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Besucher dürfen dem Maler über die Schulter sehen

Besucher dürfen dem Maler über die Schulter sehen

Im Kulturbahnhof Eller hat Nicolas Schützinger seine Matratze aufgeschlagen und malt fast rund um die Uhr bis zur Ausstellungseröffnung am 2. September.

Düsseldorf. Jedes Jahr zur Sommerszeit breitet sich ein Absolvent der Kunstakademie im Kulturbahnhof Eller aus. Mitsamt Matratze zum Schlafen, mit Palette, Farbtöpfen und Pinseln. Diesmal ist Nicolas Schützinger an der Reihe, Meisterschüler von Siegfried Anzinger. Er wurde von Gerolf und Ilsabe Schülke, dem Vorstand des Kulturbahnhofs, auserwählt. Er brachte ins Sommeratelier einen Wäscheständer, ein graubraunes und ein weißes Spannbettlaken mit. Daraus sollte sein erstes von vielen weiteren Bildern werden. Das Tolle aber ist, dass ihm jeder Neugierige bis Ende August über die Schulter schauen kann. Das ist spannend, denn der junge Maler ist produktiv.

Besucher dürfen dem Maler über die Schulter sehen
Foto: Kulturbahnhof Eller/Suzuki

Der Wäscheständer ist für den 30-Jährigen eine Art Fetisch. Im letzten Jahr hat er mit diesem Motiv angefangen, und nun ist es die sechste Variante, die er auf die Leinwand bringt. Erstmals steht der Ständer frei, wirkt puristisch streng, hat keinen Zusammenhang mit einer Wohnung. Nur so kann sich der Künstler genau auf die Farben konzentrieren.

Besucher dürfen dem Maler über die Schulter sehen
Foto: Kulturbahnhof Eller/Suzuki

Aus dem weißen Tuch wurde ein klassisches Motiv der Malerei, mit vielen Falten, mit Licht- und Schattenspiel, auch mit einem Hauch von Komik. An ein „surrealistisches Tier“ fühlt sich der Maler erinnert. Er habe einmal ein Pferd gemalt, wobei Kopf und Hinterteil durch Stoff verdeckt waren. So ähnlich soll es auch diesmal werden. Die dunklere Partie erinnert in den braun-grauen und roten Nuancen an eine Hügellandschaft.

Besucher dürfen dem Maler über die Schulter sehen
Foto: Kulturbahnhof Eller/Suzuki

Schützinger malt haargenau. Der Boden stimmt in den braunen Tönen. Sogar an den Schatten ist gedacht, der vom Wäscheständer auf die Holzbohlen fällt. Geradezu stolz erklärt er: „So ein großes Gemälde wollte ich malen.“ Er ist geübt darin. Er kennt sich aus in allen Raffinessen des Schlagschattens, der Vertiefungen und Höhungen der Komposition, in der schwungvollen Linienführung des eigentlich doch recht banalen Motivs. Die meisten Menschen haben so einen Wäscheständer irgendwo im Bügelzimmer, im Keller oder in einem Kabuff stehen. Bildwürdig ist der Gegenstand selten. Hier aber bildet die Breitwand den Hingucker in der zukünftigen Ausstellung.

Nicolas Schützinger, Künstler

Das Gegenüber dieses Panoramas ist dem Absolventen nicht ganz so leicht gefallen. Er hat es übermalt, der Kopf der Freundin wird noch genauer herausgearbeitet. Der Hintergrund soll farbiger, aber auch abstrakter werden. Er pinselt derzeit über die Erstfassung.

Im Nachbarraum hängen Bilder, die an seine WG erinnern, in der sich Tänzer, Musiker, Schauspieler und Designer tummeln. Daraus entstehen Genre-Szenen, die teilweise bewusst vom Bildrand abgeschnitten sind. Aber selbst hier fehlt als klitzekleines Motiv kein Wäscheständer.

„Im Kulturbahnhof fühlt man sich angehalten, permanent zu arbeiten. Die Räume sind so schön, dass ich mein Pulver schon jetzt verschossen habe“, sagt er. Die Räume und die Lichtverhältnisse seien ideal. Die Situation sei so viel besser als in der Akademie, die er in der überfüllten Anzinger-Klasse nicht in bester Erinnerung hat: „Ich habe hier elf Semester studiert. Aber mein Rüstzeug für die Kunst habe ich in der Freien Kunstschule Stuttgart bei zwei Russen bekommen, die etwa Zeichnungen für Harry Potter oder ein Kinderbuch für Madonna gemacht haben. Ich hatte hier eher das Gefühl, man befinde sich in einer Autodidakten-Schule.“

Die Professoren kommen seiner Meinung nach höchstens einmal im Monat zum Kolloquium. Gemeinsam gemalt oder gezeichnet werde nicht. Die figürliche Malerei sei bei Anzinger noch am besten aufgehoben. Aber die Kommilitonen seien fast Autodidakten, die nach dem Foto malen. Das Studium nach der Natur, der Gang in den Zoo, die Diskussion um Porträt und Akt, so etwas gebet es hier nicht.