Beobachtungen des wohl meistgehassten Berufes in Düsseldorf: Knöllchen-Verteiler

Gastbeitrag : Knöllchen zu verteilen ist nichts für Feiglinge

Beobachtungen des wohl meistgehassten Berufes in der Stadt: Unser Gastautor hat sich in Oberkassel umgesehen.

Kann man es lieben, gehasst zu werden?

In Oberkassel macht der Verkehr oft Ärger. Oberbürgermeisterin Smeets schuf eine Fahrradspur auf der Luegallee, OB Erwin kratzte diese wieder eigenhändig aus dem Asphalt und OB Geisel lies sie aufpinseln.

Schauspieler und Regisseur René Heinersdorff leitet das Theater an der Kö. Foto: Judith Michaelis

Oberkassels Problem aber ist nicht die Luegallee, Oberkassels Problem sind die in zweiter Reihe warnblinkenden Sportwagen, aus denen Männer mit nach hinten gekämmten weißen, längeren Haaren und rosa Pullovern um die Schulter schnell ein paar Brötchen beim Bäcker kaufen und sich dabei auf einen Cappuccino verquatschen, es sind die Ärztegattinnen, die – für die extrem hügelige Landschaft in Düsseldorf – mit geländegängigen SUVs ihre Kinder in letzter Sekunde noch pünktlich in die Grundschule fahren. Dazwischen rast die ampelunabhängige Straßenbahn hier und da auch schonmal in einen stinknormalen Opel Corsa oder einen Fußgänger.

In diesem Trubel gibt es die beiden best-gehassten Mitarbeiter des städtischen Ordnungsamtes, die seit Jahren die Gemüter erhitzen. Sie sehen wirklich aus, wie ein Karikaturist einen Knöllchenschreiber zeichnen würde, sind mal zu zweit, mal allein unterwegs und versehen alles, aber auch alles, was in ihren Augen ansatzweise nach Verkehrsordnungswidrigkeit riecht, mit dem freundlichen Hinweis der Stadt, dass nächstes Mal bestimmt alles besser wird, aber diesmal die Strafe fällig ist.

Da hilft kein Bitten und kein Betteln: Ich habe doch nur mal eben die Hemden aus der Reinigung... musste doch nur schnell die Kids in die Musikschule... wollte doch nur rasch den schweren Kasten Wasser vor die Tür... Die Jungs sind gnadenlos. Je verzweifelter der Versuch, Verständnis für den falsch geparkten Schlitten zu generieren, desto unnachgiebiger werden die Daten in die kleine Maschine gehackt, die alles sofort an eine virtuelle Leitstelle für immer unauslöschlich weitersendet. Jeder Argumentationsversuch wird quittiert mit einem unerschöpflichen Fachwissen an Regeln fürs richtige Parken im Allgemeinen und den absurdesten Gefahrenszenarien durch Falsches im Besonderen.

Wahrscheinlich muss man sich im Laufe der Zeit eine selbstschützende, berufsbedingte Aggressivität angewöhnen, sich einrichten in einem Hass auf falschgeparkte Autos und deren renitente Halter, die sich alles erlauben, von der Steuerhinterziehung bis zur Korruption, die alles mit guten Beziehungen und Geld regeln, aber hier vor eine unumstößliche Wand stoßen, die sie für all das bestraft. Vermutlich die letzte Institution, in der die Menschen vor dem Gesetz tatsächlich noch gleich sind.

Jeder rheinische Gleichmut, jede rheinische Versöhnlichkeit findet hier seine Grenze.

Manchmal wundert man sich, dass die beiden noch leben. Es wäre ein Leichtes, mit einem kleinen Schlenker, einer unachtsamen, ruckartigen Bewegung des Lenkrads, dem täglichen, willkürlichen, paragrafenreitenden Treiben ein Ende zu setzen, so denkt sicher mancher.

Aber wir müssen einsehen: Auf erstaunliche Weise findet man hier Menschen, die das, was sie tun, ausschließlich aus Leidenschaft tun. Sie sind nicht beteiligt an der Gesamtsumme der durch sie vermittelten Strafen, sie werden beschimpft, schimpfen zurück und setzen sich täglich der Gefahr aus, für ihr Tun angegangen zu werden.

Und dennoch machen die beiden weiter und mehr als sie müssen, bei Wind und Wetter. Wer die deutschen Tugenden in ihrer Reinform sucht, auf Oberkasseler Straßen findet er sie.

Mehr von Westdeutsche Zeitung