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Hätte Neviges im ablaufenden Jahr nicht einen runden Geburtstag feiern sollen?: Das Jubiläum, das nicht stattfand

Hätte Neviges im ablaufenden Jahr nicht einen runden Geburtstag feiern sollen? : Das Jubiläum, das nicht stattfand

800 Jahre Neviges –war da nicht was? Diese Frage stellte zum Beispiel WZ-Leser Axel Neubauer. Der Düsseler hatte in einem Wanderführer gelesen, dass Neviges erstmals im Jahr 1220 als damaliger Teil der unabhängigen Herrschaft Hardenberg erwähnt wurde.

Das sei doch ein Anlass zum feierlichen Gedenken, meinte Neubauer. Tatsächlich ist die Frage nach dem Alter von Neviges nicht mit einer konkreten Jahreszahl zu beantworten: „Für Neviges als Ort gibt es keine gesicherte Datierung“, sagt Stadtarchivar Christoph Schotten.

Was sie Sache nicht einfacher macht: Neviges ist ursprünglich kein Orts- oder Siedlungsname, sondern der Name eines Flusses, wie Historiker Gerhard Haun erläutert: Navigisa, der heutige Hardenberger Bach. Eigenartig sei die Wortbildung: Beide Teile, „nava“ und „gisa“, bedeuteten fließendes Gewässer/Bach/Fluss, sind aber unterschiedlichen Alters. Der aus dem Vorgermanischen stammende Bestandteil „nava“ lasse darauf schließen, dass der Flussname deutlich älter sei als erste urkundliche Erwähnungen um 1050. Aus der Bezeichnung wurde wohl später ein Eigenname: Nava-gisa, der „Nava-Bach“, was sprachlich nichts anderes als eine Doppelbezeichnung (Fluss-Fluss oder Bach-Bach) sei, so Haun.

Eine Erklärung, warum das Gewässer schon lange vor der Besiedlung der Region bekannt war, sieht der Nevigeser in der Nähe zu Strata Coloniensis (Kölnische Straße) und Hilinciweg, die vermutlich schon zu vorgeschichtlicher Zeit als wichtige Handelswege die Region durchzogen. Deren Besiedlung, zunächst mit Einzelhöfen, datieren die Historiker auf die Zeit nach 800. Die eigentliche und intensive Erschließung sei in der Zeit „der großen Rode-Epoche“ im Bergischen zwischen 1000 und 1300 erfolgt, so Haun. Bereits gegen Ende des achten Jahrhunderts hatten sich dagegen die „Hardinge“ als älteste Sippe des Gebietes im Tal der Navigisa niedergelassen. Das Herrengeschlecht habe entscheidenden Anteil am frühesten Ausbau des Landes gehabt: „An den Ufern des Baches, wahrscheinlich in Höhe des heutigen Kirchplatzes, gründeten sie zunächst einen Hof, der Oberhof für weitere Unterhöfe und Ursprung der Siedlung Neviges wurde“, so Haun. Das Dorf „Nevegis“ werde zwar 1220 urkundlich genannt, sei aber wohl schon um 1100 entstanden.

Kurt Wesoly nennt als erste Erwähnung einen Eintrag in den Urbaren (nach lat. Urbarium, in dem zum Beispiel Besitzrechte verzeichnet sind) der Abtei Werden aus der Mitte des zwölften Jahrhunderts, in der „Navagis“ vermutlich bereits als Ortsname aufzufassen sei. Im Text einer Stiftung von Ende des zehnten, Anfang des elften Jahrhunderts erscheine „Navagisa“ hingegen nur als Bachname. Ein bedeutendes Dokument ist die von Günter Aders aufgeführte Urkunde, nach der die Witwe Hellenburgis von Hardenberg und ihr Sohn Hermannus im Jahre 1220 eine fromme Stiftung errichteten. Aus dieser erhielten zwölf Priester der umliegenden Kirchen eine Spende, wenn sie alljährlich im Oktober in Neviges zum Gedächtnis der Stifter und deren Eltern Gottesdienst hielten. Die Urkunde selbst ist undatiert. Auf Basis dieses Dokumentes hat die evangelisch-reformierte Gemeinde in diesem Jahr 800 Jahre Kirche in Neviges gefeiert. Immerhin hatte die Herrschaft Hardenberg in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts laut Aders eine erkleckliche Ausdehnung: Zu ihr gehörten die Bauerschaften bzw. Honschaften Dönberg, Oben- und Untensiebeneick, Kleine Höhe, Große Höhe, Tönisheide, Neviges, Kuhlendahl, Windrath, Nordrath, Richrath, Wallmichrath, Langenberg, Vossnacken, Rottberg und Dilldorf. Letztendlich fehlt jedoch ein einigermaßen konkretes Datum, an dem man die Gründung von Neviges festmachen kann. „Da wollten die Historiker korrekt bleiben“, erläutert Schotten, warum aus der 800-Jahr-Feier nichts wurde.

Derweil hat der Hardenberger Bach, der als Navigisa dem Ort seinen Namen gab, viel von seiner Majestät eingebüßt: Im Bereich der Innenstadt ist er in ein enges Betonkorsett gezwängt, und in Richtung Auf der Beek verschwindet er bis hinter der Eisenbahnbrücke Bernsaustraße vollends in einem Tunnel, bevor er sich im Kuhlendahl gemächlich durch die Auen winden darf.