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Beobachtungen: Die Düsseldorfer Altstadt in Corona-Zeiten

Spaziergang durch die Düsseldorfer Altstadt : Saturday Night Light

Ein Abend in der Altstadt beginnt meist am Bolker Stern. Wie sehr hat die Vorsicht die Vorfreude noch im Griff?

Dies sind die Beobachtungen und Gedanken eines Menschen, der nicht dazu neigt, feiern zu gehen. Schon gar nicht in der Düsseldorfer Altstadt. Vielleicht macht ihn gerade diese Distanz zu einem geeigneten Beobachter, weil er das Geschehen nüchtern betrachtet, und ja, die Doppeldeutigkeit von „nüchtern“ ist beabsichtigt. Vielleicht hat er aber aufgrund der Distanz schlicht keine Ahnung. In der Düsseldorfer Altstadt gibt es viele Möglichkeiten, den Abend zu beenden, doch für fast alle beginnt er am Bolker Stern. Der Platz zwischen U-Bahn-Haltestelle Heinrich-Heine-Allee und Bolkerstraße heißt Bolker Stern, weil dort auch noch die Neustraße und die Hunsrückenstraße links und rechts abgehen. Guter Name besonders an einem Samstagabend, von dem erwartet wird, dass er sich von allen anderen Abenden unterscheidet. Der Bolker Stern ist der Treffpunkt für die Nacht der Nächte oder zumindest der Platz, über den alle laufen, bevor sie sich für eine der Amüsement versprechenden Gassen entscheiden. Der Ort, an dem Vorfreude noch nicht getrübt und Erwartung noch nicht enttäuscht wurde. Der Ort, an dem noch alles möglich ist.

Doch ist der Bolker Stern in diesen vom Virus geplagten Zeiten auch der Ort, an dem sich die Düsseldorfer einreden können, es sei schon wieder alles normal? Oder ist es der Ort, an dem sie einen Vorgeschmack auf die neue Normalität erhalten? Und weil die Altstadt nicht irgendeine Partymeile ist, sondern zu den bekanntesten der Republik gehört, lässt sich hier auch beobachten, wie und ob Deutschland wieder feiert. Denn wer an einem Samstagabend in die Altstadt geht, willigt — bewusst oder unbewusst — in ein Experiment ein: Wie sehr können wir den Alltag wieder hochfahren, ohne für die zweite Corona-Welle zu sorgen? Genauer: Wie normal können wir wieder ausgehen? Denn die Altstadt zeichnet aus, was das Virus liebt: Viele Menschen. Nähe. Ausgelassenheit. Jederzeit könnte sich herausstellen: Nein, das ist alles noch nicht wieder möglich, ab nach Hause!

Bolker Stern, Saturday Night also, noch aber ist es taghell, 18 Uhr. Milde Temperaturen, leichter Wind. Gut gegen die Virus-Aerosole. Leute sind da, so viel kann man schon mal festhalten. Diese Stadt erlebt gerade Geisterspiele, aber keine Geister-Altstadt. Alles noch da, alles noch geöffnet. McDonald‘s, Büdchen Bolker Shop, Pizzeria Lupo, Grillmeister, Brauhaus zum Weißen Bären, Kostbar. Wenn die Besucher die Treppen aus der U-Bahn hochgegangen sind, laufen sie entweder schnurstracks weiter — einer spricht in seine Handykamera, dass er „finally“ wieder in der Düsseldorfer Altstadt sei — oder warten an der Seite auf ihre Begleitung für den Abend. Freunde, Freundinnen, das erste Date. Leute geben sich Mühe.

Der Geruch von Parfüm liegt einem je nach Windrichtung in der Nase, viele Menschen tragen keine Alltagskleidung. Frauen haben sich gerade noch geschminkt. Einige Männer tragen weiße Hemden und Jeans-Kombinationen. Sie haben sich den Pullover über die Schultern geworfen und die Ärmel über der Brust verknotet. Ein bisschen später fängt ein betrunkener Obdachloser an, für sich zu tanzen, in der linken Hand hält er seine Zigarette, in der rechten Hand einen Lautsprecher, aus dem Popmusik zu hören ist. Der Bolker Stern ist auch jetzt kein Ort des Bedrückens, sondern der Gelöstheit.

Für Gegner von Lockerungen ist es leicht, hier Argumente für ihre Position zu sammeln. Das beginnt schon mit der Begrüßung. Die Leute winken nicht schüchtern aus der Distanz, sie stoßen nicht bloß mit den Ellbogen aneinander. Sie geben sich die Hand, sie schlagen ein, sie umarmen sich. Vielleicht einen Ticken weniger innig, weniger lang. Eine Frau kündigt ihrer Freundin eine „Corona-Umarmung“ an. Masken tragen sie dabei nicht, jedenfalls nicht so, dass es etwas bringt. Der Trend bei Jugendlichen geht zum Mundschutz, den man sich direkt unter die Unterlippe geschoben hat. Andere tragen sie unterm Kinn. Die meisten aber haben die Maske eingesteckt. Das Teil nervt schließlich schon in der Bahn. Es gibt auch Menschen, die stecken sie in einen Zip-Beutel. Geboten, aber nicht verboten ist es, sich ohne Maske zu umarmen, verboten allerdings ist, sich öffentlich mit Personen aus mehr als einem weiteren Haushalt zu treffen. Immer wieder ignorieren Gruppen von Teenagern diese Vorschrift. Sie stehen eng beieinander, als wäre nichts, quatschen, blödeln herum. Niemand hindert sie daran. Der Sicherheitsdienst an den Treppen zur U-Bahn achtet nur darauf, dass niemand ohne Maske hinuntergeht.

