Abenteuer in Düsseldorf wagen: Eine Reise bis an die Grenze der Wabe A

Stadt-Teilchen : Abenteuer wagen: Eine Reise bis an die Grenze der Wabe A

Für mich als ewigen Bilker beginnt die fremde Welt schon jenseits der Innenstadt.

Manchmal fühle ich mich sehr verwegen. Dann will ich etwas sehr Verrücktes wagen, an meine Grenzen gehen, der pulsierenden Abenteuerlust nachgeben, fremde Welten entdecken und schauen, wie die Eingeborenen dort so leben. Für mich als ewigen Bilker beginnt die fremde Welt ja meistens schon jenseits der Innenstadt. Da kenne ich mich nicht mehr so gut aus, und je weiter ich mich vom Stadtkern wegbewege, desto unbekannter wird mir die Welt.

Wenn ich also Exotik will, dann muss ich in keinen Flieger steigen, dann setze ich mich am Bilker-S-Bahnhof einfach in die U 72. Abflugzeit 15.13 Uhr an einem nieseligen Novembertag. Meine große Reise wird umweltbewusst mit der Rheinbahn erledigt. Greta wird mich lieben dafür.

Die Fahrt geht ins Nichts, nach Ratingen. Foto: ja/Hoff

Natürlich soll es eine Fernreise sein, eine nach ganz weit weg. Ich nehme mir vor, einen Ort zu besuchen, an dem ich noch nie war. Ich studiere in der Bahn den Linienplan und entdecke eine Haltestelle, die aus meiner Sicht quasi ganz am Rande der Erdscheibe liegt. Danach ist die Wabe A des VRR nicht mehr, danach ist Nichts, oder Ratingen, was aus der Perspektive eines Bilkers auf das Gleiche hinauskommt. Hubertushain heißt die Haltestelle, die ich anpeile. Ich bin sehr aufgeregt und halte mein Ticket sehr fest. Erst geht es durch vertrautes Terrain. Die Wehrhahnlinie kenne ich, die bin ich zigmal gefahren. Aber das Danach. Was da wohl kommt?

WZ-Kolumnist. Foto: NN

Erst einmal kommt das Wiederauftauchen aus dem Untergrund. Leider sagt mir der Pilot nichts über die Flughöhe, weshalb ich per Smartphone den Wikipedia-Eintrag der Stadt bemühen muss und feststelle, dass ich mich nunmehr auf 38 Meter über Normalnull oder so befinde. Ich düse durch nieseliges Terrain. Wenig Schönes jenseits der Fenster. Aber dann, jenseits des Rather Broichs, wird es rundherum großzügiger.

Viel Grün, oder in diesen Jahreszeiten besser gesagt: viel Gelb und viel Braun. Ich staune über die imposanten Villen entlang der Reichswaldallee, ich notiere den Stau der Autos, die zur Autobahn streben. „Ätsch“, sage ich lautlos durchs Fenster, aber natürlich hört das niemand.

Auf einmal bereitet mich eine Stimme auf das Erreichen meines Ziels vor. Der nächste Halt sei Hubertushain, sagt sie. Ich bin gespannt, was mir dort geboten wird in der Fremde, so kurz vor dem Nichts. Ich überlege, ob ich vielleicht besser meine Flip-Flops eingepackt hätte. Man weiß ja nie. In fremden Gebieten ist oft besseres Wetter als in dem Düsseldorf, in dem ich meine Tage so friste.

Als ich aussteige, merke ich, dass es immer noch nieselt. Flip-Flops wären also definitiv falsch hier. Eindeutig. Es herrscht immer noch Novembergrau. Rechts Wald, links Straße, und an der Haltestelle gefühlt einhundert Schilder, die mir sagen, wo ich bin: Hubertushain. Wie sang die Band R.E.M. so schön: „It‘s the End of the World as we know it.“ Kaum ist die Bahn weg, bin ich allein auf dem Bahnsteig. Mich fröstelt etwas, aber das geht weg, als ich etwas sehr Besonderes entdecke. Es gibt an der Haltestelle Hubertushain ein totes Gleis, eines, das einfach so endet. Erst Schiene, Schiene, Schiene, und dann steht da ein Prellbock mit einer roten Signaltafel. Ende Gelände. Wie gerne wäre ich dabei, wenn hier mal eine Straßenbahn abgestellt wird und genau bis an den Prellbock heranrollt. Vielleicht sagt mir mal jemand Bescheid.

Ich sehe ein Autobahnschild, aber das nützt mir nichts, also überquere ich die Reichswaldallee und schlage mich durch die Grünanlage auf der anderen Straßenseite. Auf einmal befinde ich mich in einer Art Vorstadtidylle. Hier stehen mehrheitlich keine schönen Häuser, aber die wenigen Menschen, die um die eher praktisch anmutenden Gebäude herumwuseln, wirken zufrieden. Vor einem Haus hoppeln Kaninchen durch ein Vorgartengehege. Vor einem anderen Haus steht eine Figur aus Pappmaché oder ähnlichem. Die Figur lächelt ein bisschen.

Es lebt sich offensichtlich recht angenehm hier. Und das, obwohl hier doch quasi der Rand der Erdscheibe nur ein paar Meter weiter gähnt. Es dauert nicht lange, dann stehe ich an einem Feld. Das muss dieses Niemandsland sein, von dem alle immer sprechen, dieses Andere, dieses Ratingen. Was soll ich hier? Hier gehöre ich nicht hin. Hier war ich noch nie. Hier war ich doch schon. Auf einmal dämmert es mir, als ich das Straßenschild „Am Bockskothen“ erblicke. Hier habe ich 1973 mal eine sehr nette Kollegin besucht. 1973! Ist eine Weile her. Und ich bin nicht jünger geworden. Dafür vergesslicher.

Ich kämpfe mich durch einen Fußgängerweg und stehe plötzlich an der Stelle, wo die Düsseldorfer Reichswaldallee in die Düsseldorfer Straße übergeht. Ich suche kurz nach dem Abgrund, der sich hier eigentlich auftun sollte. Aber da sind nur Autos und ein Ortsendeschild, auf dem Düsseldorf rot durchstrichen ist. Ich fotografiere das Bild, kriege aber kaum etwas drauf, weil es schon zu dunkeln beginnt. Zeit für den Rückzug.

Ich stapfe die Straße hoch und erblicke bald eine Haltestelle. Dank der gefühlt einhundert Schilder weiß ich, dass ich mich wieder an der Haltestelle Hubertushain befinde. Gut, dass hier so viele Schilder sind. Ich wäre ja sonst noch Tage herumgeirrt. So aber nimmt mich die U72 wieder auf. Abenteuer zu Ende. Es geht zurück nach Bilk. Dauert nur ein halbes Stündchen.

Als ich am Bilker Bahnhof wieder aussteige, atme ich tief durch. Abenteuer Fremde hin, Abenteuer Fremde her. Ich muss das nicht alle Tage haben. Ich bin gerne daheim. Und wenn mich wieder die Reiselust packt, dann schaue ich mir halt meine Fotos von der Haltestelle Hubertushain an und erzähle allen, dass ich was gewagt habe und dann doch wieder nur da gelandet bin, wo ich schon mal war. Düsseldorf wird so klein, wenn man älter wird. Mist aber auch.