Wolfgang Bosbach im Porträt: Preußischer Rheinländer in Berlin

Wolfgang Bosbach im Porträt: Preußischer Rheinländer in Berlin

Wolfgang Bosbach (CDU) sitzt seit 15 Jahren im Bundestag – bisher immer als Direktkandidat.

Rhein.-Berg. Kreis. Wenn Wolfgang Bosbach nicht einschlafen kann, macht er das Fernsehen an. "Ich suche mir eine Sportsendung, weil der letzte Gedanke auf keinen Fall Politik sein soll", sagt der Bundestagsabgeordnete. Dennoch lasse ihn die Politik manchmal nicht los. Zwar rege er sich heute nicht mehr so leicht auf wie früher. "Aber ich nehme mir sehr viel zu Herzen, und es gibt immer noch Dinge, die mich um den Schlaf bringen", gesteht der Christdemokrat.

Und nennt ein Beispiel, das wenige Wochen her ist: "Wenn in Agenturen behauptet wird, ich sei für eine Internetpolizei oder einen Internetausweis, und das ist nachweislich falsch, dann weiß ich, dass mein Büro am nächsten Tag mit Protest-E-Mails überschwemmt wird. Darüber kann ich mich aufregen, auch noch nach 37 Jahren Politik."

In den knapp 40 Jahren Politikerleben hat Wolfgang Bosbach vieles erlebt - und vieles verpasst. Denn im normalen Arbeitsalltag bleibt für die Familie keine Zeit. Sind Bundestagssitzungen, verbringt er die Woche in Berlin. In der sitzungsfreien Zeit reist er durch die Bundesrepublik. Und an den Wochenenden arbeitet der 57-Jährige noch als Anwalt für eine Kanzlei in Bergisch Gladbach. "Die Kinder sind viel zu schnell groß geworden."

Caroline (19), Natalie (17) und Viktoria (13) sehen ihren Papa selten. "Vor drei, vier Jahren habe ich im Urlaub gegen Viktoria Schach gespielt. Ich wusste nicht einmal, dass sie Schach spielen kann, geschweige denn wie gut. Das alles hatte ihr mein Vater beigebracht. Bei so kleinen Situationen merkt man, wie vieles man verpasst."

Wird Bosbach wiedergewählt, kommen weitere vier Jahre Abwesenheit dazu. Dennoch hat er seine erneute Kandidatur nicht mit der Familie abgesprochen. "Ich glaube, die wären überrascht, wenn ich jetzt auf einmal den ganzen Tag zu Hause wäre. Das wäre für meine Frau ein mittlerer Schock", sagt der Abgeordnete und lacht.

Doch so langsam müsse er sich wohl mit dem Gedanken vertraut machen, von der Politik loszulassen. Wolfgang Bosbach kandidiert zum fünften Mal. Ob es seine letzte Kandidatur ist, kann er nicht sagen. "Aber fest steht eins, mit den Füßen voran werde ich nicht aus dem Parlament getragen. Ich möchte unter allen Umständen vermeiden, dass man hinter meinem Rücken tuschelt: Wird aber Zeit, dass der Alte jetzt mal endlich aufhört."

An der Sinnhaftigkeit seiner politischen Arbeit habe er noch keinen Tag gezweifelt. "Ich gehe jeden Tag gerne ins Büro, das Mandat macht mir nicht nur Arbeit, sondern auch Freude", sagt der Christdemokrat.

Allerdings habe er schon mehr als einmal den Gedanken gehabt, sein Amt als stellvertretender Fraktionsvorsitzender aufzugeben. "Man stößt immer wieder an einen Zwiespalt: Du sollst die Fraktion zusammenhalten, eine überzeugende Mehrheit bilden, aber auch deiner eigenen politischen Überzeugung treu bleiben."

Beim Waffenrecht beispielsweise sei er sehr erstaunt gewesen, gerade nach der Tragödie von Winnenden, wie viel Widerstand es in der eigenen Fraktion gegen eine Verschärfung des Gesetzes gegeben habe. "Man muss eins sehen: Kritik vom politischen Gegner steckst du weg, das gehört zum Geschäft. Aber wenn du aus den eigenen Reihen angegriffen wirst, das tut dann schon weh."

Dennoch hat der stellvertretende Fraktionsvorsitzende sein Amt behalten. "Da bin ich pflichtbewusster Preuße. Und noch macht die Arbeit mehr Freude als Ärger."

Nach der Wahl könnten sich für Wolfgang Bosbach neue Perspektiven eröffnen, beispielsweise ein Ministerposten. "Auch wenn es mir keiner glaubt, ich will kein bestimmtes Amt. Entweder ich bekomme ein attraktives Angebot oder ich bleibe einfacher Abgeordneter. Ich bin da zu 100 Prozent Rheinländer. Et kütt, wie et kütt."

Mehr von Westdeutsche Zeitung