An immer mehr Düsseldorfer Schulen kommen Hunde zum Einsatz

Tier-Therapie : Hunde sind die Stars in Düsseldorfer Klassenräumen und Kitas

Schulhunde sorgen durch ihre Anwesenheit für Ruhe, helfen beim Lernen und dabei, Ängste abzubauen. Auch in Kitas kommen die Tiere schon zum Einsatz.

Zehn Jahre lang war Xenia Seelentrösterin. Nicht nur das. Sie sorgte für Ruhe im Klassenraum und zwar durch reine Anwesenheit. Wenn Xenia im Unterricht mit dabei war, nahmen die Schüler Rücksicht. Die schüchternen Kinder kamen etwas mehr aus sich raus, die hibbeligen runter. Und denjenigen Schülern, die es gerade am meisten nötig hatten, ein bisschen mehr Zuwendung zu bekommen, bot sich Xenia nur allzu gern für eine Extraeinheit Kuscheln an. Die Rede ist nicht etwa von einer Schulsozialarbeiterin. Xenia war als Schulhündin an der Carl-Benz-Realschule im Einsatz. Und noch heute denken Kollegen, die die schwarze Labrador-Hündin bereits 2016 an der Seite ihrer Besitzerin, Schulleiterin Christiane Korfmacher-Zimmermann, in den Ruhestand verabschieden mussten, gerne an sie zurück.

Nicht weit entfernt, ebenfalls im Linksrheinischen, aber an einer Grundschule, ist Boxer Ito als Schulhund im Einsatz. Der fünfjährige Boxer hat seinen Platz bei Schulleiterin Nanette Weidelt und begleitet sie in den Freiarbeitsstunden in die Klasse. „Den Kindern gefällt besonders gut, wenn Ito in der Stunde Aufgaben mit dem Schaumstoffwürfel würfelt. Zum Beispiel Rechenaufgaben in Mathematik“, so Schulleiterin Nanette Weidelt. „Wenn Ito im Unterricht ist, geben sich die Kinder auch Mühe, leise zu sein, denn er legt sich am liebsten unter einen ruhigen Tisch.“ In der Hunde-AG lernen die Kinder, wie man mit Ito, der eigentlich „Mojito vom weiten Land“ heißt, trainiert, spielerisch umgeht, aber auch, wie er sich mit anderen Hunden verhält – etwa bei einem Spaziergang am Rhein. Verhaltensregeln zu Umgang und Hygiene wie „Nicht füttern“ oder „Hände waschen“ hängen für die Schüler als Gedächtnisstütze an den Wänden.

Therapie-Effekte von Hunden sind allgemein anerkannt

Was auf den ersten Blick nach willkommener Abwechslung im Klassenzimmer klingt, hat einen wissenschaftlich belegbaren, pädagogischen Hintergrund. Tiergestützte Pädagogik nennt es sich, wenn ein Hund regelmäßig von einer Lehrkraft in den Schulunterricht und den Schulalltag integriert wird. Der Einsatz von ausgebildeten Hunden in der Schule soll nachweislich zur Verbesserung der Lernatmosphäre, der individuellen Leistungsfähigkeit, des Arbeits- und Sozialverhaltens von Schülern beitragen. Studien belegen, dass die regelmäßige Anwesenheit eines Hundes im Schulalltag positive Veränderungen bewirkt: Kinder gehen nachweislich lieber zur Schule, Außenseiter werden aus der Isolation geholt, Auffälligkeiten reduzieren sich, soziale Kontakte werden gefördert, Lehrer werden mehr beachtet, aus Rücksicht auf den Hund Konflikte und Lärm vermieden.

