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Baldus-Haus: Fast wie eine normale Familie

Baldus-Haus: Fast wie eine normale Familie

Im neuen Baldus-Haus der Awo lebt eine siebenköpfige Familienwohngruppe — darunter auch vernachlässigte Pflegekinder.

Düsseldorf. Beim Betreten des Baldus-Hauses blickt man zuerst auf einen riesigen Schuhschrank. Kinderschuhe in vielen verschiedenen Größen mischen sich mit dem Schuhwerk Erwachsener. Gleich wird einem klar: Hier muss eine Großfamilie zu Hause sein. Und irgendwie hat man damit auch recht.

Seit zehn Monaten wohnen hier Diplom-Sozialpädagogin Anja Dreßler mit ihrem Mann Rainer und ihrer Tochter Anna. Nach und nach sind seither jedoch vier weitere kleine Bewohner hinzugezogen: Zwei Jungen und zwei Mädchen im Alter von vier bis sieben Jahren leben nun als Pflegekinder bei der Familie.

„Es war ein sehr großer Schritt vom Einzelkind zu fünf Kindern“, sagt Dreßler. 17 Jahre lang betreute sie im Lore-Agnes-Haus altgewordene, psychisch kranke Menschen. Dort stieß Dreßler auf die Ausschreibung zur Familienwohngruppe: „Ich dachte: Oh Gott, das ist es“, sagt sie. Für die zwölfjährige Anna war die Sache nicht ganz so klar: Sie brauchte einige Monate Bedenkzeit, bevor sie dem Vorhaben zustimmte. „Wenn sie es abgelehnt hätte, hätten wir es nicht gemacht“, sagt Dreßler.

Das jüngste und letzte der Pflegekinder lebt erst seit einigen Tagen bei der Familie. In der kurzen Zeit haben die vier bereits ein inniges Verhältnis zueinander und ihren Pflegeeltern aufgebaut. „Ich sage ihnen: Ich bin nicht eure Bauchmama, aber eure Herzmama“, erzählt Anja Dreßler.

Dennoch ist ihr sehr wichtig, dass die Kinder ihre richtigen Eltern kennen, auch wenn diese sie vernachlässigten. „Alle zwei bis vier Wochen treffen die Kinder ihre leiblichen Eltern in den Schutzräumen der AWO“, sagt sie. Zu ihnen zurückkehren werden sie aber wohl nicht. „Geplant ist, dass sie bei uns bleiben, bis sie 18 Jahre alt sind.“

Im Wohnzimmer stapeln sich Spiele, es gibt ein Klavier, einen Kanarienvogel und im Garten ein großes Trampolin. „Vieles wurde uns von Nachbarn geschenkt“, erzählt Dreßler. Die Unterstützung im Stadtteil gibt der Neu-Familie Halt. „Auch vorher haben wir schon in Wersten gewohnt, ich habe hier meine Freundinnen, bin in die Kirchengemeinde eingebettet“, sagt sie.

Aber auch die wichtigste Voraussetzung für die neue Familiengruppe ist ein Geschenk: Das Haus ist eine Spende von Hildegard Schmöle, Witwe des früheren Generaldirektors der Victoria-Versicherung, Heinz Schmöle. Vor mehr als 40 Jahren sprach die heute 95-jährige Schmöle bereits mit ihrem Mann über die Idee, ihr Werstener Elternhaus der AWO zu schenken. Für sie ist mit dem neuen Leben im Haus ein Traum in Erfüllung gegangen.