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Corona in NRW: Mit Impfausweis zurück ins Leben? Ein Pro und Contra

Pro und Contra : Mit dem Impfausweis zurück ins freie Leben?

Die in greifbare Nähe rückende Immunisierung gegen Covid-19 wird eine schon einmal geführte Debatte neu befeuern. Darf es einen solchen Impfausweis geben? Ein Pro und Contra.

Noch wird es viele Wochen dauern, bis mehr und mehr Menschen gegen das Coronavirus geimpft sind. Aber mit jedem Immunisierten wird der Ruf lauter werden: Nehmt uns von den strengen Corona-Regeln aus. Wir wollen eine Bescheinigung, die eben dies  belegt, dann können wir zurück ins normale Leben. Doch darf es einen solchen Impfausweis geben? Das Pro und Kontra und die Haltung der NRW-Landespolitik zu dieser heiklen Frage:

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) hatte schon im Frühjahr geplant, Corona-Schutzmaßnahmen in Zukunft nicht mehr für all jene gelten zu lassen, die eine Immunität dokumentieren. Es gab sogleich heftigen Widerstand. Es werde eine Zweiklassengesellschaft entstehen, Nicht-Immunisierte würden ausgegrenzt. Der Zugang zum Kaufhaus, zur Kultur- oder Sportveranstaltung werde nur einem Teil der Bevölkerung möglich, die Reisefreiheit der anderen werde beschränkt. Eine berechtigte Befürchtung: Die australische Airline Quantas hat vergangene Woche angekündigt, ihre Passagiere müssten demnächst eine Impfung nachweisen.

Der Ethikrat hat sich klar, aber vorläufig, positioniert

Der Ethikrat, ein wissenschaftliches Gremium für die Beratung von Regierung und Gesetzgeber,  kam im September zu dieser Einschätzung: „Der aktuelle naturwissenschaftlich-medizinische Sachstand spricht dagegen, zum jetzigen Zeitpunkt die Einführung einer Immunitätsbescheinigung zu empfehlen.“ Wichtig ist dabei freilich der Beisatz „zum jetzigen Zeitpunkt“. Denn bei Veröffentlichung des 55-seitigen Votums war noch kein Impfstoff in Sicht. Jetzt ist das anders, eine durch Injektion erlangte Immunität ist greifbar. Für diesen Fall sprach sich ein Teil der Wissenschaftler aus den verschiedensten Disziplinen sehr wohl dafür aus, stufenweise eine Immunitätsbescheidung einzuführen. Denn ein Eingriff in Grundrechte sei gegenüber solchen Personen nicht länger gerechtfertigt, wenn diese nicht mehr erkranken und die Erkrankung auch nicht weitergeben können.

Aber was ist mit der Gefahr des missbräuchlichen Erwerbs einer (falschen) Immunitätsbescheinigung?, wandten die Skeptiker im Ethikrat ein.  Auch könne ein Immunitätsausweis dazu verleiten, die Infektion gezielt zu suchen, auf „Corona-Partys“, um nach überstandener Krankheit mit entsprechender Bescheinigung wieder „frei“ zu sein. Dieses Argument dürfte freilich nicht mehr ziehen, wenn man demnächst die Immunität per Injektion, also ohne Krankheit, erlangen kann. Dann dürfte der Ruf nach einem Impfausweis lauter werden. Vor allem, wenn dann mehr und mehr Menschen immun sind.

Ablehnende Haltung
in der NRW-Landespolitik

Aber wird das so sein? Eine Sprecherin des  NRW-Gesundheitsministeriums sagt dazu: „Es gibt keine ausreichende Datengrundlage, um zuverlässige Aussagen über die Dauer der Immunität beim Menschen, d.h. von genesenen Covid-19-Patienten bzw. in Zukunft von gegen Sars-CoV-2 geimpften Personen, zu treffen.“ Für eine genauere Bestimmung seien Langzeitstudien erforderlich, bei denen der Immunitätszustand der Genesenen bzw. Geimpften über einen längeren Zeitraum beobachtet wird. Mit Blick auf einen Immunitätsausweis seien nicht nur immunologische Erkenntnisse zu berücksichtigen, sondern auch die Auswirkung auf das soziale Gefüge der Bevölkerung. Die Einführung eines „Immunitätspasses“ könnte eine Ungleichbehandlung in der Gesellschaft zur Folge haben, etwa, wenn einige Personen wieder ihrer Arbeit und ihrem gesellschaftlichen Leben nachgehen können, während andere weiter in häuslicher Isolierung und mit Kontaktsperren leben müssen, bis ein Impfstoff flächendeckend für alle verteilt werden kann.

Peter Preuß, gesundheitspolitischer Sprecher der CDU-Fraktion im Landtag, wird deutlich: „Die Frage, ob wir Menschen nach einer Corona-Impfung mehr Rechte einräumen wollen, ist politisch, moralisch und medizinisch fragwürdig, potenziell spalterisch und deshalb abzulehnen.“ Es könnte eine Spaltung zwischen denen, die schon geimpft sind, und denen, die noch nicht geimpft sind (vielleicht ja auch aus medizinischen Gründen) geben. Preuß betont, die Impfung garantiere keine dauerhafte Immunität. Ein offizieller Immunitätsausweis wäre somit eine Momentaufnahme und könnte ein falsches Gefühl von Sicherheit herstellen. Es sei nicht auszuschließen, dass immune Personen dennoch das Virus weitertragen können. Preuß betont: „Wir wollen eine echte Freiwilligkeit der Impfung und keinen indirekten staatlichen Druck, sich impfen zu lassen.  Was wäre, wenn Arbeitgeber vor dem Antritt einer neuen Stelle einen Immunitätsausweis sehen wollen? Spätestens da – wenn nicht schon bei der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben – hätten wir de facto eine Impfpflicht.“

Ähnlich argumentiert auch Josef Neumann, der gesundheitspolitische Sprecher der SPD-Fraktion im Landtag: „Aktuell ist es wissenschaftlich nicht abschließend erwiesen, dass nach der ,Gesundung‘ keine weitere Ansteckungsgefahr gegeben ist. Insbesondere in Verbindung mit einer Impfung halte ich einen solchen Ausweis für ein falsches Signal, da damit unterschwellig auch ein Impfzwang im Raum steht.“