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Ausgetankt - Unser Kolumnist versucht, den Verlust einer Tankstelle zu verkraften.

Stadt-Teilchen : Ausgetankt

Unser Kolumnist versucht, den Verlust einer Tankstelle zu verkraften.

Schon wieder ist eine von uns gegangen. Es gilt, einen großen Verlust zu betrauern, denn etwas Wohlbekanntes ist nicht mehr. Nun muss das Leben ohne sie weitergehen, und natürlich steht die Frage im Raum, wen es als nächste treffen wird.

Die Rede ist von der Shell-Tankstelle an der Völklinger Straße. Die ist geschlossen, quasi weg, beraubt all ihrer Insignien. Nur noch ein paar vergessene Streifen am Fuß der verwaisten Zapfsäulen erinnern noch an das, was mal war. Das berühmte Muschel-Logo ist nirgends mehr zu entdecken. Die Waschhallen sind geschlossen, und der Verkaufsraum gähnt leer in die Gegend.

Ein Zaun umgibt nun das, was einst ein Tempel des Lichts war, ein Fixpunkt in der städtischen Nacht. Wie oft bin ich spät abends, wenn alle Kioske dicht waren, hier eingelaufen und habe noch eine Süßigkeit erstanden. Ich war dann oft allein mit dem Personal, also mit der einen Person, die Nachtdienst hatte. Draußen kein Auto weit und breit. Trotzdem wurde ich erstaunlich oft um Auskunft meiner sonstigen Geschäfte gebeten. „Getankt?“ hieß es dann, als ich meinen Schokoriegel auf den Tresen legte, und jedes Mal habe ich, bevor ich verneinte, kurz aus dem Fenster geschaut, um nachzuprüfen, ob ich auch wirklich kein Auto dabei habe.

Man kommt da ja manchmal ein bisschen durcheinander, wenn man in Unterbilk wohnt und sein Gefährt immer wieder an anderen Stellen, so man denn welche findet, abstellen muss. Wie oft ist es mir passiert, dass ich morgens aus meiner Haustür raus und nach links gestrebt bin, weil ich dort meinen Wagen wähnte. Meist fiel mir erst nach ein paar hundert Metern Wegstrecke ein, dass ich dort zwar gestern gegen Mittag einen Parkplatz gefunden hatte, dass mein Personenkraftwagen aber wegen eines späten Ausflugs eher rechts von meiner Haustüre zur Ruhe gekommen war.

Einmal wollte ich sogar die Polizei rufen, weil ich mein Auto gestohlen wähnte. Ich war mir ganz sicher, dass ich es links abgestellt hatte. Allerdings war mir wieder einmal entfallen, dass ich am Abend zuvor noch zur schnellen Erledigung eines Lustkaufs an der Tanke gewesen war. Man kann sich da nie sicher sein. Der Großstadtdschungel mit all seinen Verästelungen ist von enormer Täuschungskraft.

„Getankt?“ Ich habe nie „Nein“ gesagt, ich habe immer nur kurz rausgeschaut, ob mein Vehikel da steht, und dann habe ich den Kopf geschüttelt und die Frage des Tankstellenwächters für absurd erklärt. Wie sollte ich getankt haben ohne Auto? Anfangs war ich noch entsetzt über solch eine Fragestellung angesichts der Leere vor den Zapfsäulen, aber irgendwann lernte ich dieses „Getankt?“ als Ritual zu lieben. Ich war regelrecht enttäuscht, wenn ich nicht gefragt wurde.

Meine Enttäuschung wurde aber immer wieder gemildert, wenn ich aus dem Verkaufsraum heraus in die Nacht trat. Das lag daran, dass keine Nacht war, dass es in einer guten Tankstelle immer taghell ist, dass man dort quasi lichtdurchflutet wird. Gerade in düsteren Winternächten, wenn der Tag sich so gar nicht aufklaren mag, ist es ein Genuss, unter den vielen Lampen zu stehen.

Licht ist wichtig im Leben. Dort wo Licht ist, ist Leben. Ich merke das an meiner gelegentlichen Lust, öfters mal beim Drogeriemarkt meines Vertrauens hinein zu schneien. Nicht weil ich irgendetwas aus dem Sortiment bräuchte. Nein, ich möchte nur einmal kurz durch den Laden wandeln und mich an der Lichtflut erfreuen. Sie haben da ein besonderes Rezept der Durchleuchtung, das mir immer wieder Freude bereitet. Ich gehe rein, dusche kurz im angenehm drapierten Licht und dann gehe ich wieder raus und bin besser gelaunt.

Manchmal denke ich, dass wir nur mehr Drogeriemärkte mit tollem Licht bräuchten, schon wäre die Welt eine bessere. Dabei fällt mir natürlich schmerzlich wieder ein, dass nun eine ganz besondere Lichtquelle an der Völklinger Straße versiegt ist. Meine Shell ist nicht mehr.

