Reportage Grenzerfahrungen zwischen Jüchen und Grevenbroich - Ein weißer Fleck auf der Landkarte

Jüchen/Grevenbroich. · An der Stadtgrenze zwischen Jüchen und Grevenbroich verläuft laut Navi die „Unnamed Road“. Viel Feld, wenig Mensch – bis man zu einer 260 Jahre alten Mühle kommt.

 Eine alte Holzbank und in den Baumstamm geritzte Liebesbekenntnisse erzählen von menschlichen Geschichten.

Eine alte Holzbank und in den Baumstamm geritzte Liebesbekenntnisse erzählen von menschlichen Geschichten.

Foto: Juliane Kinast

Rübenfeld, Maisfeld, Stoppelfeld und wieder Rübenfeld. Die exakte Grenzlinie zwischen Jüchen und Grevenbroich ist auf den ersten Blick an Abwechslungsreichtum zu überbieten. Leicht zu überbieten. Gleichfalls an Besucherfrequenz – was durchaus korrelieren könnte. Das Navi im Handy gibt an, in der „Unnamed Road“ zu sein. Eine Straße ohne Namen. Dass es das noch gibt! Ein weißer Fleck auf der Landkarte. Mitten im Rhein-Kreis Neuss.

Die Straße ohne Namen ist eine Schotterpiste, die in der einen Richtung an einer bebuschten Böschung der A 540 endet. Durchkommen unmöglich. Kein Mensch in Sicht. Etliche Fetzen Klopapier immerhin beweisen, dass schon einmal Menschen wohl an dieser Grenzböschung strandeten und die weißen Flecken am weißen Flecken hinterließen. Pfui.

In die andere Richtung führt die „Unnamed Road“ im Zick-Zack durch immer weitere Rübenfelder. Bis auf das Rauschen vom A 540-A 46-Dreieck ist es still und einsam. Marke „Keiner würde dich schreien hören“. Eine dunkle Limousine schert in den Feldweg ein. Endlich ein Mensch – hoffentlich kein Massenmörder. Nein, auch er hat offensichtlich eher vor, die Abgeschiedenheit für menschliche Bedürfnisse zu nutzen als dazu, menschliche Überreste zu entsorgen. Noch mehr weiße Flecken...

Die Grenze führt unter der A 46 hindurch und über einen kleinen Park & Ride-Platz. Da ist wieder ein Mensch – allerdings schläft er im Lieferwagen einer Klimatechnikfirma. Der bringt kein Leben in diesen Grenzgang. Dahinter wird die Straße ohne Namen von Schotterpiste zu grasigem Feldpfad und die Hoffnung, einem Lebewesen zu begegnen, das weder schläft noch sich gerade erleichtert, schwindet allmählich. Stoppelfeld, Maisfeld, Stoppelfeld, Stoppelfeld.

Wie lang ist die letzte Fahrt auf einer Schotterpiste eigentlich schon her? Wann war das letzte Mal, dass das Ziel weniger entscheidend war als der Weg, sogar der Wegesrand? Afrika-Reise vor drei Jahren vermutlich. Da war auch ähnlich viel Gegenverkehr. Keiner. Und da wirkte das total entspannend.

Mitten auf dem Feldweg, auf der Grenze taucht eine kurze Reihe dreier Bäume auf, zwischen zwei ist eine kleine verwitterte Holzbank gezimmert. Von ihr geht der Blick über – natürlich – ein Stoppelfeld und auf den Kirchturm von Grevenbroich-Hemmerden. Endlich ein Zeugnis menschlichen Lebens, abgesehen von Klopapierfetzen. Der Stamm des rechten Baumes ist übersät mit Liebesbekenntnissen, geritzt in die Rinde und vernarbt: M und T waren hier verliebt, E und J und viele andere. Könnte der Baum bloß erzählen, er hätte sicher viel zu sagen. Einstweilen bleibt der Blick auf das stille Feld und der kurze Gedanke,  dass man auch schon sehr lange nicht mehr einfach allein auf einer Bank saß, ohne sich die Schuhe zubinden oder irgendwas im Handy nachgucken zu wollen. Die begrenzten Möglichkeiten der Interaktion an dieser Grenze bergen grenzenlose Möglichkeiten der Selbstbeschäftigung.

