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Am Grabbeplatz in Düsseldorf steht Fritz Schweglers U-Denkmal

Kultur : Der lächelnde Mund in der Altstadt

Fritz Schweglers Denkmal „U Thant“ ist ein großes U aus Metall, das am Grabbeplatz steht.

Fritz Schwegler (1935-2014) war nicht nur ein großer Lehrer an der Kunstakademie, sondern auch ein bedeutender Bildschöpfer. Seine menschlichen, tierischen, architektonischen Figuren, seine gewachsenen und gewordenen Formen scheinen stets aus einem Bereich zwischen Realität und Traum zu kommen. Aber sie sind nicht flüchtig wie der Traum, sondern klar in der Form. „Der Geist braucht eine Form zum Verwirklichen“, sagte er einmal. Auf dem Grabbeplatz steht das Denkmal „U Thant“. Die Skulptur ist einer der wirklich guten Ankäufe der Stadt, die das Werk von 1969 aus der „Großen Düsseldorfer“ erwarb und 1989 bezahlte.

Wer das stählerne U betrachtet, das sich aus dem Dauergrün der Umgebung kaum befreien kann, muss lachen. Denn dieser Buchstabe hat nichts mit einer U-Bahn zu tun, die zeitweise gleich nebenan einen Zugang vom Grabbeplatz zur Haltestelle Heinrich-Heine-Allee hatte. Dieses U lacht lautlos. Die Öffnung des überdimensionierten Mundes schiebt sich aus dem Buschwerk. Ein komisches Zeichen. Nicht ganz fassbar. Worüber mag sich diese menschliche und doch auch architektonische Figur amüsieren? Vielleicht gar ein Sinnbild des Künstlers selbst, der schon 1962 in der ersten Idee zu dieser Arbeit zwischen Ernst und Parodie agierte. 1967 entwickelte er aus einem Papierschnitt ein Modell, führte es 1969 in Stahl aus und zeigte es dem Kunstvereins-Chef Karl-Heinz Hering 1989, als er dem Schwaben aus Breech eine Ausstellung widmete. Damals wurde die Skulptur angekauft.

Schwegler liebte das Theater, seit er sich singend und rezitierend, mit „Moritatentafeln“, „Pfeif und Sang“ durchs Leben schlug und 1971 beim Galeristen Alfred Schmela hereinschneite. Das Theater war ihm jedoch kein Jahrmarkt eitler Selbstdarstellung. Er sah darin Spiel, Ironie, Leichtigkeit und Bewegung. Er war ein Künstler, der regelmäßig einen Koffer mit sich führte, in dem ein vertrockneter Ast steckte, den er bei seinen Auftritten „über Eck wachsen“ ließ. Er jonglierte nicht nur mit den Dingen, sondern auch mit der Sprache. Und der Zuhörer hatte seine liebe Not, den Begriff zu erfassen. „So ist das Leben“, meditierte er. „Wenn man es fassen will, kriegt man es nie. Und trotzdem hat man‘s.“

Er war ein ordentlicher Mann. „Schwäbisch-pingelig“, wie er es nannte, sammelte er seine Einfälle, gab ihnen eine „Einfallsnummer“ (EN) und steckte sie in Leitz-Ordner. Jahrein jahraus trug er diese „Effeschiaden“ zusammen, drehte und wendete die Dinge, als Bildhauer, Maler und Sänger. Gleichzeitig war er erdverbunden. Ein Künstler, der nicht Kunstgeschichte studiert hatte, um die Welt theoretisierend zu begreifen. Stattdessen begab er sich als junger Mann auf Lehr- und Wanderjahre, machte seine Meisterprüfung als Schreiner und studierte erst dann an den Akademien in Stuttgart und London. Dass man einen solchen Künstler zum Professor machte, der ohne globale Galerie auskam und dessen Produkte keinem Zeitgeist entsprachen, ist Harry Szeemann zu verdanken. Der lud ihn 1972 zur Documenta 5 in die programmatische Sektion „Individuelle Mythologien“ ein, wo er die ersten hundert Effeschiaden ausstellte. Im Jahr darauf holte ihn Norbert Kricke an die Kunstakademie, zunächst als Dozent, später als Professor für Malerei und von 1987 bis 2001 als Professor für Bildhauerei.

Schwegler schöpfte aus einem nie versiegenden Ideenfundus. Von 1962 bis zu seinem Tod im Jahr 2014 wuchs das Ideenarchiv seiner Einfälle auf 103 Ordner mit über zehntausend „Urnotizen“. Aus diesem gigantischen Formreservoir entsprang auch das lachende U vom Grabbeplatz. Er nennt die Arbeit „Denkmal U Thant“. Als der „Einfall“ 1962 entstand, war der birmanische Politiker U Thant für eine volle Amtsperiode als dritter UN-Generalsekretär bestätigt worden. Schwegler bezieht sich also auf eine historische Persönlichkeit. Und macht sich seinen eigenen Reim daraus. Kein Heldendenkmal ist entstanden, sondern lediglich ein Buchstabe, dem er in der Kurve eine zweite Kurve verpasste, so dass eine Mondsichel entsteht, die zugleich ein lächelnder Mund ist.

Michael Voets vom Kulturamt meint gar, das U-artige Wesen könne eine vage Anlehnung an die Firmensymbolik der Dortmunder Unions-Brauerei sein. Das erscheint allerdings wenig plausibel, denn Schwegler liebte den Obstler aus seinem Garten in Breech. Dann schon eher die historische Persönlichkeit mit einer Mondsichel für den lächelnden Mund.

Im Gegensatz zu den heutigen Akademieprofessoren war Schwegler während des Semesters stets anwesend, arbeitete an seinem eigenen Werk und ging nach getaner Arbeit in seine Wohnung und nicht zum nächsten Flieger. Er gilt als wichtigster Lehrer der Kunstakademie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zu seinen Schülern zählen so berühmte Leute wie Thomas Schütte, Thomas Demand, Gregor Schneider, Katharina Fritsch, Martin Honert, Thomas Huber, Norbert Radermacher, Maik und Dirk Löbbert. Als die Autorin dieses Textes 2001 eine Schau der Eleven in der gesamten Kunsthalle einrichtete, hieß sie symbolträchtig „Und keiner hinkt“. Leider sind die hiesigen Museen anderer Ansicht. Die Kunstsammlung kaufte kein einziges Werk von ihm, obwohl bei der großen Skulpturenausstellung im Haus eine gute Gelegenheit gewesen wäre.