Wie oft bin ich nach Erwerb meines Schokoriegels noch ein bisschen spazieren gegangen, bis hoch zur Fährstraße geschlendert. Nicht nur, um mir die Beine zu vertreten, auch um den Rückweg zu genießen. Wenn ich nämlich von dort zurück trabte, konnte ich irgendwann das Gelb meiner Shell glänzen sehen. Je dunkler die Nacht, desto glänzender das Gelb. Wie eine Lichtoase in der Finsternis wirkte das auf mich. Und wandelte ich doch im finsteren Tal, so war doch immer ein Licht angezündet allein für mich.

Nun ist das Licht erloschen, vergangen, nicht einmal mehr der Docht brennt noch an der Lebenskerze dieser Tankstelle, die ihr eigentliches Leben meist erst entwickelte, wenn der große Konkurrent, der hundert Meter weiter residierte und seinen Kraftstoff immer ein paar Cent billiger anbot, die Pforten geschlossen hatte. Dann schlug die Stunde meiner Shell. Wie oft war sie mir Rettung in höchster Not, wenn ich des Abends noch irgendwo hin musste, meine Tankanzeigenadel aber sehr verdächtig am linken Tankanzeigenrand knabberte. Dann hieß es „Einmal randvoll“, und den Schokoriegel gab es auch immer dazu.

Ich habe das mit „Einmal randvoll“ natürlich nie laut gesagt, weil es schon komisch wirkt, wenn da ein älterer Mann an der Tankstelle steht und ins Leere hinein „Einmal randvoll“ brabbelt, obwohl da niemand ist, dem er das sagen könnte. Aber gedacht habe ich es oft und dabei mehrfach an die Zeit gedacht, als es noch Tankwarte gab, die, kaum dass man vorgefahren war, um das Auto herumscharwenzelten und den Rüssel der Tanksäule in die zugehörige Öffnung führten.

Schon lange sind die Tankwarte verschwunden, und dementsprechend groß war einmal meine Verunsicherung, als mich jemand ansprach, ob er für mich tanken solle. Ich dachte erst an Trickbetrüger, aber dann sah ich, dass der Typ eine Jacke mit Muschellogo trug und fasste Vertrauen. Dann sagte ich „Einmal randvoll“ und bekam den Tank einmal randvoll. Ich wusste dann nie, was man solch einem Tankwart geben sollte. Meist gab ich ihm so viel, dass mein durch Preisvergleich angestrebter Vorteil komplett flöten ging. Allerdings verschwanden diese Tankwarte so schnell wieder, wie sie gekommen waren. Offenbar hatte sich das nicht gerechnet für die Betreiber.

Nun aber scheint es sich überhaupt nicht mehr gerechnet zu haben. Alles ist dicht, das Tankstellensterben geht weiter. Warum hat mich niemand vorgewarnt? Vor ein paar Jahren erst habe ich den Verlust der Tankstellen an der Elisabeth- und an der Bachstraße betrauert, und nun dies. Wo soll das alles hinführen?

Nun ja, ich denke, es führt in eine Zeit, in der innerstädtisch nur noch Elektrofahrzeuge unterwegs sein werden. Vielleicht baut ja Tesla hier eine große Ladestelle, ich weiß es doch auch nicht. Ich bin auch noch nicht so weit, dass ich mir großartig Gedanken um die Zukunft machen kann. Was kommt, interessiert mich nicht, so lange ich noch trauere um das, was nicht mehr ist.

Natürlich plagt mich auch ein bisschen das schlechte Gewissen. Habe ich zu selten bei meiner Shell getankt? Bin ich doch ein paar Mal zu oft beim günstigeren Mitbewerber fremdgegangen? Es sind komischer Weise die gleichen Fragen, die man sich stellt, wenn Oma im Heim gestorben ist. Da zieht man auch Bilanz und denkt darüber nach, ob man sie oft genug besucht hat oder ob man nicht ein wenig häufiger den Weg in ihre Seniorenresidenz hätte einschlagen sollen.

Um die verwaiste Tankstelle ist nun ein grobmaschiger Zaun gezogen, der meine Trauer nur aus der Ferne zulässt. Kranzniederlegungen sind offenbar nicht erwünscht. Bleibt zu hoffen, dass der Abriss bald erfolgt und ich nicht immer wieder beim Vorbeifahren auf das schauen muss, was nicht mehr ist. Ich finde das schon an der Bachstraße unerträglich, wo die alte Esso-Tankstelle seit Jahren nur noch als gerupftes Gerippe existiert. So soll es meiner Shell an der Völklinger Straße nicht gehen. Bitte, bitte.