einer überdimensionalen Ananas. Wenn sie sich öffnen, kommen gigantische Samen zum Vorschein. Die leuchten in feurigem Rot und verwandeln den Samenstand in ein Kuriosum, das einem aufgerissenem Maul mit blutroten Zähnen ähnelt.

Im Botanischen Garten konnte das erst einmal beobachtet werden. „Niemand weiß, wie sich die Palmfarne bestäuben lassen“, sagt Sabine Etges. Streng geschützt sind die Arten: In Afrika — dort kommen die Pflanzen her — würden Ranger teils Chips in die Pflanzen einsetzen, um im Diebesfall den Standort ermitteln zu können. Samen hat der Botanische Garten jüngst an Kollegen in Bonn abgegeben. „Sie wollen versuchen eine Pflanze von Hand zu bestäuben — ich bin gespannt, ob das klappt“, sagt sie.

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