Die Jagd als Trendsport – auch für Frauen

Jagdmesse : Die Jagd als Trendsport – auch für Frauen

Das Interesse an der Jagd nimmt zu, auch junge Menschen und Großstädter büffeln für den Jagdschein. In Dortmund startet Europas größte Jagdmesse.

Schießen üben, Waldbiologie büffeln, Jagdrecht auswendig lernen und ganz spezielle Vokabeln pauken. Heike Poth (53) und Sabine Severin (54) wollen Abi machen – und zwar das „grüne Abitur“, also den Jagdschein. Seite an Seite mit dem 15-jährigen Paul trainieren sie am Schießstand im Sauerland – mit der Schrotflinte aus 30 Metern auf einen Kipphasen zielen. Dann mit der Büchse 60 Meter entfernt eine laufende Keiler-Attrappe treffen und auf 100 Meter Distanz einen Rehbock. Das jedes Wochenende in Breckerfeld, plus Theorie-Schulung zweimal pro Woche als Abendkurs. Ein halbes Jahr lang.

Das Interesse am Jagdschein wächst, auch bei Frauen und jungen Leuten, wie sich kurz vor Start der europaweit größten Jagdmesse „Jagd & Hund“ an diesem Dienstag in Dortmund zeigt. 2018 haben 20 060 Anwärter bundesweit in den Kursen gesessen, eine Verdoppelung binnen rund zehn Jahren – 2009 waren es 9656 Teilnehmer laut Deutschem Jagdverband. Die Frauenquote sei deutlich auf knapp ein Viertel gestiegen.

Der Test scheint nicht einfach zu sein, 2018 fiel jeder fünfte durch. Aktuell gibt es etwa 385 000 aktive Jäger. Und viele Messe-Neuheiten für sie: Digitale Helfer zur Revierplanung, Hightech-Klamotten, die vor Wildschweinattacken oder Dornengestrüpp schützen und Zubehör für erhöhte Sicherheit, wie ein DJV-Sprecher sagt: „Loden-Grün war gestern, Signal-Orange ist heute.“

„Was wir erlegen, essen wir auch“

Bernd Poth ist bereits seit 38 Jahren dabei, trainiert den Nachwuchs als Schießwart. „Erlaubst du dir nur einen Sicherheitsfehler, bist du schon durchgefallen“, sagt er und korrigiert Pauls Haltung an der Waffe. Was reizt an der Jagd, einer nicht gerade unumstrittenen Freizeit-Beschäftigung? Sabine Severin hält sich gerne in der Natur auf. Das Schießen stehe nicht im Vordergrund, betont die Sekretärin. Bei Jägern bestehe eine „Ehrfurcht vor der Kreatur“. Daraus folge: „Was wir erlegen, essen wir auch auf.“ Wer im Supermarkt oder beim Metzger Fleisch kaufe, beauftrage indirekt andere, für sie zu töten.

Der 15-jährige Paul ist mit der Jagd aufgewachsen, setzt die Familientradition fort. „Man gibt dem Revier viel, die Hege ist aufwendig, wenn man dann mal einen Bock erlegt, ist das eine Art Belohnung.

Buchhändlerin Heike Poth geht es vor allem ums Wissen: „Wann wird das Geweih abgeworfen, wann ist Brunftzeit, Fellwechsel, man lernt viel über die Tiere.“ Aber wie kann man die Wesen dann abschießen, über die man nun alles weiß? „Ich habe noch gar nicht entschieden, ob ich das je machen werde. Meine Freundinnen fragen mich auch oft: Wie kann man nur?“, schildert sie. „Natürlich schwingt bei jedem von uns der Bambi-Gedanke mit.“ Die Jagd ist immer wieder Gegenstand ethisch-moralischer Debatten. WWF und Nabu fordern eine Änderung des Jagdrechts. Die Liste der jagdbaren Arten solle gekürzt werden, die Jagd müsse nachhaltig sein und artenschutzrechtliche Prinzipien befolgen, mahnt der Nabu. Manche Kritiker sehen sie als Tierquälerei.

Ohne Hund läuft gar nichts

Mit den Dreien in Breckerfeld zusammen lernt eine bunt gemischte Truppe. Unter den Kursteilnehmern sind eine Physiotherapeutin, ein IT-Spezialist, ein Automechaniker. Aktuell geht es um den Hund. Ohne den läuft gar nichts bei der Jagd. „Stöberhund“ Anton wird präsentiert. Er ist klein, aber „rabiat und ohne Angst“, holt Enten aus dem Wasser, bedrängt Füchse im Bau und hetzt Wildschweine, wie Herrchen Michael Adams erläutert. Welche Tiere gejagt werden dürfen, richtet sich nach Abschussplänen im Revier – etwa Wildschweine, Rehwild, Dachs, Fuchs, Enten oder anderes Federwild.

Wirtschaftsingenieur Waldemar Skorupa fasziniert der Einsatz der Technik in der Natur, wie er sagt. „Das Ganze ist aber finanziell und planerisch sehr anspruchsvoll.“ Jagdschein und Prüfung kosteten rund 2000 Euro, eine Haftpflichtversicherung sei Pflicht, eine Waffenberechtigung und ein „Begehungsschein“ im Revier auf Zeit seien zu bezahlen. Hinzu kommen Ausgaben für Waffen, Sichtgeräte, Klamotten und - in seinem Fall – für „sau-teure digitale Technik“, die in die Traditionszunft einziehe.

Ein besseres Jäger-Image wünscht sich der Ausbildungsleiter der Kreisjägerschaft, Alexander Kolodinski. „Manche denken noch immer, die Jäger gehen raus und schießen alles platt. Es geht aber viel um Naturschutz. Man schießt bei uns nicht um des Schießens willen.“ Der Gymnasiallehrer rechnet noch mit weiter steigendem Zulauf aus allen Bereichen. „Die Leute kommen im Wald zur Ruhe, das Handy bleibt aus auf dem Hochsitz – attraktiv auch für den modernen Großstadttypus.“