Musikgeschichte Da ist noch so viel mehr als nur die Ramones

DÜSSELDORF · Im Düsseldorfer Savoy-Theater feierte die wichtige Doku-Reihe „Millennial Punk“ Premiere, die das Genre seit dem Jahrtausendwechsel beleuchtet.

Hierzulande waren unter anderem Die Toten Hosen ganz vorne mit dabei.

Hierzulande waren unter anderem Die Toten Hosen ganz vorne mit dabei.

Foto: SWR/Bastian Bochinski/ARD Mediathek

Die Ramones haben den Punk erfunden. Die Sex Pistols irgendwie auch. The Clash? Aber sicher! Ach ja: Hierzulande waren unter anderem Die Toten Hosen ganz vorne mit dabei! Und überhaupt: CBGBs, England, Ratinger Hof: Alles Punk, alles ultimativ – da ist sich die Musikwissenschaft sicher. Egal ob sie vom Fan oder der schreibenden Zunft, von Bands oder Plattenfirmen praktiziert wird. Diana Ringelsiep indes, die als Journalistin, Podcasterin, Autorin und Punk an sich gleich mehrere dieser musikwissenschaftlich orientierten Dimensionen auf sich vereint, ist das immer zu wenig gewesen. Dieses „Ramones, Pistols, Clash und sonst eigentlich nix“-Ding. Schließlich ist sie 1985 geboren und in den 90ern aufgewachsen. Sprich: Sie hat von denen, die Punk erfunden haben, niemals irgendwen live gesehen. Als Diana Ringelsiep musikalisch in Sachen Szene und Genre sozialisiert wurde, waren alle Originale bereits tot oder Bands aufgelöst oder Musikerinnen und Musiker nicht mehr aktiv.

Und trotzdem kam die Bochumerin zum Punk. „Weil Punk ja nie weg war“, wie sie sagt. Auch nicht in den 90ern und den Nuller- und Zehnerjahren des neuen Jahrtausends. Auch in denen gab es Punk. Nur anders als früher. Es gab den „Millennial Punk“. „Das ist unser Punk. Das ist die Musik, mit der wir groß wurden und über die wir in die Szene kamen.“ Und über die hat Diana Ringelsiep gemeinsam mit drei Freunden eine vierteilige Doku-Serie gedreht, die ab sofort in der Mediathek der ARD zu sehen ist – und die nun im Kinosaal des Düsseldorfer Savoy-Theaters Premiere feierte.

Welche Relevanz die Dokureihe hat, wurde dort schon beim Blick auf die Gäste deutlich, die sich da versammelten: Im Haus an der Graf-Adolf-Straße tummelten sich Abordnungen von Toten Hosen, Broilers, Sondaschule, Kopfecho, Akne Kid Joe, KMPFSPRT, Donots, Massendefekt, Rogers, Terrorgruppe, Planlos, Montreal, WIZO, Alarmsignal und anderen. Kurzum: Protagonistinnen und Protagonisten einer ganzen Szene, die – wie Diana Ringelsiep, wie Journalist und Regisseur Felix Bundschuh, wie die Serienproduzenten Flo Wildemann und Nico Hamm – den Punk kurz vor und seit der Jahrtausendwende prägten und prägen. Millennial Punks eben. Viele von ihnen sind in der Serie zu sehen und zu hören.

Und alle zusammen sind somit beteiligt an etwas Beeindruckendem und Wichtigem: Das Quartett hinter der Doku-Reihe hat in vier jeweils gut dreiviertelstündigen Episoden nämlich gefühlt all das unter die Lupe genommen und von Aktiven der Szene erzählen, kommentieren, einordnen lassen, was musik- und popkulturell von Belang war in den vergangenen gut 25 Jahren.

Was den Punk in dieser Ära und Jahrzehnte nach seinen Anfängen noch einmal neu nach vorne brachte: Das Musikfernsehen, in dem das Genre plötzlich eine Rolle spielte und durch das diese Musik des Aufbegehrens auf einmal vermehrt in die Charts gespült wurde. Die lange vor dem Musikstreaming aufkommende, meist illegale Download-Kultur, die eben auch den Punk mehr und mehr umfassend verfügbar machte.

Ebenso aber auch rechte Umtriebe im Land, Nine-Eleven in den USA oder die mehr und mehr in den Fokus der Gesellschaft rückende Welle flüchtender Menschen – und die daraus erwachsene, noch intensivere, noch wuchtigere Politisierung des Punks. Zudem die Ablösung des Analogen durchs Digitale. Das Netzwerken innerhalb der Szene – ermöglicht durch den Siegeszug des Internets und der schnell unerlässlich werdenden sozialen Medien.

„Millennial Punk“ ist ein wildes, buntes, zu keiner Sekunde langweiliges und doch bei allem vor dem Punk-Bezug gebotenen Chaos stets strukturiertes und jede Nische des Themas ausleuchtender Beitrag zur Musikhistorie. Manchmal laut. Manchmal leise. Gleichsam vor Euphorie und Witz krachend wie tief berührend und emotional.

Die meisten der bisher über den Punk gedrehten oder verfassten Dokumentationen hörten in den 90ern einfach auf, sagt Felix Bundschuh am Premiere-Abend. Ende. Aus. Als ob es das gewesen sei mit dem Punk. Und eben darum habe man sich hingesetzt und dreieinhalb Jahre in dieses Projekt investiert. „Wir sind Millennial Punks!“, ruft er im Savoy ins Mikro und schiebt hinterher: „Was denn sonst?“ Eben. Zeit, eine gute Geschichte zu erzählen.

„Millennial Punk“ ist ab sofort in der ARD-Mediathek (www.ardmediathek.de) zu finden.

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