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Arbeitsagentur: Keine Nachteile durch Corona auf dem Ausbildungsmarkt

Berufsorientierung : Arbeitsagentur: Keine Nachteile durch Corona auf dem Ausbildungsmarkt

Thorsten Schumacher von der Berufsberatung der Agentur für Arbeit über die Schockstarre der Jugendlichen und ihre Chancen, in der Corona-Krise eine Ausbildung zu finden.

Wie geht es nach der Schule weiter? Das ist eine Frage, die jedes Jahr aufs Neue Jugendliche umtreibt. In diesem Jahr fanden sie sich noch dazu in einer ganz neuen Situation wieder. Die Schulen waren geschlossen, die Arbeitsagentur konnte mit ihren Berufsberatern nicht vor Ort sein. Thorsten Schumacher leitet die Berufsberatung der Agentur für Arbeit in Düsseldorf und weiß, welche Auswirkungen das auf die Ausbildungsplatzsuche der Jugendlichen hat und wie die Chancen auf einen Ausbildungsplatz aktuell stehen.

Herr Schumacher, dieses Jahr ist vieles anders. Ist auch die Situation auf dem Ausbildungsmarkt eine andere als im Vorjahr? Im August startet das neue Lehrjahr.

Schumacher: Der Ausbildungsmarkt hat sich im Vergleich zum Vorjahr nicht wesentlich verändert. Bislang wurden uns 4200 Ausbildungsstellen gemeldet, aktuell ist ungefähr die Hälfte unbesetzt. 1800 Jugendliche suchen aktuell noch, wir rechnen bis September mit insgesamt 4000 Bewerbern. Das Bewerber-Stellen-Verhältnis ist für die Jugendlichen also immer noch sehr gut.

Hat die Pandemie also keinen Einfluss auf den Ausbildungsmarkt?

Schumacher: Geht man nach den Zahlen, ist das in der Tat so. Wir haben allerdings gerade mit 1800 Jugendlichen etwas mehr unversorgte Bewerber als im Vorjahr. Das liegt aber nur daran, dass der gesamte Bewerbungsprozess wegen des Lockdowns nach hinten verschoben wurde. Erst zum Ende des Jahres kann man wirklich eine Aussage darüber treffen, wie sich Corona auf den Ausbildungsmarkt ausgewirkt hat. Berücksichtigen muss man dabei immer auch, dass wir dieses Jahr ohnehin weniger Bewerber haben als vergangenes Jahr, weil es insgesamt 900 weniger Schulentlassungen gab. Und das hat nichts mit Corona zu tun.

In den vergangenen Monaten sind die sogenannten systemrelevanten Berufe verstärkt in den Fokus der Öffentlichkeit gerückt. Hat das Einfluss auf die Berufswünsche der Jugendlichen?

Schumacher: Auch bei der Frage, welche Ausbildungsberufe bei den Jugendlichen besonders nachgefragt sind oder in welchen Branchen die meisten Stellen angeboten werden, ist das Bild nahezu identisch mit dem im Vorjahr.

Nämlich? Welche Ausbildungsberufe sind beliebt?

Schumacher: Am beliebtesten sind nach wie vor die medizinischen und kaufmännischen Berufe, aber auch der Einzelhandel ist stark nachgefragt. In den Top Ten ist zudem der Anlagenmechaniker Sanitär-Heizungs- und Klimatechnik, Maler und Lackierer sowie der Fachinformatiker. In den genannten Bereichen werden auch Stellen angeboten.

Was ist mit dem in der Corona-Krise so gebeutelten Hotel- und Gaststättenbereich?

Schumacher: Der Ausbildungsberuf Hotelfachmann/-frau liegt tatsächlich auf Platz 8 bei den gemeldeten Ausbildungsstellen (111 Ausbildungsstellen). Auch ich hatte befürchtet, dass die zu Beginn des Jahres bei uns gemeldeten Stellen storniert werden, weil Hotels und Gaststätten durch eine schwierige Zeit gehen. Ich habe mich sehr gefreut, dass es nicht so ist. Die Branche rechnet fest damit, wieder hochzufahren. Die Fachkräfte werden also definitiv gebraucht. Aber auch da zeigt sich: Das Einstellungsverfahren hat sich um gut zwei Monate nach hinten verschoben. Weil viele Betriebe Probe-Tage durchführen wollen und das in Corona-Zeiten nicht möglich war. In anderen Branchen wurden die Bewerbungsgespräche per Videochat geführt.

