Beuys-Biograph: „In Düsseldorf bin ich immer angepöbelt worden“

Beuys-Biograph: „In Düsseldorf bin ich immer angepöbelt worden“

Mit seiner kritischen Beuys-Biographie hat Hans Peter Riegel vor fünf Jahren für Furore gesorgt. Nun bringt er eine erweiterte Neuauflage heraus und kritisiert die Beuys-Filmdoku von Andres Veiel.

Düsseldorf. Joseph Beuys (1921-1986) bleibt lebendig. Nicht nur in seinen Werken, sondern auch im Wirken seiner Nachfahren. „Beuys“ von Andres Veiel ist gerade als bester Dokumentarfilm mit dem deutschen Filmpreis Lola ausgezeichnet worden. Erst kürzlich war für 16 000 Läufer das nach Joseph Beuys benannte Rheinufer in Düsseldorf der Start-Punkt des Metro-Marathons. Hans Peter Riegel, gebürtiger Düsseldorfer und Wahl-Schweizer, legt gerade nach: Seiner viel diskutierten, nicht unumstrittenen Beuys-Biographie aus dem Jahr 2013 folgt jetzt eine erweiterte Neuauflage mit, wie es heißt, bislang unbekannten Fakten zu Beuys’ politischer Vita.

„Beuys-Biographie schlägt ein wie eine Bombe“, hieß es schon 2013. Jedenfalls polarisierte Ihr Werk gewaltig. Leser, Kritiker und Künstler waren gespalten. Wie sehen Sie sich heute angesichts eines anhaltenden Beuys-Booms, als Aufklärer gegen Verklärer?

Riegel: Aufklärer, das klingt mir zu sehr nach erhobenem Zeigefinger. Mir ist wichtig, Dinge genauer zu betrachteten und nicht nur deren Oberfläche. Und zu Beuys gibt es zu viele dieser verklärenden Hagiographien, wie gerade erst der peinliche Film von Andres Veiel.

Wieso peinlich? Der Film wird doch hoch gelobt.

Riegel: Das ist ja der Punkt. Veiels Film ist Geschichtsklitterung, ein Propagandafilm ohne jede dokumentarische Relevanz. Doch die Menschen wollen heute den schnellen Konsum. Da ist der Film im Vorteil. Wer liest heute noch sechshundert Seiten? Veiel hat es da leicht, sein Idol rein zu waschen. Plötzlich ist Beuys der coole Anarchist, der Pazifist der Grüne, der lustige Onkel. Dass Beuys zum Beispiel ein Militarist war, dass er keine Ahnung von Ökologie hatte und dass man ihn deswegen und wegen seiner reaktionären Ideen bei den Grünen abgesägt hat, das wird ausgeblendet.

Band zwei ihrer Biographie wartet mit bislang unbekannten Fakten zu Beuys’ politischer Vita auf. Was erwartet uns: Überraschung und/oder Anklage?

Riegel: Wie kommen Sie darauf, dass ich Beuys anklage? Für was? Für seine Utopien? Aber ja, es wird ein paar Überraschungen geben.

Die Rede ist von Beuys’ „Irrwegen zu Altnazis und Neuen Rechten“. Wie sind Sie darauf gekommen?

Riegel: Ich habe mich in den vergangenen zehn Jahren intensiv mit Beuys befasst. Was in den Recherchen immer wieder hervorkam, war seine Nähe zu Altnazis. Angefangen von seinem Schwiegervater, dem Vater von Eva, der ein Nazi-Funktionär war und mit dem sich Beuys bestens verstand, über seinen wichtigsten Sammler und Geldgeber Ströher, der durch die Enteignung seiner jüdischen Partner profitierte und wegen NS-Verbrechen verurteilt wurde, über seinen Sekretär Fastabend, einem ehemaligen SS-Mann, bis hin zu seinen politischen Partnern, einem Haufen von Altnazis, die später die Grünen gründeten, bis man sie hinauswarf.

50 Jahre nach 68: Beuys’ Verbindung mit Rudi Dutschke ist ein eigenes Kapitel gewidmet. War in diesen wilden Zeiten damals nicht jeder mit jedem irgendwie?