Auf der Bolkerstraße werden Gegner der Lockerungen erst recht fündig. Wer Richtung Rathaus schaut, der sieht vor allem Menschen, viele Menschen. Wer dann weitergeht, stellt fest: Fast alles hat geöffnet, sogar die Kneipen. Aber waren die nicht von den Lockerungen ausgenommen? Nicht mehr. Kneipen dürfen öffnen, wenn sie ihre Gäste an Tischen platzieren, die einen Abstand von mindestens 1,50 Meter haben. Einige Läden sollten durchaus noch mal nachmessen, bevor das Ordnungsamt vorbeischaut. Das sind nicht 150 Zentimeter. Die Restaurants und Kneipen sind gut besucht, die Leute sitzen lieber draußen als drinnen, das aber hat wohl eher mit dem Wetter zu tun. An der Freitreppe am Burgplatz sitzen die Leute mindestens in Zweiergrüppchen zusammen. Vier junge Männer haben sich zwei Kästen Bier mitgebracht, aus dem tragbaren Lautsprecher schallt Partyschlager.

Die Gegner der Lockerungen haben mindestens dieses Argument auf ihrer Seite: Wir können auf ein Virus nicht reagieren wie auf einen Terroranschlag. Wieder rausgehen und zeigen, dass wir uns davon nicht beeindrucken lassen — das ist dem Virus herzlich egal. Nun ist das langweiligste am besten, zu Hause bleiben. Vieles, was Spaß macht, ist nun untersagt oder zumindest nicht zu empfehlen, weil wir andere anstecken können oder von ihnen angesteckt werden. Beispiele, wie die Rückkehr in den Alltag schiefgehen kann, gibt es momentan genug.

Kürzlich haben sich nach dem Besuch eines Restaurants im Landkreis Leer mindestens elf Gäste mit Corona infiziert. Man mag sich damit trösten, dass dort wohl eine private Party gefeiert wurde, die Abstandsregeln also nicht eingehalten wurden. Doch es kann alles noch viel schneller gehen. In der Kantine des bayerischen Unternehmen, in dem das Virus in Deutschland zum ersten Mal auftrat, drehte sich damals ein Mann zu einem Kollegen um, der mit dem Rücken zu ihm saß. Er bat bloß um den Salzstreuer. Laut einer Studie steckte er sich dabei an, später dann seine Frau und zwei seiner Kinder. Will man plötzlich in der Altstadt der Bitte des Tischnachbarn nach einem Salzstreuer nicht mehr nachkommen mit dem Hinweis, das könne für eine Ansteckung reichen? Die gewöhnlichsten Dinge werden plötzlich zur Gefahr. Sogar bei einem Gottesdienst in Frankfurt haben sich mehr als 107 Menschen angesteckt.

Zwar gibt es kein Menschenrecht auf Zerstreuung, aber ein menschliches Bedürfnis danach. Dem nachzugeben bedeutet nicht, dass in der Altstadt wieder der Alltag eingezogen ist, auch nicht am Bolker Stern. Schon am McDonald’s lässt sich das gut erkennen. In dem herrscht an einem regulären Samstagabend ein Kommen und Gehen, die meisten Plätze sind belegt. Es ist der Ort, an dem man immer absteigen kann. Zum Auftakt, gegen zu viel Alkohol, vorm Heimweg. Nun aber sind die Sitzplätze gesperrt, Fritten und Burger nur zum Mitnehmen. Die Schlange ist übersichtlich. Im Büdchen neben steht auf einem Aushang, dass ab 15 Uhr kein Bier mehr verkauft werden darf. Das gilt für alle Büdchen der Altstadt. Die Leute kommen nun mit Trinkpäckchen und Cola wieder heraus. Bei Lupo, wo sich sonst die Leute drängeln, dürfen sich im Laden maximal zwei Personen aufhalten.

Die Gaststätte „Kostbar“ hingegen wirbt unverdrossen mit elf Bier für 22 Euro, doch wo sollen die Gruppen herkommen, die das trinken? Vermutlich zum ersten Mal seit Jahrzehnten ist die Altstadt an Samstagen frei von Junggesellenabschieden, jedenfalls von Junggesellenabschieden, die auffallen, weil deren Teilnehmer dasselbe T-Shirt mit einem albernen Spruch tragen und der als Frau verkleidete Bräutigam Schnäpse aus einem Bauchladen verkaufen muss. Denn noch deutlicher könnte man das Ordnungsamt nicht auf sich aufmerksam machen, dass mehr als zwei Haushalte zusammengekommen sind.