Susanne Sommerfeld besucht Schulen und Kitas mit ihren beiden Therapie- und Besuchshunden Moro und Ruby. Foto: Susanne Sommerfeld

Und dass es dabei nicht auf die Größe des Hundes ankommt, beweist Chihuahua-Rüde Dr. Freud täglich. Er kam 2017 als Welpe an das Marie-Curie-Gymnasium. Durch seine Körpergröße von gerade mal 30 Zentimetern und einem Körpergewicht von etwa vier Kilogramm kann er von Schülern problemlos auf den Schoß genommen werden. „Besonders wichtig ist das für verhaltensauffällige Schüler oder Kinder, die stressbedingt oft Bauchschmerzen während des Schulalltags bekommen. Dr. Freud wirkt dann wie eine Wärmflasche. Durch das Streicheln lösen sich Ängste und Verspannungen“, sagt Besitzerin Daniela Wojtkiewicz. Aber Dr. Freud schafft noch mehr: „Die Anwesenheit von Dr. Freud bewirkt, dass sich die Kinder eindeutig mehr um Sorgfalt und Ordnung bemühen. Sie haben Angst, dass Dr. Freud etwas fressen könnte, das er nicht verträgt“, sagt die Lehrerin. Auch Arbeitsblätter werden sofort weggeheftet und runtergefallene Stifte sofort aufgehoben, weil sich Dr. Freud daran verletzten könnte.

Täglich begleitet der Chihuahua-Rüde Lehrer – nicht nur seine Besitzerin, sondern auch deren Kollegen – in den Unterricht. „Ob es nun die Fünfer sind oder die Oberstufenschüler, alle erfreuen sich an der bloßen Anwesenheit von Dr. Freud“, sagt Daniela Wojtkiewicz. Zu viel Ablenkung, Zwischenrufe oder Eifersüchteleien unter den Schülern, wer ihn nun länger auf dem Schoß hatte, gibt es nicht. „Alle nehmen Rücksicht. Und alle wollen sich so verhalten, dass Dr. Freud auch künftig ihren Unterricht besuchen kann. Er hat wirklich eine ganz besondere Stellung in der Schulgemeinschaft“, sagt die Lehrerin und muss bei dem Gedanken an den Tag der offenen Tür vor einigen Tagen lachen: „Da haben sich die Kinder brav hintereinander angestellt, um Dr. Freud einmal kurz über den Kopf zu streicheln. Es war wie beim Weihnachtsmann.“

Und Dr. Freud weiß um seine Position: Der gutmütige und stressresistente Chihuahua spaziert morgens nicht zur Arbeit – er stolziert. „Ja, er schwebt förmlich über den Boden“, sagt Daniela Wojtkiewicz. Auch im größten Pausentrubel bilden die Schüler eine Schneise für ihren Schulhund. Keiner will ihm versehentlich auf die kleinen Pfoten treten.

Wer bislang keinen Schulhund hat, kann Hundeexpertin Susanne Sommerfeld mit ihren beiden Therapie- und Besuchshunden Moro und Ruby zu sich in die Schule einladen. Auch Düsseldorfer Kindergärten haben das Angebot bereits in Anspruch genommen. „Kinder in der Stadt haben nicht immer die Möglichkeit ein Haustier zu halten. Viele Kinder wünschen sich einen Hund, kommen aber selten mit ihm in Kontakt“, sagt Susanne Sommerfeld. In ihrem Kurs lernen die Kinder, den Hund an der Leine zu führen, üben verschiedene Apportier-, Bring- und Versteckspiele und absolvieren am Ende sogar einen „Hundeführerschein“. Dabei lernen die Kinder auch, wie sie auf fremde Hunde auf der Straße zugehen sollten oder wie sie sich verhalten, wenn mal ein Hund auf sie zustürmt. „Ich hatte schon Kinder im Kurs, die anfangs eine panische Angst vor meinen Hunden hatten. Ein Junge hielt meine Hand und schlotterte. Bei meinem dritten Besuch lag genau dieser Junge auf dem Boden, einen schwarzen Hund links, den anderen rechts im Arm“, erinnert sich Sommerfeld. „Das sind Erfahrungen, an denen ein Kind wächst.“