Nazigeschichte bei der Polizei Die vier ersten LKA-Chefs waren NS-Verbrecher

Düsseldorf · Laut einem Gutachten wurde die NRW-Behörde bis 1969 von Männern geführt, die dem Nazi-Regime gedient hatten. „Aus heutiger Sicht hätten diese Männer nie mehr als Polizisten arbeiten dürfen“, sagt Innenminister Herbert Reul.

 Das Ministeriumsmagazin „Die Streife“ befasste sich anlässlich des LKA-Neubaus – damals unkritisch – mit den Anfängen nach 1946. Und zeigte die vier Direktoren, die jetzt im Fokus stehen.

Das Ministeriumsmagazin „Die Streife“ befasste sich anlässlich des LKA-Neubaus – damals unkritisch – mit den Anfängen nach 1946. Und zeigte die vier Direktoren, die jetzt im Fokus stehen.

Foto: Juliane Kinast

Als im April 1945 in einer Schlucht am Wenzelnberg bei Langenfeld 71 Gefangene vorwiegend aus zwei Wuppertaler Gefängnissen zu einer Grube geführt und dort paarweise erschossen wurden, half der gebürtige Barmer Friedrich Karst beim Zuschaufeln des Massengrabes. Nur ein Jahr darauf wurde er Direktor des neu gegründeten Landeskriminalamtes (LKA) in Nordrhein-Westfalen. Die Behörde hat selbst die Vergangenheit ihrer früheren Leiter untersuchen lassen; das Gutachten kommt zu dem Ergebnis: Die ersten vier Direktoren waren zuvor an NS-Verbrechen beteiligt gewesen.

Landesinnenminister Herbert Reul (CDU) machte bei der Vorstellung der Untersuchung am Montag deutlich, man sei nie davon ausgegangen, dass jeder NRW-Polizist ein Widerstandskämpfer gegen das Nazi-Regime hätte sein können. „Nicht jeder ist zum Held geboren.“ Und doch sei es vielen Ordnungskräften auf der Straße wohl gelungen, nach Kriegsende noch in den Spiegel schauen zu können. Im Falle der Nachkriegs-Chefetage im LKA indes gehe es um die Beteiligung an Unrechtsmaßnahmen und sogar schweren Gewaltverbrechen, zudem hätten die Akteure „in ihrem Amt teilweise eine Seilschaft aus der NS-Zeit“ gepflegt. „Aus heutiger Sicht hätten diese Männer nie mehr als Polizisten arbeiten dürfen“, sagte Reul.

Autor des Gutachtens ist der Historiker Martin Hölzl vom Geschichtsort Villa ten Hompel in Münster. Für seine Recherchen reiste er nach Freiburg, Ludwigsburg, in die Niederlande und nach Polen. Auf den Spuren von von Friedrich Karst oder etwa Friederich D’heil, der als Inspektionsleiter in Łódź die „Sonderanweisung für den Verkehr mit dem Ghetto“ abzeichnete und weitergab, welche etwa 160.000 Juden hermetisch einschloss und das Ghetto „zur tödlichen Falle“ werden ließ, so Hölzl. D’heil soll zudem im deutsch besetzten Dänemark die Tatwaffe für die Ermordung des bekannten Widerstandskämpfers Kaj Munk beschafft haben.

Wie die Chefs die Polizeiarbeit prägten, ist noch nicht erforscht

Er führte das LKA ab 1948 zehn Jahre lang und verhalf mindestens drei NS-Tätern zurück in den Polizeidienst. Darunter Günter Grasner, der das LKA von 1964 bis zu seinem Ruhestand führte – gut 20 Jahre, nachdem er Einheitsführer bei der Geheimen Feldpolizei in der Sowjetunion gewesen war, die dort allein in einem Dreivierteljahr zwischen 1942 und 1943 mehr als 20.000 Menschen als „Partisanen“ erschossen hatte. Und: D’heil gehörte wie sein Nachfolger an der LKA-Spitze, Oskar Wenzky, einem Netzwerk leitender Kriminalbeamter aus NRW an, die sich aufgrund ihrer NS-Vergangenheit mit Ermittlungen konfrontiert sahen. Wenzky unterstand an höchster Stelle im Besatzungsapparat die deutsche Kriminalpolizei in den Niederlanden, die Razzien gegen Homosexuelle durchführte und das „Zigeunerwesen“ bekämpfte. Noch 1945 wurde seine Aufnahme in die SS genehmigt, Wenzky wurde nach Kriegsende in den Niederlanden verhaftet – doch nach seiner Internierung ging er nahtlos zurück in den Polizeidienst, machte sogar Karriere im Innenministerium. Dort bescheinigte man ihm offiziell, politisch unbelastet zu sein, obwohl seine NSDAP-Mitgliedschaft sogar in der Personalakte stand. Ein Beleg, so Historiker Hölzl, wie wenig Behörden nach dem Zweiten Weltkrieg hinschauen wollten.

Ausdrücklich nicht erforscht hat er in seiner Studie, welche Auswirkungen die 23 Jahre unter Führung mit NS-Vergangenheit für die praktische Polizeiarbeit in NRW hatten. „Meine Neugier ist da grenzenlos“, sagte Minister Reul. Er plädiere für eine tiefergehende wissenschaftliche Aufarbeitung – die Frage sei nur, ob das weiter unter Federführung der Polizei geschehen solle. Das ist schließlich auch eine Kostenfrage.

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