Riegel: 68 waren die Fronten klar. Aber mit der Zeit wanderten einige der Linken zu den Rechten - Mahler, Rabehl, Röhl zum Beispiel. Dutschke, der kurz vor dem Mauerbau geflohen war, hatte sich für die deutsche Wiedervereinigung ausgesprochen. Er befasste sich mit dem Schicksal Deutschlands. Das war bei den Linken tabu. Über Beuys kam Dutschke in Kreise, die aus Anthroposophen und Altnazis bestanden. Aber ein Interview reicht nicht aus, die komplexen Umstände zu erläutern. In jedem Fall will ich betonen, dass Dutschke kein Rechter wahr, sich jedoch in gefährliche Nähe zu Rechten begab, die ihn heute, wie auch Beuys, als so genannten „Nationalrevolutionär“ vereinnahmen.

Als Teenager sind Sie selbst Beuys zum ersten Mal begegnet, da waren Sie gerade mal 13. War ja nicht schwer in diesen Zeiten, ihn in Düsseldorf zu treffen. Wie erinnern Sie sich an diese Begegnung?

Riegel: Mein Kunstlehrer Wilfrid Polke hatte erzählt, dass Anatol vor der Kunsthalle den Einbaum für die heute legendäre Rückholung zimmert. Ich bin nach der Schule da hin gegangen und habe Beuys ein paar Fragen für die Schülerzeitung gestellt. Das war kein Problem. Ich bin Beuys später oft begegnet, nicht zuletzt, als ich für Immendorff arbeitete. Beuys war immer zugänglich, freundlich und interessiert.

Gab es später Begegnungen mit seiner Familie als Nachlassverwalter im Zusammenhang mit Ihrer ersten Biographie - und jetzt bei der Neuauflage? Sind die überhaupt autorisiert?

Riegel: Bevor ich mit der Arbeit begann, hatte ich Eva Beuys meine Idee zu dem Buch in einem Brief dargelegt und angeboten, darüber zu reden. Sie hat jedoch das Gespräch abgelehnt, wie sie mir auch kein Bildmaterial gegeben hat. Ich wollte von Anfang an eine reale Sicht auf Beuys schaffen, das hat ihr offenbar nicht gepasst.

Sie kündigen erst jetzt verfügbares Archivmaterial zum damaligen Akademienstreit an, der zu Beuys’ Entlassung als Professor der Düsseldorfer Kunstakademie führte. Was wäre da noch zu ergänzen zum heutigen Wissensstand? Und warum?

Riegel: Da ist noch vieles offen gewesen. Zum Beispiel, dass man schon seit 1964 mit großem Aufwand versucht hat, Beuys aus der Akademie zu entfernen. Dass man ihn für geisteskrank hielt, dass er vom Verfassungsschutz beobachtet wurde und vieles mehr. Es sind ein paar Regalmeter Akten, die ich sichten konnte.

Wen oder was verstehen Sie unter „Beuys unkritische ergebene Anhängerschaft“, die, wie es in der Verlagsankündigung heißt „in Verblendung und fanatischer Aggression für ihr Idol kämpft“.

Riegel: Es gibt einen Zirkel von etwa dreißig Personen mit anthroposophischer Weltanschauung, die untereinander bestens vernetzt sind und die ihr Idol höchst aggressiv gegen jede Kritik verteidigen. Das fängt mit Störungen von Lesungen an, geht über seitenlange, hasserfüllte Mails und Posts und führt bis zu einer Unterschriften-Sammlung gegen das Buch.

Die Forderung nach dem „bedingungslosen Grundeinkommen“, um die es auch geht, ist Ihrer Erkenntnis nach von Anthroposophen gesteuert. In welcher Partei haben Sie da wen ausgemacht?

Riegel: Das ist sehr einfach. Der Kopf und wohl auch Geldgeber der deutschen Grundeinkommen-Bewegung ist Götz Werner, Inhaber der DM-Drogeriemärkte. Werner ist bekennender Anthroposoph. Googlen Sie einmal Götz Werner in Verbindung mit Johannes Stüttgen, dem Assistenten von Beuys, dann haben Sie den Zusammenhang. Dass die inzwischen Parteien infiltrieren, ist Teil ihrer Strategie. Die Grünen waren anfangs auch ein Auffangbecken für Anthroposophen.

Nach der Lesung aus der ersten Auflage Ihrer Beuys-Biographie 2013 im Heinrich-Heine-Institut waren die Meinungen und Kritiken ja geteilt. Heines Büste schien wie immer zu schmunzeln, ihm hätte der Diskurs sicherlich gefallen. Werden Sie wieder in Ihrer Heimatstadt lesen?

Riegel: Wenn mich jemand einlädt, vielleicht. Bisher wurde ich in Düsseldorf immer angepöbelt. Ob ich mir das nochmals antun soll?