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Angelika Wimmer: Ein ganzes Arbeitsleben hinter Gittern

Angelika Wimmer: Ein ganzes Arbeitsleben hinter Gittern

Angelika Wimmer (62) hat 38 Jahre in der Geschäftsstelle der Ulmer Höh’ gearbeitet — und ein Stück Geschichte miterlebt.

Düsseldorf. In wenigen Tagen wird sich das Tor der Ulmer Höh’ hinter dem letzten Gefangenen schließen — und verschlossen bleiben. Nach fast 120 Jahren ist das Kapitel des Derendorfer Gefängnisses vorbei, die Inhaftierten ziehen in den Neubau an der Ratinger Oberhausener Straße um.

Angelika Wimmer hat dieses Tor bereits vor zwei Jahren hinter sich geschlossen. Die heute 62-Jährige hat 38 Jahre in der Ulmer Höh’ gearbeitet — und ein großes Stück von deren Geschichte miterlebt.

In ihrer Kindheit hatte Angelika Wimmer, die in Dortmund lebte, oft ihre Großtante in Derendorf besucht. Und stets auf das Gefängnis geblickt, das dort zwischen 1889 und 1893 — ursprünglich etwas außerhalb — auf einer kleinen Anhöhe errichten worden war.

Auf der Ulmer Höh’ eben, einem ehemaligen Galgenplatz. „Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich dort fast mein ganzes Leben verbringen würde“, sagt Angelika Wimmer jetzt mit einem Lächeln.

21 Jahre war sie alt, als sie 1972 ihren Arbeitsplatz zum ersten Mal betrat. „Es war schon ein bisschen aufregend. Man braucht Zeit, bis man sich in einem Gefängnis heimisch fühlt.“ Angelika Wimmer arbeitete in der Vollzugsgeschäftsstelle. Gefangenentransporte, Entlassungen, Verlegungen.

Vor ihrem Schreibtisch stand ein Metallschrank als kleines Stückchen Schutz. „Alles war sehr einfach.“ Die Anstalt war Ende des 19. Jahrhunderts im Gefängnisbauboom der Preußen errichtet worden. Kreuzförmig, wie es damals modern war, weil von der Zentrale aus alle Gänge einsehbar waren und Personal gespart werden konnte. „Und nach dem Krieg hat man ja nicht viel in den Vollzug investiert“, sagt Angelika Wimmer.

Möbel aus Holz, ein bisschen Wärme — das kam erst Ende der 70er mit dem Gefängnisleiter Hans Seibert, dessen Leitspruch lautete: „Der Mensch ist mehr als seine Taten.“

So sieht es auch Angelika Wimmer. „Ich habe nie den Verbrecher gesehen, immer den Menschen.“ Und manche kannte sie mit den Jahren recht gut, viele kamen immer wieder. Ein über 60-Jähriger etwa, der einen Großteil seines Lebens hinter Gittern verbracht hatte.

Wann immer er entlassen wurde, kündigte er sich fürs kommende Wochenende gleich wieder an. „Er verpulverte alle Ersparnisse, dann trat er irgendwo ein Schaufenster ein — und war wieder da.“ Für manche Menschen ist eben der Knast ihr Zuhause.

Angelika Wimmer hat die RAF-Zeit in der Ulmer Höh’ miterlebt, den Majdanek-Prozess um ehemalige SS-Angehörige, den sie mit Spannung verfolgte. Sie hat Menschen abseits der Norm kennengelernt, viel Erfahrung gewonnen und hautnah gesellschaftliche Entwicklungen gespürt. „Früher hatten fast alle Gefangenen einen handwerklichen Beruf“, berichtet die 62-Jährige. „Heute sind sehr viele suchtkrank und haben nie etwas gelernt.“

Seit 15 Jahren habe sich die Drogenproblematik im Gefängnis verschärft. „Es ist schlimm, zu sehen, wie Mütter ihre Kinder verlieren“, sagt Angelika Wimmer. Zwei Mal erlebte sie mit, wie Mütter gleich vier Söhne zuerst an die schiefe Bahn und schließlich an die Drogen verloren. Goldener Schuss. Aber auch sie selbst hat Verlust erlebt, in der Ulmer Höh’. Ihr Mann René Wimmer war dort stellvertretender Anstaltsleiter — und ein Arbeitstier, wie die Pensionärin sagt. Er starb 2007 am plötzlichen Herztod, in seinem Büro in der „Ulm“.

Neulich hat Angelika Wimmer andere Pensionäre eingeladen und den JVA-Neubau besichtigt. 39 Ehemalige aus Derendorf kamen. Besonders gefiel, dass jede Zelle eine abschließbare Toilette hat. Anders als in der Ulmer Höh’. Ihren alten Arbeitsplatz hat Angelika Wimmer zuletzt nicht mehr besucht. Sie will nicht, dass man ihr die Traurigkeit ansieht. „Ich war einen Großteil meines Lebens dort“, sagt die 62-Jährige. „Ich bin innerlich mit dem Gefängnis verbunden.“