Deniz Yücel: Der Posterboy der Pressefreiheit

Buchtour „Lesen & reden“ : Deniz Yücel auf Lesereise: Der Posterboy der Pressefreiheit

Deniz Yücel ist zu einer Ikone unabhängiger Berichterstattung geworden. In der Rolle scheint er sich wohlzufühlen. Das wirkliche Erleben verblasst hinter seinem Erzählen.

Deniz Yücel ist der Alptraum jedes Interviewers. Nur eine Frage – und er redet eine Viertelstunde. Bei seinem Auftritt in der ausverkauften Wuppertaler „Börse“ ist das am Montagabend auch so. Die Fragen, die der Journalist Stefan Seitz in den zwei Stunden an seinen deutsch-türkischen Berufskollegen richten kann, lassen sich an einer Hand abzählen. „Lesen & reden“ ist die Buchtour zu Yücels Neuerscheinung „Agent­terrorist“ überschrieben. „Eigentlich müsste es heißen: Reden, reden und noch mehr reden“, habe seine Frau Dilek ihm gesagt, erzählt der 46-Jährige selbst verschmitzt. Sie scheint ihn gut zu kennen.

Es ist nicht leicht, als Journalist über eine Ikone der Pressefreiheit zu schreiben. Yücel ist eine solche Ikone, daran besteht kein Zweifel. Ein Jahr lang saß der „Welt“-Korrespondent in türkischer Untersuchungshaft, die längste Zeit davon isoliert von seinen Mitgefangenen. Der Fall hat internationales Aufsehen erregt, es gab mit #Free­Deniz eine beeindruckende Solidaritätskampagne, jeder, dem die freie Meinungsäußerung am Herzen liegt, konnte gar nicht anders, als an seiner Seite zu stehen.

Merkel-Gespräch mit Erdogan unter vier Augen

„Ich wollte nicht zum Posterboy der deutschen Pressefreiheit werden“, sagt Yücel im Verlauf des Abends. Er ist es dann doch geworden. Und man wird den Eindruck nicht los, dass ihm diese Rolle eigentlich auch ganz gut gefällt. Merkel redet mit Erdogan unter vier Augen über ihn – „mehr geht nicht“. Der Polizeipräsident von Istanbul trinkt mit ihm Tee, bevor er verhaftet wird. Und Erdogan adelt ihn mit der Drohung: „Solange ich im Amt bin, überstellen wir Deniz Yücel auf keinen Fall.“ Selbst die Wortschöpfung des Buchtitels stammt vom türkischen Präsidenten. „Wenn er das Copyright geltend macht, dann wird er es bekommen.“

Dieser ironisch-spöttische Grundton wird zum Sound des Abends. Yücel erzählt so rasant wie kenntnisreich. Und auch die wenigen Buchpassagen klingen mitunter wie aus einem Filmdrehbuch. Das ist mehr als nur journalistisches Handwerk. „Gute Geschichten gehören erzählt“, beschreibt Yücel eine der Motivationen für sein Buch über die Zeit im Knast. Seine Geschichte hält er für gut, und das ist sie zweifelsohne auch. Aber hinter den lässig auf Pointe gedrechselten Episoden verblasst irgendwann sein wirkliches Erleben.

Yücel scheint selbst zu ahnen, dass die Art seines Vortrags auch irritieren kann. Autoritären Regimen hafte immer zugleich etwas Komisches an, sagt er zur Erklärung. Und Humor wirke befreiend. „Das, was ich nicht ändern kann, kann ich immer noch auslachen.“ Das mag so sein, und es ist sein gutes Recht, so einschneidende Erfahrungen wie die Gefängniszeit zu verarbeiten, wie es ihm beliebt und guttut. Aber im Ergebnis wirken Sätze wie „Ich muss cool bleiben“, „Es darf ihnen nicht gelingen, mich zum Schweigen zu bringen“ oder das Nazim-Hikmet-Zitat „Es geht nicht darum, gefangen zu sein, sondern darum, dass man sich nicht ergibt“ in ihrer Reihung dann auch eher wie dem Posiealbum der Widerständigkeit entliehen. Man hat das Gefühl, mehr über den Film zu erfahren, den Deniz Yücel von sich im Kopf hat, als über das, was wirklich geschehen ist und wie es ihn verändert hat.

Es gibt wenige Momente, in denen das anders ist. Als er einen Satz seiner Frau für die Pläne nach der Freilassung zitiert: „Wir wollen eine Zeitlang dort leben, wo die Füße die Erde berühren.“ Als er kurz andeutet, dass dieser Rückzug nach Sizilien in die Region am Ätna hinausgezögert werden musste, weil er zunächst den während seiner Haftzeit an Krebs erkrankten Vater beim Sterben begleiten wollte. Und als er in Worte zu fassen versucht, was die quälendsten Gedanken im Gefängnis sind: „Du bist hier drin, da ist die Tür und da draußen geht das Leben weiter.“ Es ist die Angst, „vergessen zu werden, zu verrotten“.

Deniz Yücel ist weder vergessen noch verrottet. „Das Wichtigste ist, den Scheiß unbeschadet zu überstehen“, sagt er. Dafür sei die erlebte Solidarität so wichtig gewesen. Und darum habe die Bundesregierung mit ihrer ihm gegenüber geäußerten Einschätzung auch nicht recht, #FreeDeniz sei für ihn persönlich nicht gut gewesen, weil die Kampagne den Fall zur Prestigefrage gemacht und damit womöglich unnötig verlängert habe.

Am Ende gibt es minutenlangen Applaus. Man weiß nicht so recht, wem er gilt: der Ikone oder dem Menschen Deniz Yücel – oder beidem zusammen. Vielleicht weiß er selbst das auch nicht immer.