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Betongrauer Salon als Vision Pompejis

Betongrauer Salon als Vision Pompejis

Kunst ohne Farbe wirkt brutal. Warum tut das der Künstler bloß? Ein Gespräch mit Hans Op de Beeck.

Der Belgier Hans Op de Beeck (49) präsentiert inmitten der Ausstellung „Black & White“ (Schwarz & Weiß) im Kunstpalast ein monumentales Szenarium. Sein „Haus des Sammlers“ ist ein 250 Quadratmeter großes Raum-Ensemble. Der Besucher entdeckt zwischen Bildern der Nachkriegsmoderne eine bescheidene Schwingtür, die in eine graue, surreal wirkende, eingefrorene Welt mit Bibliothek, Flügel, Tischen, Stillleben und Figuren führt. Er sieht einen Salon quasi wie ein 3D-Bild. Während viele Künstler der Ausstellung wenigstens einige wenige Farbtupfer in die Bilder schummeln, herrscht hier ein betonartiges Grau. Wir sprachen mit dem Künstler aus Brüssel.

Betongrauer Salon als Vision Pompejis
Foto: Gambarini

Herr Op de Beeck, lieben Sie Grau, dass Sie diese Farbe derart radikal anwenden, vom Sofa bis zur Bierdose, vom Kind bis zur Kunst? Was ist für Sie diese Unfarbe?

Op de Beeck: Eine Referenz auf das, was gewesen ist.

Was also schon tot ist?

Op de Beeck: Ja, wie ein Aschenbecher.

Die Atmosphäre erinnert tatsächlich an Asche. Woran dachten Sie?

Op de Beeck: An eine neue Version von Pompeji.

Die Asche von Pompeji verdeckte Farben. Hier aber ist die Farbe gänzlich verschluckt. Warum?

Op de Beeck: Ich möchte zeigen, dass etwas, was gewesen ist, sich in Stein verwandelt. Was dynamisch war, wird passiv.

Aber Sie nehmen für dieses Erstarren Gegenwärtiges wie Dosen oder Stöckelschuhe. Das Vergangene ist bei Ihnen zwar grau, aber es existiert. Ich kann mich auf Ihre Dinge in Gips, Holz oder Polyester setzen. Alles umgibt den Besucher ohne irgendeine Distanz. Zugleich zitieren Sie die Kunstgeschichte, in Säulen oder in den Rosen von Monet. Gibt es einen Grund dafür?

Op de Beeck: Die einzige Referenz auf reale Kunst ist die Säule von Brancusi.

Und was ist mit Monets Seerosen im schwarzen Glas statt Wasser?

Op de Beeck: Seerosen kann Monet nicht für sich allein reklamieren. Jeder kennt Monet, aber es gibt Hunderte von Malern mit Seerosen.

Warum haben Sie Ihren eigenen Sohn als Abguss in den Salon gestellt. Und warum hält er vier Brombeeren in seinen Händen?

Op de Beeck: Es ist nicht so wichtig, dass der Besucher von meinem Sohn weiß, dass ich also in Beziehung zu dieser Inszenierung stehe.

Das gibt doch dem Ganzen eine private Note. Das gilt möglicherweise auch für die Brombeeren?

Op de Beeck: Sie sind für mich eine Erinnerung an die Madeleines bei Proust, jenen Küchlein, bei deren Genuss der Erzähler seine Kindheit schmeckt. Ich denke an meine Jugend, als ich die Brombeeren im Sommer aß. Früher hat mein Vater sie gepflückt, und meine Mutter hat schreckliche Marmelade daraus gemacht.

Gleichzeitig lieben Sie die Ironie in Ihrer Inszenierung. Ihre grauen Bilder lassen an Gerhard Richter denken. Ist das so?

Op de Beeck: (lacht). Ich mache viele Dinge, durch die die Leute laufen können, auf die sie sich niedersetzen oder legen. Aber ich kann auch Kitsch, Ironie und Spaß einfügen.

Spaßen Sie auch mit Ingres, wenn Sie ein derart schlankes Mädchen als Liegende präsentieren?

Op de Beeck: Ich habe nicht an Ingres gedacht. Ingres manipuliert die Proportionen des Körpers. Bei mir ist die Anatomie korrekt. Aber die Figur trägt Jeans.

Ist die Taille zu dünn?

Op de Beeck: Ich habe sie bei meinem Modell ausgemessen.

Spielen Sie mit der Wirklichkeit?

Op de Beeck: Ich negiere nie, dass es eine nachgebaute Kulisse ist. Es ist Nonsens, es ist nur Bühne. Aber die Leute denken, ich rekonstruiere etwas, das existiert.

Wer durch die Tür eintritt, ist erstaunt über die Weite des Panoramas und hat doch zugleich ein mulmiges Gefühl. Spielen Sie mit Stimmungen?

Op de Beeck Das Gefühl des Raums ist mir sehr wichtig. Hier sind keine Fenster. Aber es gibt ein Dach, das ein enormes Tageslicht suggeriert. Das Licht beeinflusst die Stimmung. Der Betrachter taucht dadurch in die Scheinwelt ein.

Sie sprechen vom „Salon des Sammlers“. Existiert für Sie dieser Sammler?

Op de Beeck: Es ist ein fiktionaler Raum, wie ein Theaterplatz. Ich möchte dort erzählen, wie wir unser Leben inszenieren. Da ist auch Ironie im Umgang mit dem Sammler. Es müsste ein reicher Amerikaner mittleren Alters sein, der wenig Geschmack hat und sich Sachen zusammenkauft, etwa ein wunderbares Piano, das er gar nicht spielen kann. Wenn ich das in Farbe machen würde, wäre es Kitsch. Grau ist ruhig.

Hat das Ganze nicht tatsächlich ein Sammler gekauft?

Op de Beeck: Ja, ein sehr netter, bescheidener Mann, der wohlhabend aussieht, einen Schnurrbart hat und in der Nähe des Gotthard-Tunnels ein militärisches Dorf gekauft hat, um in den Gebäuden ein Museum für zeitgenössische Kunst einzurichten, mit Studios für Künstler. Er gehört zu einem Bauunternehmen und will sein Lebensprojekt verwirklichen. Er möchte zurückgeben, was er gewonnen hat, und das Museum öffentlich machen.

Wie ist Ihr Lebenslauf?

Op de Beeck: Ich bin als Schauspieler ausgebildet, habe Malerei studiert und meinen Master in experimenteller Kunst gemacht. Ich schreibe, mache Filme, male, komponiere Musik und baue große Installationen. Ich arbeite in verschiedenen Farben, Materialien und Medien wie Film und Theater. Ich habe ein großes Atelier und ich beschäftige Assistenten.