Die zweite Attacke der Borkenkäfer - was das für den Wald bedeutet

Forstwirtschaft : Die zweite Attacke der Borkenkäfer - was das für den Wald bedeutet

90 Prozent der Schädlinge haben den Winter überlebt. Im April fliegen sie wieder – für die Forstwirtschaft ein extremer Wettlauf gegen die Zeit.

Matthias Beverfoerde hat Käfer gezählt. Borkenkäfer, um genau zu sein. Im wissenschaftlichen Auftrag. Der Bonner Landwirtschaftsstudent wird die Ergebnisse als Basis für seine Bachelorarbeit verwenden. Aber schon jetzt machen sie in den Regionalforstämtern die Runde. Denn mit den Zahlen haben die Waldexperten es schwarz auf weiß: Das vergangene Jahr war schlimm für die Fichtenbestände – aber dieses Jahr droht  noch schlimmer zu werden.

Beverfoerde und seine Helfer haben in einem von Borkenkäfern befallenen Fichtenbestand im Kottenforst bei Bonn-Röttgen gezählt. Sie haben an Bäumen nach dem Käfer gesucht und im Boden. Seither ist klar: 90 Prozent der Käfer haben den Winter überlebt, im Schnitt 15 000 pro Baum. Mathias Niesar, Waldschutzexperte bei Wald und Holz NRW, macht eine schauderhafte Rechnung auf: „Ein Weibchen hat pro Jahr 100 000 bis 250 000 Nachkommen. Wenn von den 15 000 Käfern in jedem Baum die Hälfte Weibchen sind, macht das verhalten gerechnet 750 Millionen Käfer pro Baum.“

Im Boden sieht es nicht besser aus: In der fünf bis sechs Zentimeter tiefen Humusschicht des Waldbodens fanden die Studenten auf nur 0,1 Quadratmetern in einem Fall 33, in einem anderen 77 Borkenkäfer des Typs Buchdrucker. „Ein extrem hoher Wert“, sagt Uwe Schölmerich, Forstamtsleiter im Regionalforstamt Rhein-Sieg-Erft. „Wenn die Witterung nicht mitspielt, sind wir fast machtlos.“

Und die Witterung hat bisher nicht mitgespielt. Nicht nur der Hitzesommer 2018 hat für massive Trockenheit gesorgt. Auch der Winter war zu trocken. „Im Frühjahr haben wir sonst einen wassergefüllten Boden. Aber jetzt ist da unterhalb von 50 Zentimetern nichts“, sagt Schölmerich. Ohne Wasser aber kann die Fichte sich nicht gegen den Schädling wehren. Normalerweise schafft es ein Baum, 100 bis 200 Käfer zu verharzen. Im vergangenen Jahr klappte das wegen des Wassermangels nur bei ein bis zwei Käfern. Die anderen informieren über Botenstoffe rasch ihre Artgenossen – und der Baum hat verloren.

Zweite Untersuchung läuft
noch im Sauerland

In einer Höhenlage im Sauerland läuft auf 550 Metern noch eine zweite wissenschaftliche Untersuchung von Beverfoerdes Kommilitonin. Aber auch ohne diese noch ausstehenden Daten wissen die Waldexperten: Die Uhr tickt. Bei Außentemperaturen von 14 bis 15 Grad fangen die Borkenkäfer an zu fliegen. Wenn der April nicht ungewöhnlich kalt und nass wird, bleibt gerade noch ein kleines Zeitfenster von vier Wochen, um noch möglichst viele befallene Fichten zu schlagen und aus dem Wald zu schaffen. Die nächste Borkenkäferplage wird das nicht verhindern, sondern nur eindämmen. „Jeder Baum hilft uns“, sagt Niesar.

Jeder Baum und jede Form der Beseitigung. Holz und Wald NRW empfiehlt einen Stufenplan. Die erste Adresse sind die Sägewerke. Aber der Holzpreis ist schon um 50 Prozent gesunken. Dazu verfärbt sich das Fichtenholz, wenn es zu lange gelagert wird. Das schlägt noch mal auf den Preis. Wenn die Stämme im Wald bleiben, sollen sie möglichst entrindet werden – eine mühsame Arbeit. Auch das Lagern außerhalb des Waldes ist nicht überall möglich. Alternativen sind das Häckseln, das luftdichte Abdecken mit Folie – und als Ultima Ratio auch der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.

Kleinste Flurstücke machen
die Bekämpfung noch schwieriger

Die Bekämpfung wird nicht leichter durch die Vielzahl privater Waldbesitzer. 63 Prozent der Waldfläche in NRW befinden sich in Privatbesitz, verteilt auf oft kleinste Flurstücke. 152 000 Waldbesitzer tummeln sich im Land. Wer nicht in Forstbetriebsgemeinschaften organisiert ist, kann von den Förstern kaum erreicht werden. Aber ohne Erlaubnis können diese keine Maßnahmen gegen Borkenkäfer ergreifen. „Dann ist es fast unmöglich, die Fichten zu entfernen“, sagt Förster Schölmerich.

Doch trotzdem ist die geschlagene Holzmenge enorm angestiegen. In normalen Jahren kommen im Forstamt Rhein-Sieg-Erft rund 140 000 Kubikmeter Holz quer durch alle Baumarten zusammen. Seit Spätsommer 2018 sind bis zum jetzigen Zeitpunkt schon 200 000 Kubikmeter geschlagen worden – ausschließlich Fichtenholz. Noch in diesem Monat wird es eine neue Schätzung geben. Schölmerich ahnt, wohin die Reise geht: „Ich fürchte, bis zum Sommer sind wir bei 300 000 Kubikmetern.“

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