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Demos, Neon, Tutti Frutti: WDR-Doku beleuchtet 90er Jahre in NRW

Demos, Neon, Tutti Frutti : Doku beleuchtet 90er Jahre in NRW

Fast 30 Jahre ist es her, dass die knallbunten 90er anbrachen. Der WDR widmet dem Jahrzehnt 10 mal 45 Minuten Aufmerksamkeit. Dabei zeigt sich: Viel ist passiert - aber auch erstaunlich vieles gleich.

Man trug bauchfrei und Neon, lief mit Walkman statt Smartphone durch die Gegend und machte sich noch keine großen Sorgen um Terror oder das Klima. Blickt man von heute zurück auf die Neunziger, wirken sie auf den ersten Blick rosig und heiter. Doch das ist nur ein kleiner Ausschnitt eines ereignisreichen Jahrzehnts. Der WDR zeigt mit seiner Doku-Reihe „Unser Land in den 90ern“ einen ausführlichen und historisch präzisen Blick darauf, wie das Jahrzehnt in Nordrhein-Westfalen verlief. Am 9. August (20.15 Uhr) läuft die erste Folge, die weiteren schließen sich an den folgenden Freitagen an. 45 Minuten für jedes Jahr, von 1990 bis 1999.

„Ich war jung und brauchte das Geld“

„Mein lieber Mann, auf was hatte ich mich da nur eingelassen?“, fragt Moderator Hugo Egon Balder, der als Sprecher durch die erste Folge der Reihe führt. Damit zieht der 69-Jährige jedoch nicht sein Mitwirken an der Dokumentation in Zweifel, sondern seine Moderation der Fernseh-Show „Tutti Frutti“ vor fast 30 Jahren - der laut Balder „ersten Striptease-Show im deutschen Fernsehen“. „Ich war jung und brauchte das Geld“, so seine Rechtfertigung.

 Hugo Egon Balder moderiert am 09.08. die erste Folge der Doku-Reihe «Unser Land in den 90ern».
Hugo Egon Balder moderiert am 09.08. die erste Folge der Doku-Reihe «Unser Land in den 90ern». Foto: dpa/Karlheinz Schindler

Doch von nackter Haut über den zerstörerischen Orkan Wiebke bis hin zum Attentat auf den damaligen SPD-Kanzlerkandidaten Oskar Lafontaine in Köln dauert es in der Auftaktfolge nur ein paar Minuten. Zeitzeugen der Geiselnahme durch den irakischen Diktators Saddam Hussein kommen genauso zu Wort wie Katrin und Markus, eines der ersten Ost-/West-Liebespaare nach der Wiedervereinigung.

„Der Jubel kam zu früh“, schreibt der Historiker Klaus Farin in einem Dossier für die Bundeszentrale für politische Bildung über die Anfangseuphorie in den Jahren nach der Wiedervereinigung. Das geeinte Deutschland habe zwar viele neue Chancen geboten, aber auch ebenso viele Risiken mit sich gebracht. So stieg die Arbeitslosigkeit nach der Wende deutlich an und ein „neu grassierender, brandgefährlicher deutscher Nationalismus“ machte sich breit, erinnert sich Farin.

Neuer deutscher Nationalismus in den 90ern

Dieser zeigte sich etwa bei dem rechtsextremen Brandanschlag in Solingen im Jahr 1993, bei dem fünf Menschen ums Leben kamen. Er ist in der Doku-Reihe genauso Thema wie die Demonstrationen gegen Rechts. Überhaupt geht es oft darum, dass Menschen auf die Straße gehen - gegen Fremdenfeindlichkeit, Castor-Transporte, den Braunkohleabbau oder Studiengebühren.

Neben der politischen Großlage kommen große Medien-Events oder die Hits des Jahres zur Sprache. Dabei fokussiert sich die Reihe zwar auf die Geschehnisse in NRW, beschränkt sich aber nicht darauf - so wie politische Großlagen und popkulturelle Trends nun einmal nicht an Landesgrenzen enden.

Die Folgen werden von Prominenten gesprochen, für die das jeweilige Jahr eine besondere Bedeutung hat. Neben weiteren Moderatoren wie Reinhold Beckmann oder Sabine Heinrich wirken auch Schauspieler wie Michael Kessler, Mariele Millowitsch oder Christian Wunderlich mit.

Den 70er und 80er Jahren hat der WDR bereits ähnliche Zehnteiler gewidmet. Auch diesmal kommen nach Angaben des Senders unveröffentlichte Originalaufnahmen zum Einsatz, was die heutzutage an HD-Qualität gewohnten Augen der Zuschauer ganz automatisch auf Zeitreise schickt.

Viele Bilder aus den 90ern wieder aktuell

Doch immer wieder drängen sich Parallelen zum Hier und Jetzt auf, die weit darüber hinausgehen, dass Hits der 90er wie „I've Got The Power“ von Snap auch heute noch die Tanzflächen der Republik beschallen. So wirkten die Grünen bei ihrem ersten Einzug in den Düsseldorfer Landtag mit ihren Klimaprotesten noch wie ausgefallene Öko-Hippies, während ihre Themen heute die gesellschaftliche Debatte dominieren. Auch die Bilder von Demos gegen den Braunkohletagebau im Hambacher Forst wirken extrem vertraut.

Und die jungen Frauen, die in High Waist Jeans mit plüschigen Bändern im Haar durchs Bild spazieren, würden auch heute wieder als hip gelten. So bleiben die 90er hochaktuell - zumindest in modischen Fragen.

(dpa)