Ballettabend b. 35: Ben Riepe rockt die Rheinoper

Ballettabend b. 35: Ben Riepe rockt die Rheinoper

Ballett am Rhein zeigt die Premiere von b. 35 in Düsseldorf.

Düsseldorf. Da lädt Martin Schläpfer mit Ben J. Riepe einen Künstler aus der freien Tanzszene ein, ein Stück für sein Ballett am Rhein zu erarbeiten. Und nun das: Riepe rockt die Rheinoper! Seine Uraufführung „Environment“ mit ihrer bizarren Kunst-Welt steht gleich in doppeltem Sinne im Zentrum des Programms b.35 mit drei zeitgenössischen Choreografen. Dabei eröffnet niemand Geringeres als der israelische Meisterchoreograf Ohad Naharin den Abend mit einer Düsseldorfer Version von „Decadance“ und Ballettdirektor Remus Sucheana bestreitet das Finale mit der Neukreation „Abendlied“ zu Franz Schuberts Klaviertrio in Es-Dur. Die Kontraste könnten größer kaum sein.

Ein Mann mit Frack und Zylinder schreitet philosophierend über die bis zur Brandmauer aufgerissene Bühne und zitiert Intellektuelle. „Ein Live-Stream aus dem Bewusstsein . . .“ ist sein geradezu leitmotivischer Gedanke, der ihn umtreibt. Ist das Kostüm eher im 19. Jahrhundert angesiedelt, so beschäftigt sich sein Geist doch mit den Auswüchsen der digitalisierten Gesellschaft. Auch die beiden Wesen in grünen, schwarz gepunkteten Ganzkörpertrikots mit monitorartigen Kästen über dem Kopf, die sich an einem grünen Auto zwischen futuristischem Bobbycar und Mondfahrzeug zu schaffen machen, sind nicht von gestern. Die verhüllten Frauenfiguren allerdings, in jungfräulich-weiße, nonnenartige Gewänder gesteckt, lassen sich zeitlich nicht verorten. Kommunikation findet körperlich statt: in stop-motion.

Ben Riepe hat nicht zu viel versprochen: Er setzt, wie angekündigt, den ganzen Theaterapparat samt Nebel und kleiner Explosion ein und kleidet das Ensemble in Haute Couture. Effektvoll spielt er mit Bühnenzügen: Wie ein Wandteppich hängt ein Prospekt hinter einer Abendmahl-Szene à la da Vinci, ähnlich gemustert wie die teils historisierend kostümierten, gesichtslosen Kunstfiguren am Tisch. Die Tänzer verschwinden hinter der Maskierung und werden zu skulpturalen Objekten.

Riepe bietet ein skurriles Panoptikum auf, das elegant auf der Grenze zwischen darstellender und bildender Kunst balanciert. Seine Bildkompositionen sind mit biblischen und kunsthistorischen Motiven aufgeladen, oft ironisch gebrochen und voller Geheimnis. Wer Riepe kennt, stößt auf manches Selbstzitat.

Worauf die Performance hinaus will, deutet eine Szene an, in der der schwadronierende Zylinderträger sich plötzlich Caspar David Friedrichs Gemälde „Wanderer über dem Nebelmeer“, das vom Schnürboden herabgleitet, gegenüber sieht. Der Wanderer ist herausgenommen, er selbst steht wie die fehlende Figur mit dem Rücken zum Publikum: Der Künstler auf Distanz zu Werk und Zeit. Wie in Erkenntnis geblendet, wendet der Philosoph sich mit metallisch blinkenden Augen von dem Naturspektakel ab. „Environment“ ist mehr als ein schmunzelndes Défilée der Maskierungen und Ikonografien. Es ist auch ein vielschichtiges Verwirrspiel über unsere Zeit: Kunst als aufregende Herausforderung.

Nach so schillernden Sinneseindrücken hat es Remus Sucheanas artig-romantisches „Abendlied“ nicht leicht. Als herben Kontrast zeigt er einen jungen Mann, der sich zu Schuberts melancholischen Melodien, harmonischen Abstürzen und existenziellen Spannungen allerlei Begegnungen träumt. Sein zweites Werk fließt dem Rumänen aus der Hand: ein heiteres Trio in Tüll, ein anmutiges Solo auf Spitze, aber auch ein streitendes Paar oder eine Diagonale aus sieben Männern ziehen vorüber. Besonders die sinfonischen Momente, umgesetzt in Ensembleszenen, gelingen. Choreografisch eher konventionell, doch mit originellen Sprungvariationen und Gesten setzt der designierte künstlerische Leiter des Ballett am Rhein die Fantasien des einsamen Jungen um. Und auch wenn die Bewegungen mit dem Tempo immer eigenwilliger werden, so trägt die Idee des träumenden Mannes nicht bis zum Schluss. Aus den „himmlischen Längen“ des wunderbar dargebotenen Klaviertrios, die Robert Schumann seinem Kollegen Schubert attestierte, werden bei Sucheana quälende irdische Längen.

Star des insgesamt durchwachsenen Abends ist, wie so oft, das Ensemble mit seiner stupenden Technik, Präzision und Vielseitigkeit. Auch in Ohad Naharins „Decadance“, ein choreografisches Puzzle aus Sequenzen seiner Arbeiten, machen sie bella figura. Der bedeutendste Choreograf Israels widmete sich das Werk quasi selbst im Jahr 2000 zu seinem zehnjährigen Jubiläum als Leiter seiner Company Batsheva. Seitdem kreiert er, nicht uneitel, Neufassungen für andere Truppen. Für Düsseldorf wählte er Szenen aus den Jahren 1992 bis 2011. Das Potpourri zeigt ein buntes Völkchen in lässiger Kleidung, das sich zu unterschiedlichen Musiken verschiedenen Stimmungen hingibt: mal rockig, mal hypnotisch, elegisch oder auch aggressiv. Die ausgewählten Sequenzen dokumentieren mit den extrem flexiblen Körperbewegungen, explosiven Ausbrüchen und der mitreißenden Vitalität zweifellos Naharins Meisterschaft, bilden aber kein Ganzes. Auch Naharins Kosmos ist voller Rätsel. Doch seltsam, sie interessieren eigentlich nicht.

Mehr von Westdeutsche Zeitung