Aus dem Moshpit von „Feine Sahne Fischfilet“ in Düsseldorf

Konzert in Düsseldorf : So ist es im Moshpit von „Feine Sahne Fischfilet“

Die Punk-Band hat in Düsseldorf vor 7500 Menschen gespielt. Eine Reportage aus den ersten Reihen.

Ein Junge liegt am Boden. Neben ihm springen die Menschen pausenlos auf und ab. Die Halle bebt. Bengalos brennen. Auf der Bühne: „Alles auf Rausch.“

7500 Menschen – darunter ich – strömen für sechs Musiker aus Mecklenburg-Vorpommern nach Oberbilk. Feine Sahne Fischfilet. Spielten sie noch vor einigen Jahren im AK47 auf der Kiefernstraße vor 120 Menschen, füllen sie Ende 2018 eine der größten Konzerthallen Düsseldorfs. „Das wir vor so vielen Menschen spielen, können wir immer noch nicht fassen, sagt der Sänger Jan Gorkow alias Monchi. Die Halle ist voll, jetzt müssen sie nur noch abliefern.

Ein Ding der Unmöglichkeit: Im Moshpit ein nicht verwackeltes Foto zu schießen. Unser Reporter hat es immer wieder probiert – vergeblich. Foto: Tom Oswald

Während „Zugezogen Masuklin“ als Vorband das Publikum anheizt, erscheint Monchi mit einem jungen Mädchen – vielleicht sieben, acht Jahre alt – an der Hand und einer Frau, vermutlich die Mama des Mädchens – im Foyer der Halle und holt beiden ein Bandshirt. Standesgemäß trägt er Shorts und Trainingsjacke. Auf dem Weg zurück quatscht der Sänger mit seinen Fans und macht Selfies mit ihnen. Wie er später auf der Bühne erklärt: „Leute, ich mach gern Fotos, aber wenn‘s mich nervt, sag ich‘s auch.“ Genervt hat es ihn heute anscheinend nicht.

Wenig später ist es so weit: Gitarrensounds ertönen aus den Lautsprechern und grelle Lichter – wie die eines Stroboskops – blitzen auf. Das schwarze FSF-Banner, das zuvor noch die komplette Bühne verdeckte, fällt herab und Monchi steht mit weit aufgerissenen Augen und Mikro in der Hand am vorderen Rand der Bühne: „Es geht los, es geht los heute Nacht!“ Die Zuschauer rasten aus. Ich selbst stehe im vorderen – extra abgesperrten – Abschnitt. Von zwölf Jahren bis gefühlt 55 sind alle vertreten. Nur die Oma wurde zu Hause gelassen. Die Masse an Menschen presst sich in alle Richtungen. Einigen wird es zu viel. Sie lassen sich auf den Händen der Zuschauer bis zur Bühne tragen, wo sie von den Securitys sicher aufgefangen werden. Stagedive. Nachteil: Danach sind sie erstmal wieder im hinteren Teil des Publikums.

Die Vorderen haben dafür mit der Kraft der Menschenmasse zu kämpfen. Bei dem Song „Alles auf Rausch“ eskaliert es völlig. Der Junge neben mir – vielleicht 14 Jahre alt und einer der wenigen, die in seinem Alter ganz vorne mit dabei sind – hält dem Druck für einen Moment nicht mehr stand und wird von den Massen herunter gedrückt. War’s das jetzt? Müssen wir nach so viel Spaß einen Verletzten beklagen? Im Gegenteil. Wie, als hätten sie sich abgesprochen, bilden die Menschen um ihn mit ihren Armen einen Kreis, sodass sie gegenüber der Menschenmasse standhaft bleiben können. Einer nimmt die Hand des Jungen und hilft ihm wieder auf. Weiter geht’s. Monchi, der das vermutlich auch gesehen hat, sagt nach Ende des Songs: „Leute, wir können hier feiern wie wir wollen, aber wenn einer am Boden liegt, helfen wir ihm auf.“

Der Versuch, zu Dokumentationszwecken ein Foto von mir aus dem „Moshpit“ zu machen, geht schief. Jedes Foto ist verwackelt, so oft werde ich angerempelt, einmal wird mir das Handy sogar aus der Hand geschlagen. Nicht mit Absicht, es passiert einfach.

Über zwei Stunden feuerten Feine Sahne Fischfilet einen Song nach dem anderen ab. Zum Ende hin brennen auch auf der Bühne die Leuchtfeuer. Anders als im Fußballstadion gelten sie den Ertrunkenen im Mittelmeer. Das Kollektiv „Solidary at Sea“ ist nicht nur draußen im Foyer mit einem Infostand vertreten, sondern auch jetzt mit einigen Vertretern beim Song „Zuhause“ auf der Bühne: „Sie retten Tausende im Meer vorm ersaufen“, heißt es von Monchi. Beim Refrain: „Zuhause heißt, wenn dein Herz nicht mehr so schreit“, halte ich inne. Einige der 7500 hinter mir zücken ihr Feuerzeug. Ein Lichtermeer zieht sich zum Abschluss durch die Halle.