Aus dem Nussknacker wird ein Breakdance-Prinz

Aus dem Nussknacker wird ein Breakdance-Prinz

In München hat Frederik Rydmans’s „The Nutcracker Reloaded“ eine umjubelte Premiere gefeiert. Im Januar 2018 kommt das Stück ins Capitol Theater.

Tschaikowskys Ballett „Nussknacker“ gehört gerade jetzt in der kalten Jahreszeit zu den Klassikern für einen gediegenen Abend in der Oper oder im Theater. „Die Musik ist traumhaft, aber die Geschichte ist einfach schrecklich“, erklärt der schwedische Choreograf Frederik „Benke“ Rydman, warum die Wahl bei seinem neuesten Stück gerade auf dieses altehrwürdige Ballett gefallen ist. Bei ihm bekommt der „Nussknacker“ sowohl inhaltlich als auch musikalisch eine neue Aktualität.

So wird der schöne Prinz als Nussknacker zum R’n’B-Sänger, umgeben von verwöhnten Candyfiguren als gelangweilte Blogger mit Instagram-Berühmtheit und einen kriminellen Organhändler als moderner Bösewicht im schicken Smoking. Schrill und bunt ist auch das Bühnenbild. Die eigentliche Geschichte ist hochaktuell: „Ich habe im Radio eine Reportage gehört, bei der es darum ging, rumänischen Straßenkindern mit einem Teddy eine Freude zu bereiten. Das hat mich sehr berührt“, sagt Rydman.

Bei ihm steht das kleine Mädchen Clara im Mittelpunkt. Sie wurde von ihren Eltern alleine auf einer Müllkippe zurückgelassen, weil die in einem fernen, reichen Land betteln gehen müssen. In der Hoffnung, die beiden wiederzufinden, lässt sich Clara auf den dubiosen Geschäftemacher Drosselmeyer ein. Dieser hat nicht das Wohl des Mädchens im Sinns, sondern will ihr Herz als Organspende an eine reiche, kranke Frau verkaufen. Der Einzige, der Clara beisteht, ist der Prinz, der sich in einen kaputten Nussknacker verwandelt hat. Dieser verkörpert eher den gebrochenen Antihelden im Stück.

Dafür tauchen dort plötzlichen andere Helden wie Super Mario oder Darth Vader auf. „Kein Mensch hat es verdient, auf der Straße leben zu müssen. Auch hier im wohlhabenden Deutschland sieht man überall Obdachlose, darunter sind auch Kinder. Dazu kommt das, was gerade mit den Flüchtlingen in ganz Europa passiert“, zeigt Rydman aktuell politische Bezüge seines Stücks. Das gilt auch für die Musik und den Tanz, wo Tschaikowsky auf Hip-Hop trifft und klassisches Ballett mit modernem Breakdance korrespondiert.

„Es war sehr schwer, das dazu passende Ensemble zu finden. Wir haben viele Breakdance-Szenen, aber auch ein Finale mit klassischen Ballett. Die Darsteller müssen beide Bereiche beherrschen. Zum Glück gibt es große Talente wie Ellen Lindblad, die die Rolle der Clara übernommen hat.“ Im Ensemble finden sich viele neue, junge Gesichter zwischen 20 und 25. „Mit meinen 42 bin ich in Sachen Breakdance und HipHop schon fast ein Großvater. Mit jungen Tänzern zu arbeiten, gibt mir neue Energie und inspiriert mich“, sagt das Gründungsmitglied der Streetdance Company „Bounce“. Klar war für ihn, dass das Geschehen auf der Bühne aus der Sicht von Clara erzählt werden soll.

Frederik Rydman, schwedischwer Choreograf

„Es geht um die Sehnsucht eines Kindes, wieder bei seinen Eltern zu sein — etwas, das ich als Vater von drei Kindern sehr gut verstehen kann. Durch die Augen eines Kindes zu blicken, bedeutet, eine Welt zu sehen, in der alles möglich ist. Als Erwachsene neigen wir dazu, uns bei unserer Perspektive immer mehr einzuschränken. Clara kann uns für ihre Welt die Augen öffnen.“

Erfahrungen beim modernen Umgang mit klassischem Ballettstoff hat Rydman bereits 2011 bei „Swan Lake Reloaded“ gesammelt, das mehr als 250 000 Menschen gesehen haben. „Beim Nussknacker konnte ich auf diese Erfahrung aufbauen. Aber anders als hier war bei Schwanensee die Geschichte gut und musste nur modern umgesetzt werden. Beim Nussknacker erzählen wir die Geschichte völlig neu, das hat mir deutlich mehr Freiheiten gegeben.“

Zu den neuen Dingen bei „The Nutcracker Reloaded“ gehört der Erzähler, den das schwedische Kulturministerium in die weite Welt geschickt hat. Wenn er auf der Bühne plötzlich auftaucht, fühlt man sich ein wenig an den vom Himmel gefallenen Mr. Bean erinnert. „Gerade der zeitgenössische Tanz ist schwer zu verstehen, da gibt es Erklärungsbedarf“, sagt Rydman. Eigentlich hatte er für die Rolle eine Frau vorgesehen, stößt dann aber auf einen alten Bekannten, mit dem er MacBeth inszeniert hatte — den Schauspieler Jörgen Thorson. Der zeigt Einsatz und lernt binnen sechs Wochen Deutsch, um in München in der Landessprache glänzen zu können. „Perfekt ist es nicht gerade, da gibt es noch Platz nach oben“, sagt Thorson schmunzelnd.

Seine regelmäßigen Einlagen variieren zwischen Slapstick und Comedy. Zunächst steht er noch am Rande und erklärt nur die Bewegungen auf der Bühne. Später wird er immer mehr zum Teil des Stücks und schafft es schließlich, das wilde Finale, bei dem sich Drosselmeyer in einen Vampir verwandelt, zu sprengen. Kurze Zeit später kehrt er „elfengleich“ in die klassische Ballettformation zurück, die den Abend beschließt.

Anfang 2018 kehrt „The Nutcracker Reloaded“ nach Deutschland zurück. Ein Gastspiel gibt es vom 16. bis zum 21. Januar im Düsseldorfer Capitol.

Infos: Telefon 0211 7344150