Interview mit Alexandra Stampler-Brown „Das Publikum wird sicher nicht frieren müssen“

Interview | Düsseldorf · Die Geschäftsführende Direktorin der Deutschen Oper am Rhein spricht über eine gute Zuschauer-Auslastung. Die Aufgabe, in einer Kultureinrichtung mit sechs Niederlassungen Strom zu sparen, sei unübersichtlich.

Sabine Janssen führte das Gespräch

 Alexandra Stampler-Brown, Geschäftsführende Direktorin der Deutschen Oper am Rhein.

Alexandra Stampler-Brown, Geschäftsführende Direktorin der Deutschen Oper am Rhein.

Foto: Andreas Endermann

Frau Stampler-Brown, die Heinrich-Heine-Universität soll in der augenblicklichen Krise 20 Prozent ihres Energieverbrauchs einsparen. Schafft die Rheinoper das?

Alexandra Stampler-Brown: Das ist das allgemein verlautbarte Ziel. Es gilt für alle städtischen Einrichtungen und Töchter, zu denen wir auch gehören.

Wie realistisch ist dieses Ziel für Sie?

Stampler-Brown: Es ist unser Ziel. Wir sitzen alle in den gleichen Krisenstäben und Gremien. Was die Deutsche Oper am Rhein angeht, ist die Lage kompliziert: Wir haben sechs Niederlassungen.

Welche sechs Niederlassungen sind das?

Stampler-Brown: Da ist das Opernhaus an der Heinrich-Heine-Allee. Dafür ist die Stadt Düsseldorf zuständig. Da ist das Balletthaus an der Merowinger Straße, eine Public-Private-Partnership mit Hochtief. Da ist unser Lager in Rath. Da sind die Vertriebs- und Büroräume im Komplex des Industrie-Clubs Düsseldorf. Da ist das Theater Duisburg, und da sind die Produktionswerkstätten in Duisburg-Wanheimerort. Es macht das Energiesparen recht komplex, denn wir haben für jedes Gebäude unterschiedliche Vermieter, unterschiedliche Partner, unterschiedliche bauliche Voraussetzungen und auch Heizungssysteme. Wir haben für jedes Gebäude Excel-Listen mit Maßnahmen, die wir nun abarbeiten.

Was sind die größten Energiefresser?

Stampler-Brown: Die Heizung, die Beleuchtung und die Maschinen in den Werkstätten, wo die Bühnenbilder hergestellt werden.

Wie hoch ist der durchschnittliche Jahresverbrauch der Deutschen Oper am Rhein?

Stampler-Brown: Mir liegen aktuell keine Gesamtsummen vor, weil zum Großteil die Energiekosten von den Städten direkt gedeckt werden. Die Frage ist auch, mit welchem Zeitraum verglichen werden soll: Die vergangenen beiden Jahre waren untypisch wegen der Pandemie, 2019 hatten wir einen Wasserschaden im Theater Duisburg mit einer temporären Spielunterbrechung. Der Herbst war ja überdurchschnittlich warm.

Nehmen wir das Opernhaus an der Heinrich-Heine-Allee, Baujahr 1875. Es ist nicht gerade das Modell eines Öko-Hauses…

Stampler-Brown: Energietechnisch steht das Opernhaus ganz schlecht da. Leider kann man es bei allen Maßnahmen, die wir zur Aufrechterhaltung des Spielbetriebs planen und umsetzen, nicht wirklich nachhaltig und vehement verbessern. Man müsste beispielsweise im Grunde alle Fenster austauschen: Sie haben noch Einfachverglasung, es zieht durch die Fugen.

Welche Energiesparmaßnahmen kann man denn im Opernhaus umsetzen?

Stampler-Brown: Wir kümmern uns um Abdichtungen, um die Optimierung der Heiz-Lüftungsanlage und um neue Leuchtmittel. Es bringt sehr viel auf LED-Beleuchtung umzustellen – gerade im Bereich der Bühnenscheinwerfer. Das sind leistungsstarke Geräte. Da sieht man die Ersparnis von rund 90 Prozent, was einer CO2-Reduktion von über einer Tonne pro Jahr entspricht. Gleichzeitig steigt durch die Umrüstung die mittlere Lebensdauer eines Leuchtmittels von 400 auf etwa 25 000 Betriebsstunden.