Neben der flügellosen Mühle wohnt das Ehepaar Bludau

Der Feldweg mündet schließlich tatsächlich mal wieder auf eine Asphaltstraße. Und plötzlich taucht links, knapp auf Jüchener Gebiet, ein großer grauer Turm auf: eine alte Mühle, allerdings ohne Flügel. „Dycker Mühle“ steht auf einem Straßenschild. Doch das Holztor ist verriegelt, eine Klingel gibt es nicht. Dafür an dem kleinen Backstein-Fachwerk-Haus direkt nebenan. Und tatsächlich kommt eine Frau an die Gartenpforte. Ein richtiges menschliches Wesen. Wach. Nach einer Maus und drei Feldhühnern der erste Lebendkontakt an der Grenze Jüchen-Grevenbroich.

Und dann gleich ein ganz netter: Wilma Bludau. Und sie weiß auch, was es mit der flügellosen Mühle auf sich hat: Mitte des 18. Jahrhunderts sei die wohl gebaut worden und eine der letzten noch stehenden Landmarken, die von den einstigen Besitztümern der Fürstenfamilie auf Schloss Dyck zeugen. Die Flügel seien mal im Sturm abgefallen – und einen Ersatz aus Alu habe der Denkmalschutz abgelehnt. Jetzt werde die Mühle als mondänes Sommerhaus von einem Düsseldorfer Paar genutzt.

Und von Wilma Bludau und ihrem Mann als Zierde für den 1000 Quadratmeter großen Garten, dessen Koi-Karpfenteich die Dycker Mühle stolz überragt. Ihr Schwiegervater, erzählt die freundliche, leider fotoscheue Wilma Bludau, arbeitete 40 Jahre lang als Landwirt „auf Schloss Dyck“. Das Backsteinhaus, das 1890 für den Müller errichtet worden war, diente ihm als Betriebswohnung, bis er es in den 70ern kaufte. 2014 übernahmen Wilma Bludau und ihr Mann, obwohl sie nicht sicher waren, den Umbau, eher die Kernsanierung, des uralten und fast schon ruinösen Hauses überhaupt bezahlen zu können. „Es war ein Wagnis“, erinnert sich die ehemalige Altenpflegerin, die inzwischen in Rente ist.

Aber ein lohnendes für die geschichtsinteressierte Frau, die so viel Ursprung wie möglich erhielt. Bis auf den Holzofen, der einer modernen Heizung wich. Aber die 130 Jahre alten Holzbalken des Dachstuhls ließ sie aufarbeiten und machte sie sichtbar. Mit der Rinde, die zum Teil noch darauf ist, und den alten Holznägeln. Die Backsteinfassade wurde ertüchtigt. „Die Arbeiter haben das Haus auf links gedreht und wieder zurück“, sagt Wilma Bludau. Dafür ist jetzt alles so, wie sie es haben wollte, und bis auf die Treppe unters Dach barrierefrei. Ihr Mann, sagt sie, ist im Müllerhaus geboren worden – irgendwann soll er hier auch sterben dürfen.

Vor zehn Jahren hätte sich Wilma Bludau das noch nicht vorstellen können, doch die Ruhe hier draußen genießt sie am meisten. Dass sie Jüchenerin ist – im Gegensatz zu ihren Nachbarn vom Vellrather Hof gegenüber, der bereits in Grevenbroich liegt – merke sie genau einmal im Jahr, wenn die Steuererklärung fällig wird. Hier draußen denkt man in Dörfern, nicht in Städten: Aldenhoven, Bedburdyck, Hemmerden ... Zu Einkäufen oder Arztbesuchen muss Wilma Bludau ins Dorf oder in die Stadt – in eine von beiden. Aber im dritten Jahr, das sie an der Dycker Mühle wohnt, hat sie es noch nicht mal zu der kleinen Holzbank am Feld geschafft, obwohl man die von ihrem Gartenzaun aus sehen kann. Sie liest zu gern. Selbstbeschäftigung eben. Hier draußen ist es leicht, nichts zu müssen.

Vielleicht, so der Gedanke beim Abschied vom Müllershaus, wäre es ratsam, öfter mal ziellos statt zielgerichtet unterwegs zu sein. Auch zu Hause statt nur auf Reisen mal auf den Wegesrand zu achten, weil dort Holzbänke mit Aussicht und alte Liebe zu finden sind. Und man sollte unbedingt öfter an fremden Türen klingeln. Mit welcher Ausrede, das bliebe nach dem Ende dieser Serie allerdings noch zu überlegen.