Schreckt das die Jugendlichen eher ab oder profitieren sie davon?

Schumacher: Das ist absolute Typsache. Einige finden es ganz furchtbar, in die Kamera zu gucken, und wissen gar nicht damit umzugehen. Andere sind total erleichtert und finden es viel besser, in ihrer gewohnten Umgebung vor dem PC zu sitzen, als sich live vor einer Kommission präsentieren zu müssen. Auf mündliche Prüfungen werden die Jugendlichen in der Schule vorbereitet, sie lernen, sich vor eine Klasse zu stellen und frei zu reden. Aber wie Bewerbungsgespräche vor der Webkamera geführt werden, dazu gibt es keine Anleitungen. Das ist für einige dann schon eine Hürde.

Können Arbeitgeber denn so überhaupt einen umfassenden Eindruck vom Bewerber bekommen?

Schumacher: Wenn es um Körpersprache, Blickkontakt und andere Präsentationsmöglichkeiten geht, wird es natürlich schwierig. Dennoch kann der Arbeitgeber durchaus einen Eindruck bekommen, weil sich die Fragen ja nicht ändern.

In diesem Jahr ist den Berufsberatern der Zugang zu Jugendlichen erschwert worden. Mit der Corona-bedingten Schulschließung fielen auch die in der Schule stattfindenden Beratungen der Arbeitsagentur aus. Wie konnten sich die Jugendlichen auf die Suche vorbereiten?

Schumacher: Wir haben schnell reagiert und Hotlines geschaltet und das über die Schulen und weitere Kanäle beworben. Wir waren immer erreichbar für die Jugendlichen.

Wie ist das Angebot angenommen worden?

Schumacher: Insgesamt gut. Klar, kurz nachdem die Schulen geschlossen wurden, hatten die Schüler erst mal andere Sachen im Kopf, als sich telefonisch beraten zu lassen. Aber als es Richtung Ferien ging, stieg die Nachfrage. Und wir gehen auch alternative Wege, um Präsenz zu zeigen: Wir haben ein Ferienprogramm aufgelegt mit  Live-Seminaren via Zoom mit Chat zu verschiedenen Themen, bei denen sich die Jugendlichen mit Fragen zuschalten können. Und im August gibt es sogar ein Drive-In-Speed-Dating, das die Handwerkskammer organisiert hat (Termine auf der Homepage, siehe Kasten).

Sie sagten, die Schüler hatten erst mal andere Sachen im Kopf. Sind die Jugendlichen spät dran?

Schumacher: An den Zahlen lässt sich das nicht festmachen. Aber ja, mit Sicherheit waren auch die Jugendlichen im März und April erst mal in Schockstarre. Alle waren überfordert mit der Situation, die Schulabgänger wie die komplette Wirtschaft. Und es war sicher auch so, dass es eine große Verunsicherung gab und der eine oder andere dann anstelle einer Ausbildung doch die sichere Variante gewählt hat, die schulische Laufbahn weiter zu verfolgen. Aber das ist nicht die Masse. Zurzeit erreichen uns wieder einige Anrufe von Jugendlichen, die ihre Ausbildungsplatzsuche melden.

Jugendliche haben also auch jetzt noch Chance auf einen Ausbildungsplatz im Jahr 2020/21?

Schumacher: Auf jeden Fall! Der Start im August ist sowieso nicht gesetzt. Viele starten erst am 1. September oder 1. Oktober, Nachvermittlungen sind bis in den Januar hinein möglich.

In welchen Berufen stehen die Chancen denn am besten?

Schumacher: Das sind die bereits erwähnten medizinischen und kaufmännischen Ausbildungsberufe. Und – erfreulicherweise in diesen Zeiten – der Bereich der Hotels und Gaststätten sowie Berufe im Handwerk.