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Analyse: Warum der Rheinbahn-Chef gehen musste

Analyse : Warum Rheinbahn-Chef Michael Clausecker gehen musste

Der 52-Jährige ist nicht mehr Vorstandssprecher der Rheinbahn. Was auf den ersten Blick nach einem beruflichen Scheitern aussieht, ist vor allem ein menschliches und ein politisches.

Er habe sich nicht genug ums Kerngeschäft gekümmert. Dieser Satz war in verschiedenen Variationen in den vergangenen Wochen immer wieder zu hören, wenn es um den Vorstandssprecher der Rheinbahn, Michael Clausecker, und das sich abzeichnende Ende seiner Zeit in Düsseldorf ging. Clausecker ist nach weniger als drei Jahren gescheitert. Das verschärft die Frage, was denn dieses Kerngeschäft ist. Bei der Suche nach der Antwort helfen zwei Vergleiche: der mit seinem Vorgänger und der mit seinem Vorstandskollegen, der weiter im Amt ist.

Der Vorgänger Dirk Biesenbach ist Diplom-Ökonom. Das klingt nur nach einer Berufsbezeichnung, beschreibt ihn aber bis in die Tiefe. Als Rheinbahn-Chef erweckte er nicht den Eindruck, freiwillig einen Bus oder eine Straßenbahn zu betreten. Aber es gelang ihm, die Höhe der öffentlichen Zuschüsse auf ein Niveau zu senken, das als bundesweit beachtlich galt. Die Rheinbahn erhielt das Rating AA-, das untere Ende der zweitbesten Stufe. Sie steht für „sichere Anlage“ und „Ausfallrisiko so gut wie vernachlässigbar“. Dafür erhielt Biesenbach viel Lob — und daran scheiterte er, als sich mit der Kommunalwahl 2014 die Person des Oberbürgermeisters und die Mehrheitsverhältnisse im Stadtrat änderten. Mindestens Thomas Geisel und die Grünen wollten nicht mehr nur einen Rheinbahn-Chef, der aufs Geld aufpasst, sondern einen, mit dem sie die Verkehrswende gestalten können.

Und so komplimentierte Thomas Geisel Dirk Biesenbach aus dem Unternehmen und suchte einen strategisch ausgerichteten Vorstandssprecher. Er fand einen Mann, der in den frühen 90ern bei der Treuhand war, im Alter von 27 schon Geschäftsführer und zuletzt beim Bahn-Hersteller Bombardier gearbeitet hatte. Clauseckers Auftakt in Düsseldorf wurde beinah euphorisch begleitet. Da sprach plötzlich einer davon, die Menschen fragen zu wollen, was sie bei dem Nahverkehrsunternehmen vermissen und was sie sich wünschen. Da verschob einer den Kauf von schon bestellten Bussen, weil er erst herausfinden wollte, ob sie gebraucht werden und wenn ja, in welcher Größe. Und da animierte einer seine Mitarbeiter, alles neu zu denken und vorzuschlagen.

Im Vergleich mit seinem Vorgänger kann man Michael Clausecker wenig vorwerfen. Die wichtigen wirtschaftlichen Daten befinden sich auf ähnlichem Niveau wie vorher. Zudem hat die Rheinbahn neue Fahrkarten-Typen eingeführt, ihre Außenkommunikation modernisiert, mobiles Internet in Bussen ermöglicht und Schnell-Verbindungen (Metro-Busse) rund ums Zentrum geschaffen. Das alles könnte man als die erwünschte strategische Leistung sehen - oder als Nichtkümmern ums Kerngeschäft.

Der Vorstandskollege Das Aus für Michael Clausecker hat noch eine zweite ungewöhnliche Dimension: Die Vertreter in den Aufsichtsgremien begründen das Aus damit, dass das Unternehmen seine Ziele nicht erreicht habe. Die andere Hälfte des zweiköpfigen Vorstands, Arbeitsdirektor Klaus Klar, steht und stand dabei nie zur Disposition. In Klars Zuständigkeitsbereich fällt unter anderem der überdurchschnittlich hohe Krankenstand, der natürlich Einfluss auf Verfügbarkeiten und Zuverlässigkeit hat. Trotzdem war es kein Thema, den gesamten Vorstand auszutauschen. Warum nicht?

Eine Antwort gibt die folgende Szene: Im Sommer 2016 feierte Klar, dass er 40 Jahre zuvor seine Lehre bei der Rheinbahn begonnen hatte und seitdem im Unternehmen ist. Klar lud auf den Betriebshof in Heerdt ein und bat die Gäste, ihm nichts zu schenken, sondern für eine von zwei Einrichtungen zu spenden, die ihm am Herzen liegen. Beide Vereine hatten einen Stand auf dem Fest. Wer die Rheinbahner ansprach, die bei der Feier halfen, ob sie dienstverpflichtet wurden oder freiwillig arbeiteten, erhielt immer dieselbe Antwort: „Für den Klaus mache ich das gerne. Für den anderen [vorsichtiges Deuten mit dem Kopf in Richtung Clausecker] würde ich das nicht machen.“

Es kursiert eine erstaunliche Zahl an gruseligen Geschichten über Clausecker im Unternehmen. Und es gab in den vergangenen Wochen rekordverdächtig viele Menschen, die die Medien dieser Stadt unaufgefordert mit Informationen über Probleme der Rheinbahn versorgten. Keine dieser Geschichten soll hier genannt oder auf ihren Wahrheitsgehalt überprüft werden. Die bloße Menge zeigt, dass es im Zwischenmenschlichen einen gewaltigen Kontrast gibt: hier „der Klaus“, der es vom Lehrling zum Chef gebracht, da „der andere“.

Fazit Wenn Aufsichtsgremien einen Vorstandssprecher ablösen, weil die Belegschaft unter ihm leidet, ist das ein seltenes und bemerkenswertes Signal an die Mitarbeiter. Das alleine erklärt das Aus für Michael Clausecker aber noch nicht.

Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt sagte der jetzt Ex-Rheinbahn-Chef, er habe ein Vakuum zwischen Rathaus und seinem Unternehmen ausgemacht. Alle Vorschläge zum Nahverkehr kämen aus der Politik, das wolle er nun ändern. Hat er auch, aber mit dem Ergebnis, dass in den politischen Kreisen ähnliche Aversionen gegen ihn erwuchsen wie bei den Rheinbahn-Mitarbeitern. Seine Vorschläge wurden im Verkehrsausschuss so heftig torpediert, dass bisweilen nicht mehr erkennbar war, ob es noch um Sachfragen ging. In der jüngsten Zeit standen dabei die Fahrgastzahlen im Mittelpunkt, die sich nicht so entwickelten, wie Clausecker es in seinen ehrgeizigen Zielen formuliert und wie es die Politiker sehr gerne gesehen hätten. Angesichts der Zeitspannen, in denen sich so etwas wie eine Verkehrswende vollzieht, stellt sich die Frage, ob man einem Rheinbahn-Chef unter anderen Umständen nicht noch wenigstens die zwei Jahre bis zum Ende seines Vertrages gegeben hätte, um zu sehen, ob seine Ideen wirken.

Michael Clausecker wird die Landeshauptstadt mit einer Erkenntnis verlassen: So wie es in Deutschland 80 Millionen Bundestrainer gibt, gibt es in Düsseldorf eine Menge Rheinbahn-Chefs.