Werden die Düsseldorfer Zuschauer im Ballett oder in der Oper in diesem Winter frieren müssen?

Stampler-Brown: Nein, das sehe ich nicht. Der Zuschauerraum der Oper wird durch eine Gasheizung vorgewärmt und die Temperatur auf 19 Grad angesetzt. Dabei kommt die Wärme, die das Publikum ausstrahlt, noch dazu. Es gibt Messfühler im Saal, über die die Temperatur abgelesen und so für die nächste Vorstellung nachreguliert werden kann. Das Publikum wird sicher nicht frieren müssen.

Gelten die 19 Grad Raumtemperatur für alle Gebäude der Rheinoper?

Stampler-Brown: Es ist die Empfehlung für unsere unterschiedlichen Arbeitsplätze, aber es gibt Ausnahmen wie beispielsweise im Ballettzentrum. In den Trainingsräumen muss es wärmer sein, weil für die Tänzer sonst Verletzungsgefahr besteht. Da geht es dann um Arbeitsschutz.

Das Ballettprobenhaus dürfte auch insgesamt eine bessere Öko-Bilanz haben. Es ist von 2015.

Stampler-Brown: Ja, es ist nach Top of Standard gebaut. Wir planen, auf dem Dach eine Solaranlage zu installieren, damit könnte man einen guten Teil der Kosten von Belüftung und Licht decken.

Erst Pandemie, dann Energiekrise. Haben Sie Sorge, dass man die Existenz der Rheinoper in der Energiekrise in Frage stellt, weil sie zu teuer ist? Zumal man ihr oft nachsagt, dass sie nur einen kleinen Teil der Bevölkerung erreicht …

Stampler-Brown: … was im Übrigen nicht stimmt. Aber das ist ein anderes Thema. Und nein, ich habe weder bei uns in Düsseldorf noch anderswo in Deutschland die Frage gehört, ob man sich die Kultur noch leisten kann. Wir werden diese Krise gemeinsam bewältigen. Wir kommen gerade aus der Pandemie, fahren volles Programm und auch wieder volle Häuser.

Aber man hörte doch allenthalben Klagen, dass das Publikum nur zögerlich zurückkomme …

Stampler-Brown: Diese Zurückhaltung gab es am Anfang, aber seit Oktober läuft es wirklich gut. Die Hütte brummt. Wir haben ausverkauftes Haus beim „Nussknacker“, bei „Don Giovanni“, bei „Krabat“.

War die Aktion „Zahl so viel du kannst“ Teil der Publikums-Rückgewinnung?

Stampler-Brown: Mit dieser Aktion, die sehr erfolgreich ist, wollen wir als Rheinoper in der Energiekrise ein Zeichen setzen und Menschen die Möglichkeit geben, die sagen: Das kann ich mir jetzt gerade nicht leisten. Es gibt übrigens regulär immer Karten ab circa 20 Euro.

Gerade jetzt in der Energiekrise wäre es schön, ein nachhaltig gebautes Opernhaus zu haben. Wie lang wird es noch dauern?

Stampler-Brown: Die Planungen sind jetzt sehr konkret. Noch vor Weihnachten werden die städtebaulichen Entwürfe für die Standorte Wehrhahn und Heinrich-Heine-Allee eingereicht. Im Frühjahr wird dann über den Standort entschieden, und dann kann es im Sommer an die Realisierung gehen. Insgesamt muss man da acht bis zehn Jahre rechnen.

Haben Sie einen Wunschstandort?

Stampler-Brown: Nein, ich bin vor allem gespannt auf die städtebaulichen Entwürfe. Da sind super-renommierte Büros an der Arbeit.

Sie suchen gerade auch einen neuen Ballettdirektor, weil Demis Volpi 2024 nach Hamburg geht. Läuft die Ausschreibung?

Stampler-Brown: Es ist schade, dass Demis Volpi geht, aber zugleich eine tolle Auszeichnung für ihn und für uns. Die Suche nach einer Nachfolgerin oder einem Nachfolger hat begonnen, und ich weiß, dass Generalintendant Christoph Meyer schon erste Gespräche geführt hat.

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