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Aufstand vor dem Grundschulstart am Montag in Düsseldorf

Geregelter Unterricht in NRW ab Montag : Aufstand vor dem Grundschulstart am Montag in Düsseldorf

Verbände der Lehrer und Eltern in Düsseldorf laufen Sturm: Ab Montag soll wieder geregelter Unterricht in NRW stattfinden. Kann das gelingen?

Endlich wieder Schule, endlich wieder geregelter Unterricht: Das gilt für NRW-Grundschüler ab dem kommenden Montag. Ab dem 15. Juni hat das NRW-Schulministerium für zwei Wochen bis zu den Sommerferien (ab 29. Juni) die ärgsten Einschränkungen zur Corona-Pandemie für aufgehoben erklärt. Aber bei den Eltern- und Lehrervertretungen in Düsseldorf freut sich niemand über den Neustart nach mehr als dreimonatiger Pause. Stattdessen fordern Düsseldorfer Interessensvertreter, den Re-Start zu überdenken - oder mindestens weitere Sicherheitsnetze zu spannen, die Coronas mögliche Folgen berechenbarer machen sollen.

Kann das gelingen? An den Grundschulen hatte sich gerade erst das neue System, das auf Abstand und kleinen Klassen basiert, eingespielt. Jetzt planen Leitung und Lehrkräfte neu: Laut Schulministerium soll nun in den Grundschulen auf das Abstandsgebot verzichtet werden, stattdessen „konstante Lerngruppen“ dazu beitragen, die Infektionsgefahr gering zu halten. Das sei in der Grundschule möglich, in der noch viel Unterricht von einem Klassenlehrer erteilt wird. „Verantwortbare Normalität“, heißt das. Die Klassen sollen jeweils nur von einer Lehrkraft unterrichtet werden. Auch auf den Schulhöfen dürfen sich Klassen nicht mischen. Ist das nicht möglich, gilt das Abstandsgebot.

Aber: Diese Maßgaben laut der 23. Schulmail des NRW-Ministeriums bringen die Verbände in Düsseldorf gegen die Politik auf. „Wir hätten uns gewünscht, dieses Schuljahr nach all der Unruhe einigermaßen besonnen beenden zu können. Eine Wiedereröffnung ab dem 15. Juni betrachten wir hingegen mit großer Sorge“, heißt es in einem Offenen Brief, der dieser Redaktion vorliegt. Der ist „gemeinsam für die Kolleginnen und Kollegen der Düsseldorfer Grundschulen“ geschrieben. Unterzeichnet wurde er von Monika Maraun vom Örtlichen Personalrat (ÖPR) Düsseldorf, Mona Pohl, Heide Steinke und Anke Schmidt als Sprecherinnen der Schulleitungen und Lehrerräte, Astrid Zörner als Vertrauensperson der schwerbehinderten Lehrkräfte, Sylvia Burkert vom Stadtverband Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Düsseldorf und Patrizia Holthausen vom Verband Bildung und Erziehung (VBE) der Landeshauptstadt.

Gerade einmal vier Wochen sei es her, dass ein auf Abstand basierendes System „an allen Düsseldorfer Grundschulen mit viel Aufwand und Engagement umgesetzt“ worden sei, heißt es im Brief. Die Rückkehr in eine „verantwortungsvolle Normalität“ geht den Initiatorinnen viel zu weit. Sie stören sich an der Kurzfristigkeit der Umsetzung, hinterfragen die zwei Wochen, also acht Schultage, vor den Sommerferien, weil die Auswirkungen des laufenden rollierenden Systems noch gar nicht vorlägen. Und sie fragen sich: „Wie kann es sein, dass die Abstandsregelung, die in den Pandemie-Vorgaben steht und überall gilt, für die Grundschule aufgehoben werden kann?“ Zudem seien Verantwortungsfragen in Sachen Arbeits- und Gesundheitsschutz zu klären, da die Schulleitungen den nicht gewahrt sähen. Kinder wüssten zudem die unterschiedlichen Abstandsgebote in Schule und Freizeit nicht mehr zu unterscheiden. In dem Offenen Brief werden weitere Fragen gestellt: „Welche wissenschaftliche Studie gibt zu hundert Prozent die Sicherheit, dass die Ansteckungsgefahr unbedenklich ist? Welche Schutzmaßnahmen werden für die Kollegen getroffen? Plexiglas-Schutzwand für Schülergespräche? Mund-Nasen-Schutz für alle? Testungen?“

Stattdessen sei es sinnvoller, alle Kraft in den Wiederbeginn nach den Ferien zu stecken, zumal auch Betreuungspersonal für den Nachmittag fehle. Die Interessensvertreterinnen kritisieren „insgesamt die gesamte Kommunikation in den letzten Wochen“ als „kurzfristig, wenig konkret und wenig Praxis zugewandt“. Expertenmeinungen aus den Anhörungen seien von Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) ebenso nicht berücksichtigt worden wie die Praktiker vor Ort.

Klar ist: Nur wenige Lehrer werden für den anstehenden „Normalunterricht“ ausfallen. Auch hier hat sich die Regelung geändert: Lehrer gelten nicht mehr automatisch ab einem bestimmten Alter und mit bestimmten Erkrankungen als Angehörige einer Risikogruppe. Jetzt müssen sie sich das von einem Arzt bestätigen lassen, der ihre individuelle Gefährdung einschätzt.

Richard Voß von der GEW in Wuppertal hat vor dem Start die Nase voll: „Risiken werden ignoriert, Schutz vor Infektionen ist eine Farce. Das ist reine Symbolpolitik“, kritisiert er. Die Umstellung sei vor allem eine „Wahnsinns-Logistik-Herausforderung“. Seine Gewerkschaftskollegin Andrea Oppermann sagt: „Wir fühlen uns schon ein bisschen wie Versuchskaninchen.“ Es sehe so aus, als werde an den Grundschulen die Rückkehr zum Präsenzunterricht ausprobiert. Wenn es dann Ausbrüche gebe, so vermutet sie die politische Taktik, könnten diese durch die anschließenden sechswöchigen Ferien aufgefangen werden.

Schulministerin Gebauer ficht das nicht an, ihr Konzept wird die FDP-Politikerin nicht mehr zurücknehmen. Wohl aber, so hat Düsseldorfs Stadtdirektor Burkhard Hintzsche mitgeteilt, werde es künftig in deutlich stärker genutzten Klassenräumen erhöhte Reinigungsintervalle geben. Zum Start bleibt also Hoffnung. „Wir wünschen uns nichts mehr als einen geregelten Normalbetrieb – aber verbunden mit einem nachvollziehbaren Umgang mit Risiken und Sicherheit für die Gesundheit“, heißt es in dem Brief.