Anwältin für Kinderrechte genießt ihre „Narrenfreiheit“

Anwältin für Kinderrechte genießt ihre „Narrenfreiheit“

Ina Schubert setzt sich seit 30 Jahren für Kinder ein. Als Till Eulenspiegel verkleidet verschafft sie ihnen eine Lobby.

Düsseldorf. Till Eulenspiegel war nicht einfach nur ein herkömmlicher Narr. Der im Jahr 1300 geborene Gaukler gilt vielmehr als einer der ersten Anarchisten: Äußerlich bespaßte er zwar sein Publikum, doch mit seinem Witz und seiner Geisteskraft war er seinen Mitmenschen überlegen und deckte durch seine Streiche gesellschaftliche Probleme auf.

Es ist daher kein Zufall, dass Till Eulenspiegel vor 30 Jahren zum Vorbild für das gleichnamige Projekt der Arbeiterwohlfahrt (Awo) wurde. Und das ist wörtlich zu verstehen: Im Narrenkostüm setzt sich die Sozialpädagogin Ina Schubert (58) seit drei Jahrzehnten publikumswirksam für die Rechte von Kindern ein. Streiche spielt sie keine, denkt sich mit ihrem Team aber andere Aufsehen erregende Aktionen aus, um Kindern eine Lobby zu verschaffen.

Dabei genießt sie ihre buchstäbliche Narrenfreiheit: Schon fast überall ist sie in ihrem rot-grünen Kostüm aufgetaucht, einschließlich Narrenkappe und Glöckchen. "Ich war auch verkleidet im Jugendhilfeausschuss", erzählt sie. "Erwachsene sind durch das Kostüm immer total verunsichert, aber gegenüber Kindern ist das ein tolles Kontaktinstrument."

Dass Till Eulenspiegel im Jahr 1979 ins Leben gerufen wurde, hatte seine Gründe. "Es war einfach die Zeit der politischen Agitation, die noch von den 68ern nachwirkte", sagt Schubert. "Und zu tun gab es genug. Welcher Politiker nimmt Kinder schon ernst?" Über eine Stellenanzeige der Awo wurde damals ein Sozialpädagoge gesucht. Schubert rief an und fragte ein bisschen frech, ob es denn auch eine Frau sein dürfe - und hatte den Job.

Sie schlüpfte in ihr Eulenspiegel-Kostüm und hilft seitdem bei der Bewältigung schwieriger Situationen zu Hause genauso wie bei der Beseitigung eines Mangels auf dem Spielplatz.

"Wir sind Verbündete der Kinder, die einfach keine gute Lobby haben", sagt Schubert. "Durch uns finden ihre Wünsche den Weg ins öffentliche Bewusstsein." Und die Öffentlichkeit staunte oft nicht schlecht, wenn Schubert sich in Eulenspiegel verwandelte. Da fuhren Kinder in einem riesigen trojanischen Pferd vor das Rathaus, um darauf hinzuweisen, dass es in der Stadt zu wenig Spielraum gibt. Die längste Theke der Welt ziehe zwar Touristen an, sei aber kein Ort für Kinder.

Bei einer anderen Aktion wurde ein unbrauchbarer Spielplatz an der Stephanienstraße von Till und einigen Kindern komplett als Paket verpackt und symbolisch an den Absender zurückgeschickt. Mit Erfolg: Ein neuer Platz wurde gemeinsam mit den Kindern geplant und errichtet.

Doch Till versteht sich auch als Kontaktperson für Kinder und Jugendliche, die mit ihren ganz privaten Problemen jemanden zum Reden brauchen. Dass diese Probleme sich in den letzten 30 Jahren verändert haben, sieht Schubert nicht.

"Aber sie sind in ihren Ausdrucksformen zum Teil intensiver geworden." Mobbing und Gewalt setzen sich heute bis weit nach Schulschluss im Internet fort.Seiten wie Schüler VZ sind zum Problem geworden - in der Anonymität des Netzes beleidigt und diffamiert es sich leichter. "Deswegen lernen Kinder bei uns auch, Konflikte gewaltfrei zu bewältigen", sagt Schubert. Rund 1200 Kinder werden jährlich erreicht, wenn Till in Schulklassen über Kinderrechte aufklärt. Und zwar wirklich erreicht: Fast ein Viertel lässt sich danach in der Beratung blicken - bei Till, der Verbündeten.

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