Es fehlt also vollständig an Gruppen, die sich an Stehtischen vor den Kneipen die Biere wie Wasser einverleiben oder das Oberbayern stürmen, um Sangria aus Toilettenschüsseln zu trinken. Stehtische sind ebenfalls abgeschafft. Kneipen dürfen nur öffnen, wenn sie Sitzplätze anbieten, weshalb nun überall in der Altstadt Bierbänke stehen, vorm Füchschen, vorm Uerige. Die Leute sitzen dort nicht in großen Gruppen, sondern höchstens zu dritt. Auch wenn einige Gäste die hohen Tische schnell wieder zum Stehen nutzen. Gelernt ist gelernt. Es ist zwar voll, aber nicht proppenvoll. Die Leute machen keinen Bogen um andere Leute, wenn sie über die Straße gehen, aber diese Enge, die am Samstagabend für die Altstadt üblich ist, gerade für die Bolkerstraße, ist plötzlich fort. Und das Oberbayern — für Anhänger und Gegner Inbegriff der Altstadt — hat weiterhin geschlossen. Die Rollläden sind heruntergelassen. Kneipen dürfen wieder öffnen, Bars und Diskotheken nicht.

Die Situation hat der Altstadt also viele Menschen und viel Alkohol entzogen und das Tanzen gleich komplett. Das hat eine bisher wenig beachtete Folge: Die Altstadt wird erträglicher für alle, denen sie seit vielen Jahren viel zu drüber war. Zu laut, zu voll, zu chaotisch. Der Bolker Stern droht nicht wie an anderen Samstagen später eher ungemütlich zu werden, ein Schlachtfeld nach der Schlacht. Und ja, so ein ungemütlicher Ort kann der Bolker Stern werden, nicht nur, nicht ständig, aber je später die Nacht desto größer sind schließlich die Verluste. Auf die Facebook-Seite der Düsseldorfer Altstadt hat der Betreiber im August 2019 ein Foto des Bolker Sterns gepostet, der ihn als Idyll zeigt, mit Menschen, die gemütlich Richtung Bolkerstraße schlendern. Und plötzlich ist es dieses Idyll, auch am späten Abend. Jemand hat unter das Posting geschrieben, es fehle der knietiefe Dreck, der Duft nach altem Bier und Erbrochenem. Nun müssen die Pfandflaschensammler lange suchen, bis sie eine leere Bierflasche finden.

Man geht über die Bolkerstraße und kann plötzlich sein eigenes Wort verstehen. Nur aus wenigen Kneipen schallt Musik. Aus dem Stimmenmeer ist ein Stimmenbächlein geworden. Wer sich vorher nicht vorstellen konnte, an der Bolker Straße Platz zu nehmen, findet das nun beinahe erstrebenswert. Es sich dort gemütlich machen können, wo es abends nie richtig gemütlich werden konnte. Die Leute haben es nett, sie können sich unterhalten, ohne schreien zu müssen. Die Altstadt ist in diesen Zeiten kein verlassener Ort, aber ein gelassener. Gegen 21 Uhr steht ein Straßenmusiker auf dem Platz vorm Rathaus, wenige Meter von der Bolker Straße entfernt, und spielt auf Wunsch einiger Zuhörer „Wonderwall“ von Oasis auf seiner Akustikgitarre. Und weil kein Lärm herüberschwappt, kann man ihm dabei sogar problemlos zuhören. Tragbar ist das Corona-Konzept für viele Wirte auf Dauer selbstverständlich nicht. Doch weil die Entwicklung der Altstadt zur Partymeile so häufig in der Kritik steht — vielleicht ist nun Gelegenheit darüber nachzudenken, ob nach Corona wieder alles so werden sollte wie vorher.

Doch was die einen als Maßlosigkeit kritisieren, ist für die anderen die ersehnte Entgrenzung. Sie wollen keine Samstagnacht, die ihre Versprechen klein hält. Klar, es ist möglich, sich zum ersten Date zu treffen und ein paar Biere zu trinken. Aber es ist ohne Club nicht so einfach möglich, sich näherzukommen. Der Dancefloor ist der Ort, an dem die durch Alkohol unterstützte Lockerheit in Körperkontakt umgesetzt werden kann. Nun sind da immerzu Stühle, auf denen man sitzt, und zwischen den Stühlen stehen Tische. Stühle machen bequem, Tische schaffen Distanz. In Zeiten der Pandemie zündet die Altstadt ihre letzte Stufe nicht. Der Bolker Stern vibriert nicht. Statt von Idyll zu sprechen könnte man auch sagen, schon gegen neun ist dort kaum noch etwas los. Unter der Erde spucken die U-Bahnen keine Menschenmassen mehr aus. Die Altstadt, Düsseldorf und Deutschland werden noch eine Weile so weiterfeiern müssen. Der Bolker Stern muss vorerst ohne seine Magie auskommen, aber auch ohne sein Erbrochenes.